Gewinnen lernen 14: Trügerische Schönheit

von Jan Markos
02.07.2026 – Was könnte schöner sein, als eine überraschende Kombination aufs Brett zu zaubern oder eine strategisch tiefe Partie mit einem hübschen Finale zu beenden? Aber es kann gefährlich sein, sich zu sehr auf den eigenen Schönheitssinn und die Intuition zu verlassen. Jan Markos weiß, warum das so ist. | Foto: Hardebeck Media on Pixabay

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Nun, Intuition ist nichts anderes als Erfahrung, die zur Gewohnheit geworden ist. Unbewusst erkennen wir Muster und Zusammenhänge in einer Stellung, weil wir sie schon unzählige Male gesehen haben. Bei erfahrenen Autofahrern ist es ähnlich: Sie scheinen einen sechsten Sinn zu besitzen und mögliche Gefahren zu erkennen, bevor sie akut werden. Warum? Weil sich ihre Intuition durch viele ähnliche Situationen entwickelt hat.

Intuition ist sehr nützlich, um vertraute und typische Situationen einzuschätzen. Im Schach hilft sie uns vor allem in strategischen Stellungen. In ungewöhnlichen Situationen versagt sie dagegen häufig. Es fehlen einfach Ähnlichkeiten zu dem, was wir bereits gesehen haben. Im Schach gilt das besonders für taktische Stellungen. Dort darf die Intuition niemals die konkrete Variantenberechnung ersetzen.

In taktischen Stellungen kann Bequemlichkeit tödlich sein. Den Zug, der einem spontan gefällt, ohne die Varianten konkret zu berechnen, führt schnell zu Partieverlust!

Schauen wir uns dazu ein Beispiel aus meiner eigenen Praxis an:

Markos-Manik, Tschechische Mannschaftsmeisterschaft 2007, Weiß am Zug:

Weiß steht klar besser. Er hat das Läuferpaar, Entwicklungsvorsprung und einen herrlichen Stützpunkt auf e5. Doch obwohl viele Züge zu einer nahezu gewonnenen Stellung führen, gewinnt nur einer sofort Material. Finden Sie ihn?

Hätte ich diese Stellung rein intuitiv beurteilt, hätte ich wahrscheinlich 15.Se5 oder 15.The1 gespielt. Beides aktive und attraktive Züge. Doch nach etwas Variantenberechnung habe ich festgestellt, dass der bescheidene Zug 15.Lc2! den Springer auf d6 gewinnt. Weiß droht Lg5-f4, und auf 15…Dc6 folgt 16.Le7.

(Aber warum 15.Lc2 und nicht 15.Lb1? Nun, Weiß muss die c-Linie blockieren, damit Schwarz kein Gegenspiel mit 15…Tc8 bekommt.)

Hier die ganze Partie:

Nicht selten verführt uns eine schöne Idee so sehr, dass wir unsere Objektivität verlieren. „Das fühlt sich einfach richtig an, das muss gut sein“, flüstert eine leise Stimme in unserem Kopf – und wir können der Versuchung nicht widerstehen.

In der folgenden Stellung erlag Alexei Shirov dieser Versuchung:

Shirov-Grischuk, Grand Prix Dubai Rapid 2002, Weiß am Zug:

Jeder, der Shirovs Schachphilosophie kennt, würde erwarten, dass er in dieser Stellung 16.Dxb4?! Lxb4 17.Lxb4 spielt. Schließlich bekommt der Springer einen herrlichen Stützpunkt auf d6! Doch diese Idee ist fehlerhaft und sieben Züge später war die weiße Initiative verflogen und Schwarz stand auf Gewinn. Nur mit Hilfe eines taktischen Versehens von Grischuk konnte sich Shirov noch ins Remis retten.

In der Diagrammstellung sollte Weiß den bescheidenen (und zugegebenermaßen wenig attraktiven) Zug 16.Da3! spielen und damit einen leichten Vorteil bewahren. Schwarz kann nämlich wegen 17.Sd6+ Lxd6 18.Dxd6 nicht 16…Sxc2 spielen, da der Springer anschließend gefangen ist.

Hier die ganze Partie:

Manchmal versagt unsere Intuition auch in strategisch geprägten Stellungen. Das geschieht vor allem dann, wenn uns die Erfahrung mit einer bestimmten Bauernstruktur oder Eröffnung fehlt und wir versuchen, Muster und Ideen aus ganz anderen Stellungstypen zu übertragen.

Hier ist ein schönes Beispiel für dieses Phänomen:

Khalifman-Bologan, Aeroflot 2005, Schwarz am Zug:

Ich bin ziemlich sicher, dass die meisten Vereinsspieler 14...f6 allein aus ästhetischen Gründen verwerfen würden. Es fühlt sich einfach nicht richtig an, die eigene Königsstellung auf diese Weise zu schwächen. Außerdem würde der Läufer auf g7 ziemlich merkwürdig aussehen.

Bologan wusste es jedoch besser. Er erkannte, dass Weiß das Feld e5 genommen werden musste und dass der Läufer auf g7, so untätig er im Moment auch wirken mochte, ein wichtiger Verteidiger des schwarzen Königs ist.

Deshalb spielte er 14...f6! und konnte sich verteidigen - die Partie endete mit Remis.

Hier die vollständige Partie:

Seit Computer zu einem festen Bestandteil der Schachwelt geworden sind, haben viele Ideen, die früher als „zu hässlich, um spielbar zu sein“ verworfen worden wären, Eingang in die Praxis gefunden und sich als durchaus interessant erwiesen haben.

Ich habe den starken Verdacht, dass die folgende Idee von einer Schachengine entdeckt wurde:

Giri-Anton Guijarro, Carlsen Invitational Rapid 2021, Weiß am Zug:

In dieser Variante des Offenen Spaniers spielte Weiß ausnahmslos 16.Le3. Das überrascht nicht: Es ist ein logischer Entwicklungszug, der zugleich das empfindliche Feld f2 deckt.

Giri hatte jedoch einen anderen Plan. Er spielte 16.Sg3!? Lxf3 17.gxf3 und ruinierte freiwillig seine eigene Königsflügel-Bauernstruktur. Das wirkt auf den ersten Blick schlicht falsch – es sei denn, man erkennt die verborgenen Vorteile dieser Idee. Erstens verfügt Weiß nun über das Läuferpaar. Zweitens hält der Springer auf g3 den Königsflügel wirkungsvoll zusammen. Und drittens ist der Bauer auf f2 jetzt hinter dem Bauern auf f3 verborgen.

Schauen Sie sich unbedingt die ganze Partie an. Giris Spiel ist ebenso lehrreich wie sehenswert.

Nach dem Lesen dieses Artikels fragen Sie sich vielleicht: „Sollte ich meiner Intuition überhaupt vertrauen?“ Natürlich sollten Sie das. Meistens liegt Ihre Intuition richtig. Unfehlbar ist sie jedoch nicht.

Dasselbe gilt für die konkrete Berechnung. Meistens werden Sie die Varianten richtig berechnen, doch manchmal werden Sie sich irren.

Deshalb sollten Sie beide Fähigkeiten – Intuition und Berechnung – miteinander verbinden. Prüfen Sie den Rat Ihrer Intuition durch Berechnung und kontrollieren Sie Ihre Berechnungen mit Ihrem intuitiven Verständnis.

So unterlaufen Ihnen möglichst wenige Fehler.

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Gewinnen lernen...


Jan Markos ist ein slowakischer Schachautor, Trainer und Großmeister. Sein Buch "Under the Surface" wurde 2018 vom Englischen Schachverband zum Buch des Jahres gewählt. Sein neuestes Buch, "The Secret Ingredient", das er zusammen mit David Navara geschrieben hat, konzentriert sich auf die praktischen Aspekte des Schachs, z.B. Zeitmanagement am Brett oder Vorbereitung auf einen bestimmten Gegner. Markos war vor zwanzig Jahren U16-Europameister und jetzt verhilft er seinen Schülern aus mehreren Ländern zu ähnlichen Erfolgen. Neben Schachbüchern hat er auch Bücher über kritisches Denken, moralische Dilemmata und Phänomenologie geschrieben.
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