Gewinnen lernen 13: Wie spielt man gegen schwächere Spieler?

von Jan Markos
19.05.2026 – Schwächere Gegner zuverlässig schlagen zu können, ist wichtig, wenn man im Schach Erfolge feiern möchte – und je stärker man spielt, desto wichtiger wird diese Fähigkeit. Doch selbst Magnus Carlsen (Bild), seit Juli 2011 die klare Nummer eins der Welt, gerät gegen deutlich schwächere Gegner manchmal auf Abwege. In der 13. Folge seiner Serie "Gewinnen lernen" untersucht Jan Markos typische Fehler im Spiel gegen schwächere Gegner, und verrät, wie man sie vermeidet. | Foto: Magnus Carlsen in Wijk aan Zee 2015 | Foto: Nadja Wittmann

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Wollen Sie Schachprofi werden? Dann muss ich Sie warnen: Denn als Profi müssen Sie vor allem gegen schwächere Gegner spielen – und regelmäßig gegen sie gewinnen. Denn wer vom Schach leben möchte, muss stärker sein als die meisten Spieler in seiner Umgebung.

Aber vielleicht ist ihr Ehrgeiz auch nicht ganz so ausgeprägt. Aber trotzdem müssen Sie lernen, schwächere Gegner zuverlässig zu schlagen. Denn eine unglückliche Niederlage gegen einen schwächeren Spieler kann ein ganzes Turnier ruinieren.

Dennoch haben viele Spieler – mich eingeschlossen – Probleme damit, gegen schwächere Gegner mit voller Konzentration und Energie zu spielen. Das führt zu einigen typischen Fehlern. Schauen wir uns die häufigsten an.

Der erste Fehler ist Ungeduld. Davor ist niemand gefeit, nicht einmal der Weltmeister. Bei der Schacholympiade 2014 in Norwegen lief es für Carlsen nicht besonders gut. Deshalb wollte er seine Partie gegen GM Šarić unbedingt gewinnen. Mehr noch: Er wollte schnell und überzeugend gewinnen:

Saric – Carlsen, Schacholympiade, Tromso 2014:

1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Lb5 Sd4?!

Schon die Wahl dieser etwas dubiosen Variante zeigt, dass der Weltmeister nicht in der richtigen Stimmung war.

5.Lc4 Sf6 6.0-0

6…d5?!

Ein sehr dubioses Bauernopfer. Ja, Schwarz entwickelt seine Figuren schnell, aber ein Bauer ist ein Bauer. Muss Schwarz wirklich zu so drastischen Maßnahmen greifen? In der Eröffnung blieb Carlsen seinem ultraaktiven Ansatz, in dem Material keine Rolle spielt, treu. Und nach weiteren acht Zügen hatte er bereits zwei Bauern weniger:

Saric-Carlsen, Weiß am Zug:

Trotz aller Verrenkungen Carlsens stand Weiß nach der Eröffnung sehr solide, kontrollierte das Zentrum und hatte Materialvorteil. Šarić spielte 14.f4! und gewann überzeugend.

Nicht Carlsens schachliche Fähigkeiten wurden ihm in dieser Partie zum Verhängnis, sondern seine Einstellung. Er wollte gewinnen, war aber nicht bereit, lange und geduldig um den ganzen Punkt zu kämpfen und auf seine Chancen zu warten.

Hier die vollständige Partie:

Der zweite typische Fehler besteht darin, dass stärkere Spieler die Fähigkeiten ihrer nominell schwächeren Gegner unterschätzen. Sie nehmen deren Ideen und Züge nicht ernst genug. Ich glaube, genau das geschah in der folgenden Partie:

Bacrot-Relange, Französische Mannschaftsmeisterschaft 2006

1.e4 c5 2.Se2 d6 3.g3 d5!?

Ich vermute, dass es dieser Zug war, der Bacrot irritiert hat. Schwarz zieht denselben Bauern zwei Mal. Natürlich hätte Weiß etwas „Normales“ und „Ruhiges“ spielen können, doch Bacrot glaubte vermutlich, das originelle Spiel seines Gegners widerlegen zu müssen.

Deshalb spielte der französische Großmeister 4.Sc3?! und gab das Zentrum auf (normal ist 4.Lg2, und nach 4…dxe4 5.Sbc3 nimmt Weiß den Bauern auf e4 mit einem Springer zurück).

Schwarz antwortete darauf natürlich mit 4…d4

Nun krönte Bacrot seinen „innovativen“ Eröffnungsansatz mit einem extravaganten Springersprung ins Zentrum: 5.Sd5?. Doch Relange hatte tiefer gerechnet. Nach 5…g5! war der Springer gefangen, und Weiß verlor nach 24 Zügen.

Hier die vollständige Partie:

Der dritte typische Fehler nominell stärkerer Spieler besteht darin, den Sieg erzwingen zu wollen – auch wenn die Stellung das nicht hergibt. Der Wunsch, gegen einen schwächeren Gegner unbedingt gewinnen zu wollen, ist manchmal so groß, dass die eigene Objektivität darunter leidet.

Schauen wir uns ein typisches Beispiel an:

Naiditsch-Ankit, Qatar Open 2014, Weiß am Zug:

Schwarz’ letzter Zug war 20…Lh4-g3. Ich bin ziemlich sicher, dass Naiditsch gegen Nakamura, Firouzja oder einen anderen Taktiker zweimal darüber nachgedacht hätte, das Opfer anzunehmen. Gegen einen deutlich schwächeren Gegner war die Versuchung jedoch einfach zu groß, eine Figur mitzunehmen.

Weiß hätte mit 21.Sf6+ gxf6 22.Dxd8+ Kxd8 23.Kxg3 einen sicheren Vorteil erreichen können.

Stattdessen spielte Naiditsch das extrem riskante 21.Kxg3?? Dh4+ 22.Kf4 Dh2+ 23.Ke4. Objektiv steht Weiß bereits auf Verlust. Außerdem ist es äußerst schwierig, mit einem König auf e4 zu spielen. Kein Wunder also, dass Naiditsch die Partie sechzehn Züge später verlor.

Hier die vollständige Partie:

Und schließlich der vierte und letzte Fehler: Manchmal verlieren stärkere Spieler ihren Sinn für Gefahr.

Navara-Danielsen, Reykjavik Open 2015, Weiß am Zug:

Schwarz hatte die Eröffnung solide und passiv behandelt. Vielleicht erwartete Navara unterbewusst, dass Danielsen genauso weiterspielen würde: sorgfältig verteidigen, ohne jede Aktivität zu zeigen.

Und so wurde Navara nachlässig. Doch Danielsen erwachte aus seinem Winterschlaf und zeigte seine Krallen!

23.De3?!

Vorsichtiger war 23.Df4, da die schwarze Dame dann nicht nach h4 kann.

23…Dh4! 24.g4?! Lc5! 25.Te2?

25…Sxg4!

Die weiße Stellung liegt in Trümmern. Innerhalb von nur drei Zügen verwandelte Navara eine leicht bessere Stellung in eine Verluststellung. Wie konnte das passieren? Er vergaß für einen Moment einfach, dass auch ein niedriger eingestufter Gegner zubeißen kann …

Hier die vollständige Partie:

Die Elo-Zahl ist zweifellos ein nützliches Instrument, doch ich glaube, viele Spieler geben ihr zu viel Bedeutung. In der slowakischen Schachszene haben wir für diese Besessenheit sogar einen eigenen Begriff: „Elophilie“.

Bitte leiden Sie nicht an „Elophilie“. Selbst ein deutlich schwächerer Gegner kann einen guten Tag erwischen und wie ein Titelträger spielen. Deshalb ist es fast immer am besten, die Zahl neben dem Namen des Gegners zu ignorieren. Konzentrieren Sie sich auf die Stellung, nicht darauf, wie schwach Ihr Gegner ist. Mit dieser Einstellung vermeiden Sie die meisten Fehler, die in diesem Artikel beschrieben wurden.

Es gibt nur zwei Ausnahmen, in denen die Spielstärke des Gegners berücksichtigt werden sollte:

  • Wenn Sie überlegen, ob Sie ein Remis anbieten, annehmen oder ablehnen sollen. Manchmal kann man sich entscheiden, eine schlechtere Stellung weiterzuspielen, wenn der Gegner deutlich schwächer ist. Andererseits sollte man eine bessere Stellung fast nie remis geben – selbst dann nicht, wenn man gegen einen Großmeister spielt. Also nur Mut!
  • Wenn Sie den Charakter des Kampfes bestimmen – sei es in der Vorbereitung oder während der Partie. Gegen einen (nominell) schwächeren Spieler möchte man gewöhnlich trockene, leblose Ausgleichsstellungen vermeiden und stattdessen Ungleichgewichte schaffen, um mehr Gewinnchancen zu erhalten. Wie man solche Ungleichgewichte erzeugt, erfahren Sie in der ersten Folge von „Gewinnen lernen“: Ungleichgewichte schaffen.

Lassen Sie uns gemeinsam lernen, wie man die besten Felder für die Dame im frühen Mittelspiel findet, wie man diese Figur auf dem Brett navigiert, wie man den Damenangriff zeitlich abstimmt, wie man entscheidet, ob man sie tauscht oder nicht, und vieles m

Gewinnen lernen...


Jan Markos ist ein slowakischer Schachautor, Trainer und Großmeister. Sein Buch "Under the Surface" wurde 2018 vom Englischen Schachverband zum Buch des Jahres gewählt. Sein neuestes Buch, "The Secret Ingredient", das er zusammen mit David Navara geschrieben hat, konzentriert sich auf die praktischen Aspekte des Schachs, z.B. Zeitmanagement am Brett oder Vorbereitung auf einen bestimmten Gegner. Markos war vor zwanzig Jahren U16-Europameister und jetzt verhilft er seinen Schülern aus mehreren Ländern zu ähnlichen Erfolgen. Neben Schachbüchern hat er auch Bücher über kritisches Denken, moralische Dilemmata und Phänomenologie geschrieben.
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