Dortmund 1992: Hübner schlägt Kasparov

von Johannes Fischer
07.08.2026 – Am 1. August 2026 haben die die 53. Dortmunder Schachtage begonnen, ein Turnier mit langer Tradition. Ein Höhepunkt in der glanzvollen Geschichte dieses Schachfestivals war das 20-jährige Jubiläum 1992, bei dem die Organisatoren ein Weltklassefeld einladen konnten. Weltmeister Garry Kasparov sicherte sich den Turniersieg, aber für die größte Sensation sorgte der einzige deutsche Teilnehmer, Dr. Robert Hübner: Er gewann in Runde 6 gegen Kasparov – einer der seltenen Siege eines deutschen Spielers gegen einen amtierenden Weltmeister. | Foto: Christian Lünig, Arbeitsblende

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Dagobert Kohlmeyer hat Eindrücke von der Partie festgehalten: „Es ist Donnerstag, und die sechste Runde steht an. Mehr Fotografen als sonst richten ihre Objektive auf den Tisch des Weltmeisters, denn heute sitzt ihm Hübner gegenüber. Dieser führt die weißen Steine. Wird er sich in der Arena-Atmosphäre, die ihm nicht sonderlich behagt, gegen den übermächtigen Gegner behaupten können?“ (Dagobert Kohlmeyer, „Hübner rockt die Westfalenhalle“, in: Konrad Reiß (unter Mitarbeit von Siegfried Schönle), Robert Hübner: Eine Biographie in Texten, Bildern und Dokumenten, Teil II, 1992–2025, S. 9)

Hübner konnte. In einer packenden Partie zeigte er sich Kasparov in Eröffnung, Mittelspiel und Endspiel gewachsen und kam zu einem verdienten Sieg.height="1"

Kohlmeyer beschreibt auch das Ende der Partie: „Im 50. Zug schaut Kasparow vom Brett auf, und nach einem Blick zur Hallendecke reicht er Hübner die Hand. Es ist dessen erster Sieg über den Weltmeister überhaupt. Von den Rängen erhält der Gewinner donnernden Applaus. ... Nach seiner Glanzleistung wird Robert Hübner, der die Öffentlichkeit lieber scheut, beim Verlassen der Arena von vielen Schachfans umringt. Er schreibt ein Dutzend Autogramme, eine große Ausnahme.“

Hübner wurde am 6. November 1948 in Köln geboren und war der stärkste deutsche Spieler der Nachkriegszeit. Sein Durchbruch an die Weltspitze gelang ihm 1970 beim Interzonenturnier in Palma de Mallorca. Bobby Fischer gewann das Turnier mit 3,5 Punkten Vorsprung, aber Hübner, der damals noch kein Großmeister war, landete zusammen mit den etablierten Weltklassespielern Bent Larsen und Efim Geller auf dem geteilten zweiten bis vierten Platz und qualifizierte sich im Alter von 22 Jahren erstmals für ein Kandidatenturnier. Für die nächsten zwei Jahrzehnte gehörte er zu den besten Spielern der Welt, und im Juli 1981 schaffte er es hinter Anatoly Karpov und Viktor Kortschnoi auf Platz drei der Weltrangliste.

Hübner qualifizierte sich viermal (1971, 1979/80, 1983, 1990) für die Kandidatenwettbewerbe, und 1980/81 kam er sogar ins Finale, wo er auf Kortschnoi traf. Der Sieger dieses Wettkampfs durfte gegen Karpov um den Weltmeistertitel spielen. Hübner begann gut und lag nach sechs Partien mit 3,5:2,5 in Führung, brach anschließend jedoch ein und gab den Wettkampf, der auf 16 Partien angesetzt war, beim Stand von 3,5:4,5 vorzeitig auf. Zwei Hängepartien waren noch offen, wurden aber nicht mehr zu Ende gespielt und als Gewinn für Kortschnoi gewertet.

Neben seinen Erfolgen im Schach war Hübner promovierter Papyrologe und Altphilologe und veröffentlichte zahlreiche brillante Aufsätze und Bücher, die meisten beschäftigten sich mit Schach, aber Hübner schrieb unter anderem über Elemente einer Selbstbiographie, Reiseerlebnisse und philosophische Themen.

Im Laufe seiner Karriere hat Hübner von Smyslow bis Anand gegen neun Weltmeister gespielt. Gegen sechs von ihnen – Smyslow, Tal, Petrosjan, Spassky, Karpov und Kasparov – gewann er mindestens eine Partie, gegen Fischer, Kramnik und Anand gelang ihm dies allerdings nie.

Hübners Sieg gegen Kasparov in Dortmund 1992 war jedoch sein einziger Sieg gegen einen amtierenden Weltmeister und zugleich sein einziger Sieg gegen Kasparov in einer Turnier- oder Wettkampfpartie mit klassischer Bedenkzeit. Die Gesamtbilanz fiel mit 6 Siegen, 8 Remis und 1 Niederlage klar zugunsten von Kasparov aus.

1985 wurde Kasparov im Alter von 22 Jahren der damals jüngste Weltmeister aller Zeiten. 255 Monate, von 1984 bis zu seinem Rücktritt vom Turnierschach 2005 war er die Nummer 1 der Weltrangliste, war er die Nummer 1, länger als irgendein Spieler vor oder nach ihm. | Foto: Tass Archiv

Auf dieser DVD geht ein Expertenteam Kasparovs Spiel auf den Grund. In über 8 Stunden Videospielzeit beleuchten die Autoren Rogozenko, Marin, Reeh und Müller vier wesentliche Aspekte von Kasparovs Spielkunst: Eröffnung, Strategie, Taktik und Endspiel.

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Zum ersten Mal spielten die beiden 1981 beim Interpolis-Turnier in Tilburg gegeneinander, als der 18-jährige Kasparov an die Weltspitze stürmte. Hübner verlor. In Dortmund 1992 spielten die beiden ihre letzte Partie mit klassischer Bedenkzeit.

Ende 1992 trafen Hübner und Kasparov im Rahmen der WDR-Sendung Schach der Großmeister, die von Claus Spahn konzipiert wurde und Schach im Fernsehen zeigte, noch einmal aufeinander. Ursprünglich standen zwei Schnellpartien mit einer Bedenkzeit von 25 Minuten pro Spieler auf dem Programm (Inkrement gab es damals noch nicht). Die erste Partie endete remis, in der zweiten verlor Hübner nach einem taktischen Blackout nach nur 15 Zügen – er hatte einen vergifteten Bauern genommen und sich so mit seiner Dame im Getümmel der gegnerischen Figuren verheddert.

Da noch Sendezeit übrig war, erklärten sich Kasparov und Hübner bereit, noch zwei Blitzpartien mit einer Bedenkzeit von fünf Minuten pro Spieler anzuhängen. Kasparov gewann auch die erste Blitzpartie, aber in der zweiten konnte Hübner gewinnen – er stand zwischenzeitlich besser, doch vergab dann den Vorteil und gewann am Ende auf Zeit. Es war Hübners letzte Partie gegen Kasparov.

Auf YouTube ist die WDR-Sendung immer noch verfügbar und vermittelt einen Eindruck, wie Schach damals präsentiert wurde.

Abschlusstabelle des Turniers in Dortmund

Nr. Spieler 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 Pkt.
1 Kasparov * ½ ½ 1 0 1 0 1 1 1 6,0
2 Ivanchuk ½ * 0 ½ 1 1 ½ 1 ½ 1 6,0
3 Bareev ½ 1 * 0 1 0 ½ ½ 1 1 5,5
4 Anand 0 ½ 1 * ½ ½ 1 ½ ½ ½ 5,0
5 Kamsky 1 0 0 ½ * ½ ½ ½ 1 ½ 4,5
6 Salov 0 0 1 ½ ½ * 1 0 ½ 1 4,5
7 Hübner 1 ½ ½ 0 ½ 0 * 1 0 ½ 4,0
8 Adams 0 0 ½ ½ ½ 1 0 * ½ ½ 3,5
9 Shirov 0 ½ 0 ½ 0 ½ 1 ½ * ½ 3,5
10 Piket 0 0 0 ½ ½ 0 ½ ½ ½ * 2,5

Partien Dortmund

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Johannes Fischer, Jahrgang 1963, ist FIDE-Meister und hat in Frankfurt am Main Literaturwissenschaft studiert. Er lebt und arbeitet in Nürnberg als Übersetzer, Redakteur und Autor. Er schreibt regelmäßig für KARL und veröffentlicht auf seinem eigenen Blog Schöner Schein "Notizen über Film, Literatur und Schach".
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