Die eigene Schwarz-Eröffnung mit Weiß zu spielen, ist eine reizvolle Angelegenheit, schließlich locken ein Mehrtempo und der „Heimvorteil“, mit den entstehenden Strukturen vertraut zu sein. Drei solcher „Reversed Colour Systems“ sind das Thema des neuen Mittelspiel-Kurses von Großmeister Ivan Sokolov: Benoni, das Blumenfeld-Gambit sowie das Benko-Gambit, hierzulande auch Wolga-Gambit genannt, jeweils farbvertauscht mit Weiß.
Elf ausführlich kommentierte Musterpartien mit insgesamt 5 Stunden und 50 Minuten Videolaufzeit bilden das Herzstück des Kurses, davon entfallen sechs Partien auf farbvertauschtes Benoni, vier auf farbvertauschtes Benko, allerdings nur eine auf farbvertauschtes Blumenfeld.
Mit Schwarz sind Benoni, Wolga & Co. zwar spielbar, aber objektiv gesehen wandelt der Nachziehende auf einem schmalen Grat. Wie gut es farbvertauscht laufen kann, zeigt folgendes Beispiel:
1.c4 e6 2.g3 d5 3.Lg2 Sf6 4.Sf3 d4 Schwarz lässt sich auf Benoni Reversed ein. Das ist völlig okay, aber natürlich alles andere als erzwungen. Es gibt solide Alternativen wie 4…dxc4 oder 4…Le7, die nicht Teil von Sokolovs Kurs sind. 5.0-0 Sc6 6.e3 e5 7.exd4 exd4?! Schwarz sollte in die Komplikationen nach 7…e4! gehen, aber wer das nicht weiß, greift vielleicht eher zum Partiezug. 8.d3+=
Hier fehlt Schwarz einfach das eine Tempo, das er mit vertauschten Farben hätte. Die Mobilisierung seiner Kräfte ist etwas zu langsam.
8…Le7 9.Sa3! Geht dem Benoni-Spieler leicht von der Hand, der Springer gehört nach c2. 9…0-0 10.Sc2 Lf5 11.a3 a5 12.b3 Dd7 13.Te1 Tfe8 14.Dd2
Der Bauer d4 ist schwach und der Vorstoß b3-b4 bleibt ein Thema. Schwarz hatte große Probleme und verlor in A. Esipenko-K. Lagno, RUS 2023.
Natürlich läuft es nicht immer so flüssig. Sokolov weist auch auf das imminente Risiko dieser farbvertauschten Systeme hin: Mit Weiß dem Gegner den Raumvorteil zu überlassen, ist strategisch verpflichtend und kann auch damit enden, dass das Pendel am Ende gegen den Anziehenden ausschlägt.
K. Shevchenko-P. Eljanov, HUN 2023
1.c4 e6 2.g3 d5 3.Lg2 Sf6 4.Sf3 Le7 5.0–0 0–0 6.b3 c5 7.Lb2 d4 8.b4 a6 9.bxc5 Sc6 10.d3 e5 11.Sbd2 Sd7 12.Tb1 Sxc5
Schwarz hat einen schönen Springer auf c5 und mehr Raum. Weiß kann hier noch genügend Spiel entfalten, um dies auszugleichen. In der Partie gelang es ihm jedoch nicht und der ukrainische Großmeister gewann mit den schwarzen Steinen nach und nach die Oberhand.
Generell bevorzugt Sokolov in seinem Kurs keine der beiden Seiten. Sowohl für Weiß als auch für Schwarz werden die typischen Ideen demonstriert. Nicht zufällig gewinnen beide jeweils fünf der elf Musterpartien, eine endet unentschieden.
Was der Kurs explizit nicht ist, ist eine theoretische Abhandlung oder ein Repertoire-Kurs. Falls Sie dies benötigen, müssen Sie selbst nacharbeiten. Wer als Weißer mit dem Mikroskop objektiven Vorteil anstrebt, sollte allerdings besser in den Hauptsystemen suchen. Im farbvertauschten Benoni oder Benko sind eher strategisch komplexe Spielstellungen zu erwarten; die Theorie ist vergleichsweise früh zu Ende. Die Engine bewegt sich häufig im Ausgleichsbereich, aber die Figuren bleiben auf dem Brett und es ist vieles möglich.
Ding Liren-A.Giri, Tata Steel Master 2023
1.c4 e6 2.g3 d5 3.Lg2 Sf6 4.Sf3 Le7 5.0–0 0–0 6.b3 d4 7.e3 c5 8.Se5 Dc7 9.f4 Sbd7 10.Sd3 e5 11.Sa3 a6 12.Lb2 Ld6 13.g4
Auch in dieser verrückten Stellung einer Partie zwischen zwei Weltklassespielern ist vieles möglich. In der Folge überspielte Ding Liren seinen Gegner sehenswert, verlor dann aber den Faden.
Fazit
Wer Benoni oder Benko mit vertauschten Farben spielt oder spielen möchte, wird aus dem Mittelspielkurs von Ivan Sokolov einiges an strategischen Konzepten mitnehmen. Dies gilt genauso für Schwarzspieler, die sich mit frühem …d5-d4 darauf einlassen, denn der erfahrene niederländische Trainer zeigt die typischen Ideen für beide Seiten. Das farbvertauschte Blumenfeld-Gambit wird mit nur einer Musterpartie, in der das weiße Konzept zudem nicht gut aufging, eher nebenbei behandelt.

Ivan Sokolov ist ein niederländischer Schachgroßmeister und Autor populärer Schachbücher. Er war 1988 jugoslawischer Meister und 1995 und 1998 niederländischer Meister. Seit mehr als zwei Jahrzehnten gehört er zu den Elite-Spielern und hat viele der stärksten Spieler der Welt geschlagen.
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