Ein großer Moment im Schach (Teil 4)

23.09.2008 – Im dritten Teil seiner Reihe "Ein großer Moment im Schach" hatte Prof. Christan Hesse Reykjavik am 13. Juli 1972 um 18:00 Uhr verlassen. Zu diesem Zeitpunkt hatte Schiedsrichter Lothar Schmid die zweite Partie des Wettkampfes zwischen Boris Spassky und Robert Fischer kampflos als Sieg zugunsten des Weltmeisters gewertet, da Fischer nicht erschienen war. Spassky, der Organisator Thorarinson und viele Schachfreunde in der Welt waren betrübt über diesen Verlauf der Ereignisse. Die meisten Journalisten rechneten nicht damit, dass der Kampf fortgeführt werden würde und hatten schon ihre Rückflüge gebucht. Auch Fischer hatte sich für den Flug am 17. Juli um 15.15 Uhr schon einen Platz reservieren lassen. Doch dann entschied er sich noch anders. Was gab den Ausschlag: Der Anruf von US-Außenminister Kissinger, ein Gespräch mit Lina Grumette oder Euwes Telegramm an Schmid, in dem der FIDE-Präsident Anweisungen für die weitere Verfahrensweise gab? Lesen Sie im vierten Teil, unter welchen Umständen der Wettkampf fortgeführt wurde und wie Spassky sich später in Bonn dazu äußerte. Ein großer Moment im Schach (Teil 4)...

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Ultimately chess is just chess - not the best
thing in the world and not the worst thing in
the world, but there is nothing quite like it.

W.C. Fields

Ein großer Moment im Schach (Teil 4)

Von Professor Dr. Christian Hesse

Teil drei unserer Reihe “Ein großer Moment im Schach” endete mit dem Geschehen in Reykjavik am Donnerstag, den 13. Juli 1972 um 18:00 Uhr, als Hauptschiedsrichter Lothar Schmid die zweite Partie als kampflosen Sieg für Spassky wertete, da Fischer nicht zur Partie erschienen war. Spassky, der eine Stunde am Tisch gesessen und auf Fischer gewartet hatte, ging hinter die Bühne und man konnte hören, wie er murmelte: “Schade, so schade.”

Thorarinson, der Hauptorganisator des Wettkampfs war niedergeschlagen und glaubte, der Wettkampf sei vorbei. Nur ein Gedanke gab ihm etwas Hoffnung. ”Bobby ist ein Kämpfer. Wie kann er aufgeben, wenn Spassky vorne liegt?”

Dennoch, die meisten Journalisten hatten bereits Flüge gebucht, um die Insel zu verlassen. Fast einhellig, selbst unter den Amerikanern, war man der Meinung, Fischers Verhalten sei eine Schande. Einige entschuldigten sich im Namen ihres Landes bei den Isländern. Ein US-Bürger meinte: “Fischer ist der Einzige, der es schafft, dass jeder Amerikaner für die Sowjetunion ist.”

Die Ereignisse in Island sorgten weiter für Schlagzeilen auf den Titelseiten. Die Washington Post schrieb, dass “Fischer Millionen von Schachfans in der ganzen Welt vor den Kopf gestoßen hätte.” Und die New York Times berichtete ausführlich über das “Patt” in Reykjavik, um nur zwei Beispiele zu nennen.


Bild und Titelzeile in der New York Times

Bobby Fischer protestierte in einem langen, an Lothar Schmid gerichteten, Brief, den er persönlich in den frühen Morgenstunden des 14. Juli in Schmids Hotelzimmer übergab, offiziell gegen die kampflose Niederlage. Ein weiterer Anwalt von Fischer, Andrew Davis, kam ein paar Stunden später aus den USA an, um die Mitglieder des Wettkampfkomitees zu überzeugen, Schmids Entscheidung zu überstimmen. Das Komitee traf sich zehn Uhr morgens am gleichen Tag. Es bekräftigte die Entscheidung des Schiedsrichters.

Nach dieser Entscheidung bat Fischer Fred Cramer, sein Chefassistent in Reykjavik, sich darauf vorzubereiten, Island zu verlassen. Kurze Zeit später bekommt er eine Reservierung für den 15:15 Uhr Flug nach New York am 17. Juli. Fischer meinte zu Cramer: “Ich möchte, dass du diese Tickets heute abholst und hier zu mir bringst. Dann möchte ich, dass du dir einen Plan ausdenkst, wie ich unbemerkt zum Flugzeug komme. Sie könnten versuchen, mich daran zu hindern. Das muss geheim sein.”

Währenddessen befindet sich Henry Kissinger in San Clemente, Kalifornien, und ist bei einem amerikanisch-sowjetischen Gipfeltreffens in ausführliche Gespräche mit dem sowjetischen Botschafter Anatoly Dobrynin verwickelt. Irgendwann im Laufe des Tages fand er die Zeit, Reykjavik 22322 anrufen zu lassen, die Nummer, unter der Fischer zu erreichen war. Außerdem trafen noch zahlreiche Telegramme an, in denen Fischer aufgefordert wurde, zu spielen.

Am gleichen Tag traf sich Fischer nachmittags zum Essen mit einer älteren Dame, Lina Grumette, die er vor langer Zeit in Kalifornien kennen gelernt hatte. Später erzählte sie: “Ich habe ihm die Hölle heiß gemacht. Ich habe ihm erzählt, wenn er aus dem Match aussteigen würde, dann wäre er erledigt. Überall, wo Schach gespielt wird, wäre er ein Schimpfwort. Oh, ich habe es ihm wirklich gegeben. Er hat sehr ernsthaft zugehört. Er sagte nicht, er würde spielen, aber ich habe ihn aufgerüttelt und ich glaube, er war froh.”

Am Nachmittag des 15. Juli traf ein Telegramm für Lothar Schmid ein: “Falls Fischer zur dritten Partie nicht erscheinen sollte, entscheidet der Präsident der FIDE wie folgt Stopp wenn Fischer zur vierten Partie nicht erscheinen sollte, dann wird der Wettkampf abgebrochen und Spassky zum Weltmeister erklärt Stopp Euwe“

Es ist schwer zu sagen, was schließlich den Ausschlag gegeben hat. Vielleicht war es Kissingers Anruf oder das Gespräch mit Lina Grumette oder die Telegramme, die er erhalten hatte, oder eine Mischung aus all diesem. Sein Anwalt Paul Marshall erzählte später: “Bobby hatte genau so viel Angst Island zu verlassen wie er gehabt hatte, nach Island zu kommen. Als eine Entscheidung gefällt werden musste, war seine Angst vor dem Unbekannten größer als seine Angst zu spielen. Aber täuschen Sie sich nicht, er fürchtete sich zu spielen.”

Bekanntlich hat Fischer die Entscheidung, weiter zu spielen, fast in allerletzter Minute getroffen, am Sonntag, den 16. Juli, der Tag, an dem Partie drei angesetzt war, irgendwann im Laufe des frühen Nachmittags. Zuvor hatte er Cramer gebeten, seine Reservierung auf den letzten Flug, der an diesem Tag von Reykjavik ging, umzubuchen. Gegen drei Uhr nachmittags klopfte Cramer an Fischers Tür, um ihn für den Flug abzuholen. Fischers Sekundant, William Lombardy, öffnete die Tür und Paul Marshall war ebenfalls im Zimmer, in dem überall verstreut Telegramme lagen.

Fischer: “Dieser Zweipunkte-Rückstand macht es schwer. Aber ich kann es immer noch schaffen.”

Marshall: “Ich weiß, dass du das kannst, Bobby.”

Fischer: “In Ordnung. Aber du musst mich ins Hinterzimmer kriegen.”

Marshall handelte, indem er Schmid anrief und ihm sagte, Fischer hätte sich einverstanden damit erklärt, zu spielen, wenn die dritte Partie in einem kleinen, etwa drei mal neun Meter großen abgetrennten Raum hinter der Bühne ohne Kameras stattfinden würde, außer Sichtweite der Zuschauer in der Haupthalle. Normalerweise wurde hier Tischtennis gespielt. Der Vertrag von Amsterdam, den beide Spieler unterzeichnet hatten, legte fest, dass eine Partie in dieses Zimmer verlegt werden konnte, wenn es in der Haupthalle zu einer Störung kam. Aber da es keine Störung gab, meinte Schmid, er würde seine Kompetenzen überschreiten, wenn er Partie drei einfach dorthin verlegte. Er musste Spasskys Einverständnis bekommen. Er rief den Weltmeister sofort an. Spassky sagte: “Pozhaluista” (Ich habe nichts dagegen.) Er traf die Entscheidung, ohne sich mit seinem Team zu besprechen. Die Teammitglieder erfuhren erst davon, als sie ihre Plätze im großen Zuschauerraum einnahmen. Spassky war der Meinung, er müsste Fischer für den Gratispunkt etwas zurückgeben.

Wenig später, ein paar Minuten vor fünf Uhr Nachmittags, befand sich Lothar Schmid in dem Tischtennisraum. Er enthielt nicht sehr viel mehr als einen schwarzen Chromsessel für Fischer und einen einfachen Stuhl für Spassky sowie einen Spieltisch.


Der Originalspieltisch des Wettkampfs Fischer-Spassky 1972

Schmid öffnete ein Fenster. Man könnte hören, wie draußen Kinder spielten. Spassky kam kurze Zeit später und suchte nach Fischer. Aber er war nicht da. Spassky setzte sich ans Brett. Dann kam Fischer an. Und sein Blick fiel sofort auf eine Fernsehkamera, die in der Decke installiert worden war, um die Partie für die Zuschauer in der Haupthalle, die Journalisten im Presseraum und die Kommentatoren zu übertragen. Die Kamera war in Decken eingehüllt. Die Zuschauer hatten jeder 5 Dollar bezahlt und manche beschwerten sich später, dass nur ein Fernsehschirm und nicht die wirkliche Partie zu sehen war.

“Keine Kameras!”, brüllte Fischer. Er ging im Zimmer auf und ab, wobei er die Schalter an der Wand an- und ausschaltete. Schmid bat ihn, damit aufzuhören, da Spassky dadurch gestört würde. “Halt den Mund, Lothar!”, brüllte Fischer Schmid an.

Spassky wurde weiß und stand auf. Schmid erinnerte sich später: ”Als Bobby mich anschrie, war Boris aufgebracht und sagte “Wenn ihr nicht aufhört zu streiten, dann kehre ich in Halle zurück und verlange, dort zu spielen.” Spassky war bereits an der Tür. Schmid geriet in Panik. Er flehte Spassky an: ”Boris, du hast es versprochen.” Spassky zuckte mit den Schultern. Schmid wandte sich an Fischer: ”Bobby, bitte sei freundlich.” Schmid erinnert sich: ”Ich hatte das Gefühl, es gab nur eine Möglichkeit, sie zusammenzubringen. Sie waren zwei erwachsene Jungs und ich war der Älteste. Ich packte beide und drückte sie an der Schulter auf ihre Plätze und sagte: ”Spielt jetzt Schach!” Und beinahe automatisch führte Spassky den ersten Zug aus, 1. d4, den gleichen, den er in Partie 1 gespielt hatte.”

Fischer überlegte erst noch weiter, ob er bleiben oder gehen sollte. Aber dann nahm er um 17:09 seinen Königsspringer und zog ihn nach f6. Sein Wunsch, Schach zu spielen, hatte die Oberhand gewonnen. Der Weltmeisterschaftskampf war gerettet. Die Zuschauer in der Halle klatschten starken Beifall. Den die Spieler jedoch nicht hören konnten.

Die hier beschriebenen Ereignisse bilden den psychologisch entscheidenden Moment des gesamten Wettkampfs. Fischer lag zwei ganze Punkte zurück. In seinem ganzen Leben hatte er noch nie gegen Spassky gewonnen. In Partie 1 hatte er eine Remisstellung verdorben. Und jetzt hatte er Schwarz. Als er in das kleine Zimmer hinter der Bühne kam, war sein Gesicht grau-weiß, beinahe grün. Aber er spielte die dritte Partie praktisch vom ersten Zug an auf Gewinn, wobei er früh ein völlig neues Konzept verfolgte. Er spielte diese Partie, als ginge es um sein Leben. Und er gewann sie mit sehr feinem Spiel. Sie änderte die psychische Verfassung beider Spieler. Fischer hatte sich bewiesen, dass er Spassky schlagen konnte. Und mit Schwarz.


Ein Foto der Associated Press, das zeigt, wie Fischer den Laugardalsholl-Saal verlässt, nachdem Spassky Partie drei aufgegeben hatte

Am 21. Januar 2007 gab Boris Spassky in Bonn eine Simultanvorstellung. Vor der Veranstaltung sprachen er, Lothar Schmid und Dr. Helmut Pfleger vor zahlreichem Publikum über die Ereignisse und die Psychologie des Wettkampfs in Reykjavik.

Nach der Veranstaltung lud eine kleine Gruppe, darunter Schmid und der Autor, Spassky in ein örtliches Restaurant zum Abendessen ein.

So konnte ich ihn über die Situation vor Beginn der dritten Partie in Reykjavik befragen. Spassky meinte, als Fischer mit Schmid zu streiten begann und sagte, er solle den Mund hatten, hätte er selbst aufstehen und sagen sollen: “Meine Herren, unter diesen Umständen spiele ich nicht. Ich gehe. Sie können diese Partie als kampflose Niederlage werten, aber ich spiele nicht. Fischer wäre in einer sehr schwierigen psychologischen Situation gewesen. Aber ich habe diese Gelegenheit verpasst.”

Stattdessen brauchte Spassky die ganze erste Hälfte des Wettkampfs, um sich psychologisch wieder aufzubauen. Zu diesem Zeitpunkt verfügte Fischer jedoch bereits über einen deutlichen Vorsprung, der praktisch nicht mehr aufzuholen war. In der zweiten Hälfte verlief der Wettkampf ausgeglichen und Fischer behielt seinen Vorsprung, um schließlich ein Endergebnis von 12,5 8,5 zu erzielen und der elfte Weltmeister der Schachgeschichte zu werden.

Über den Autor

Christian Hesse hat an der Harvard University promoviert und war bis 1991 Fakultätsmitglied der University of California in Berkeley. Seitdem ist er Professor für Mathematik an der Universität Stuttgart. Nachfolgend war er Gastprofessor und Gastdozent an Universitäten in der ganzen Welt, von der Australian National University in Canberra bis zur Universität in Concepcion-Universität in Chile. Vor kurzem veröffentlichte er das Buch “Expeditionen in die Schachwelt” ISBN 3-935748-14-0), eine Sammlung von ungefähr 100 Essays, die der Wiener Standard eines “eines der geistreichsten und lesenswertesten Bücher, die je über das Schachspiel verfasst wurden” nannte.
Christian Hesse ist verheiratet, hat eine sechs Jahre alte Tochter sowie einen zwei Jahre alten Sohn und lebt in Mannheim.
Ihm gefällt Voltaires Antwort, als sich jemand einmal bei ihm beklagte: ”Das Leben ist hart.” - “Verglichen womit?”


Frühere Artikel:

Ein großer Moment im Schach...

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