Frisch rezensiert: 10 Golden Rules of Endgame Play von Karsten Müller und Leon Mendonca

von Lukas Köpl
20.06.2026 – Die Endspielphase ist eine faszinierende Welt für sich. Ganze Schachschulen gründeten auf der Ansicht, mit der Kunst der Endspielführung zu beginnen. In einer Kooperation haben nun Karsten Müller und Leon Mendonca einen allgemeinen Leitfaden herausgebracht, mit dessen Hilfe man sich auch ohne konkretes Endspielwissen anhand von 10 (goldenen) Faustregeln behelfen soll. Lukas Köpl, seinerseits ein großer Freund einer jeden Endspielrubrik und jemand, der mit Müllers frühen Werken schachlich groß geworden ist, hat sich den Kurs angesehen und seine Eindrücke zusammengefasst.

Geniessen Sie Capablancas feine Technik, Tals Magie, Laskers Kampfgeist, Petrosians Verteidigungskunst, Smyslovs Gefühl für Harmonie sowie Aljechins und Spasskys Angriffskunst.

Autorenduo

Karsten Müller zählt seit Jahrzehnten zu den weltweit einflussreichsten Endspielautoren. Der deutsche Großmeister veröffentlichte zahlreiche Standardwerke, darunter die legendäre Endspielserie zu sämtlichen Endspielthemen. Man kann sagen, dass Müller einen der wichtigsten Beiträge zur Endspiellehre beigesteuert hat.

Leon Mendonca ist indischer Großmeister und repräsentiert eine jüngere Generation professioneller Spieler. Seine Rolle besteht in diesem Kurs vor allem darin, die vorgestellten Regeln aus der Perspektive eines praktischen Turnierspielers zu hinterfragen und anzuwenden. Dieses Konzept soll die Distanz zwischen Theorie und Praxis verringern.

Während manche Leser bereits mit beiden Autoren vertraut sind, kennen viele das Duo noch nicht und bekommen dazu im Kurs auch nicht wirklich die Gelegenheit, da Karsten Müller direkt losprescht, indem er den Kursinhalt klarstellt und die beiden Autoren namentlich in einem Halbsatz erwähnt. Dass der Kurs beginnt noch bevor sich die beiden Protagonisten wirklich vorstellen konnten führt zu einem Vakuum, welches sich durch die gesamte Einleitung zieht und nicht nur Mendonca offensichtlich verwirrt und stumm zurücklässt, sondern beim ersten Anhören auch mich.

In fast 4 Stunden Videospielzeit führt Karsten Müller Ihnen Sensationen aus der Endspielwelt vor, die teilweise weit über das Verständnis von Standardtechniken und Faustregeln hinausgehen.

Kursstruktur und Zielsetzung

Den Kern des Kurses bilden die im Titel propagierten zehn goldenen Regeln der Endspielführung. Diese bilden das Grundgerüst, anhand derer man die illustrierenden Übungen im Theorieteil sowie den im Anschluss an den Kurs folgenden Übungsteil behandeln soll.

Inhalt des Kurses

  • König aktivieren
  • Turm aktivieren
  • Zugzwang ist die schärfste Endspielwaffe
  • Gegnerische Figuren einschränken
  • Jeder Abtausch begünstigt eine Seite
  • Nichts übereilen!
  • Das Prinzip der zwei Schwächen
  • Freibauern sollten nach vorne gedrückt werden
  • Läufer mögen offene Stellungen
  • Ungleichfarbige Läufer haben zwei Gesichter

Der Kurs folgt grundlegend dem Prinzip eines Lehrer-Schüler-Austausches bzw. einer Trainingssitzung mit einem Trainer, wobei der Lehrer (hier Karsten Müller) dem Schüler Konzepte vorstellt und erklärt und den Schützling im Anschluss anhand von Übungsstellungen testet. Das Vorgehen selbst ist durchaus sinnvoll und erlaubt Ideen wirkungsvoll an den Schüler zu tragen.

Jedoch kommt es häufig vor, dass nach der eingangs von Müller gestellten Frage, Mendonca nicht zu einer vollen Antwort kommt, da direkt fortgesetzt wird und man seine Erläuterungen häufig nicht zu Ende hören kann. Hier wäre entweder ein etwas weniger straffer Zeitplan oder aber ein feineres Gespür hierfür sinnvoller und für den Kurs zielführender gewesen.

Schwarz am Zug. Sollte Schwarz …Ke6 oder …Ld7 spielen?

Zusatzmaterial

Neben den Beispielstellungen aus den Videolektionen sind zusätzlich 40 Übungen im ChessBase- bzw. Ebook-Format beigefügt worden. Dies ist sehr positiv hervorzuheben, da die Beispiele größtenteils mit Hilfe der Endspielregeln, die im Kurs vorgestellt werden, gelöst werden können. Dadurch kann man sein Wissen selbst testen oder aber für die Vereinsarbeit kleine Testbögen erstellen, um das Wissen der Schüler abfragen und evaluieren zu können.

Zielgruppe

Die „10 Goldenen Regeln der Endspielführung“ sind durchaus sinnvoll, auch wenn sie oft einen sehr allgemeinen Charakter tragen, jedoch statistisch häufig vorkommen und einen Kompass durch das trübe Gewässer zahlreicher Endspiele darstellen.

Während im Kurs durchaus sehr schnell und häufig deutlich wird, dass neben diesen Endspielprinzipien das Konkrete stets Hausrecht besitzt, so dienen sie Anfängern und Fortgeschrittenen Spielern beim Umgang mit Endspielen als Orientierungshilfe. Daher würde ich die Zielgruppe hier bei 1200 bis 1600 Elo sehen, da darüber hinaus bereits konkreteres Wissen immer wichtiger wird.

In diesem Videokurs werden die möglichen Aufstellungen, die Schwarz wählen kann, in allen Einzelheiten vorgestellt. Sie werden die wichtigsten Konzepte und Strategien lernen, um diese fantastische Eröffnung in Ihr Repertoire aufzunehmen.

Fazit

Ein Produkt, welches allein aufgrund seiner Konzeption und der Expertise beider Spieler einen wertvollen Beitrag hätte leisten können wird aufgrund von schlichtweg undurchdachter Aufmachung abgewertet. Wo zehn nutzenbringende Regeln der Endspielführung den Takt angeben sollten, häufen sich Ausnahmen und Überschneidungen von Motiven, anhand derer die Wichtigkeit dieser Endspielprinzipien etwas ad absurdum geführt wird.

Was von diesem Kurs bleibt, sind die Ansätze, die Leon Mendonca während des Lösens der Endspielstellungen aufzeigt sowie das Material selbst, welches gut strukturiert ist und für den eigenen Gebrauch daheim oder im Verein genutzt werden kann. Auch das zusätzliche Übungsmaterial ist üppig und lässt einen verwertbaren Kurs zurück, der jedoch mit zu den schwächeren von Karsten Müller zählen dürfte – und das sagt jemand, der absolut sämtliche Werke verschlungen hat und der mit Hilfe seiner legendären Endspielreihe eine Leidenschaft für das Endspiel entwickeln durfte. Nicht selten zitiere ich Müller im Vereinstraining, wenn es mal wieder heißt „Das wäre gute Technik!“ Diese würde ich mir auch wieder bei seinem nächsten Kurs wünschen!

Gesamtwertung: ★★  2/5

Positiv:
✔ Kompaktes Basiswissen zur Orientierung im Endspiel
✔ Gut aufbereitetes Material
✔ Zahlreiche Übungen für das häusliche Studium

Negativ:
– Die Idee des Lehrer-Schüler-Austausches gelingt hier nur bedingt und bricht immer wieder mit dem Konzept
– Durch die Improvisation beider Seiten kommt nicht selten Verwunderung auf – beim Zuschauer sowie bei den Autoren

Zu den Autoren:

GM Dr. Karsten Müller wurde am 23. November 1970 in Hamburg geboren. Er studierte Mathematik und graduierte 2002. Seit 1988 spielt Müller für den Hamburger SK in der Bundesliga und errang den Großmeister-Titel 1998. Zusammen mit Frank Lamprecht ist er Autor der hochgeschätzten Werke Secrets of Pawn Endings (2000) und Fundamental Chess Endings (2001), mit Martin Voigt Danish Dynamite (2003), mit Wolfgang Pajeken How to Play Chess Endgames (2008), mit Raymund Stolze Kämpfen und Siegen mit Hikaru Nakamura (2012) and schließlich zwischen 2004 und 2012 Autor der Chess (Cafe) Puzzle Books 1-4 (3 mit Merijn van Delft, 4 mit Alex Markgraf), kürzlich mit Stefan Becker Ask the Pieces (2013), eine fritztrainer/chess coaching DVD. Aufmerksamkeit fand Müllers Buch Bobby Fischer, The Career and Complete Games of the American World Chess Champion (2009), besonders auch seine exzellente Serie von ChessBase-Endspiel-DVDs Schachendspiele 1-14. Müllers beliebte Rubrik Endgame Corner erscheint unter www.chesscafe.com seit Januar 2001, seine Rubrik Endspiele im ChessBase Magazin seit 2006. Der viel beschäftigte, weltweit anerkannte Endspiel-Experte wurde 2007 als "Trainer des Jahres" vom Deutschen Schachbund ausgezeichnet.

Mehr Produkte vom Autor gibt es im ChessBase-Shop

Luke Leon Mendonca ist ein junger (Jahrgang 2006) Großmeister aus Indien, der den Großmeistertitel erreichte, als er 14 Jahre alt war. Er ist ein sehr aktiver Spieler und hat eine Menge Eröffnungsideen, die er inzwischen in mehreren Videokursen für ChessBase präsentiert.

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--> WEITERE REZENSIONEN <--

In diesem Videokurs beschäftigen wir uns mit Damenindisch nach 1.d4 Sf6 2.c4 e6 3.Sf3 b6. Wir werden die Besonderheiten der möglichen weißen Möglichkeiten gegen diese grundsolide Eröffnung analysieren.


Lukas Köpl, geboren 1989, ist ein leidenschaftlicher Vereins- und Turnierspieler, der mit aktiver Trainer- und Schiedsrichterlizenz seit mittlerweile über 15 Jahren erfolgreich als Schachtrainer tätig ist. Zu seinem erweiterten Themenfeld zählen journalistische Tätigkeiten für Schachzeitschriften und Verlage sowie die aktive Vereins- und Jugendarbeit. Als Schachspieler vertrat er über die Jahre in diversen Ligen bei mehreren Vereinen das Spitzenbrett.
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