Längst mehr als ein Schachfestival
Am kommenden Samstag, 26. September von 10 bis 17.30 Uhr, öffnet die Ungarische Nationalgalerie in Budapest erneut ihre Türen für das Judit Polgar Global Chess Festival. Die zwölfte Auflage der Veranstaltung verbindet Schach mit Bildung, Wissenschaft, Kunst, Technologie und Familienprogrammen. Im Mittelpunkt steht diesmal das Thema „Critical Thinking“ – eine bewusste Reaktion auf eine Welt, in der künstliche Intelligenz immer stärker bestimmt, wie Informationen entstehen, verarbeitet und bewertet werden. Gastgeberin Judit Polgar, die erfolgreichste Schachspielerin der Geschichte, wird selbst spielen, diskutieren und Besucher empfangen.

Impressionen von früheren Auflagen. | Fotos: Global Chess Festival

Die Veranstalter stellen eine Frage in den Mittelpunkt, die weit über das Schachbrett hinausreicht: Wie lässt sich in einer Welt, in der künstliche Intelligenz immer mehr Entscheidungen, Informationen und Bilder beeinflusst, zwischen Wahrheit und Täuschung unterscheiden?
Das Programm ist entsprechend breit angelegt. Vorgesehen sind unter anderem das RubikChess Tournament, das Generation Clash Chess Tournament, ein „Master Relay Simul“, ein Chess Challenge Tournament, verschiedene interaktive Denk- und Logikspiele, eine „Chess Palace“-Abenteuerstrecke, ein Treffen mit den Polgar-Schwestern sowie eine Filmvorführung von „Queen of Chess“, der 2026 erschienenen Dokumentation über Judit Polgar. Hinzu kommen Angebote zu Schach und künstlicher Intelligenz, Programmieren, Bildung und Elternschaft.
„Schach ermöglicht es uns, diesen Prozess zu üben und weiterzuentwickeln. Während einer Partie entwickeln Menschen eine gewisse Flexibilität und lernen, schnell Lösungen für unterschiedliche Situationen im Leben zu finden.“
Judit Polgar
In diesem Videokurs untersuchen Experten die Partien von Judit Polgar. Lassen Sie sich von ihnen zeigen, welche Eröffnungen Polgar wählte, wo ihre Stärken im Mittelspiel lagen oder wie sie ihre Gegner im Endspiel überspielte.
Die Wurzeln reichen bis 2007 zurück
Die Geschichte des Festivals beginnt sogar deutlich früher als seine offizielle Zählung vermuten lässt. Bereits 2007 veranstaltete die Familie Polgar das Aquaprofit-Polgar Chess Festival. Damals entstand unter anderem eine außergewöhnliche Simultanveranstaltung an 100 Brettern mit den drei Polgar-Schwestern Judit, Susan und Sofia. Aus diesem zunächst eher punktuellen Festival entwickelte sich über die Jahre eine regelmäßig stattfindende Großveranstaltung.
Die heutige Form des Judit Polgar Global Chess Festival entstand 2015. Seitdem wird es jährlich veranstaltet. Die Judit Polgar Chess Foundation übernahm dabei die zentrale organisatorische Rolle. Das Festival wanderte im Laufe seiner Geschichte durch verschiedene Veranstaltungsorte in Budapest, unter anderem in den Palace of Arts, und fand schließlich seine charakteristische Bühne in der Ungarischen Nationalgalerie.
Ein entscheidender Schritt war die zunehmende Öffnung über die Grenzen des klassischen Turnierschachs hinaus. Bereits beim fünften Festival 2019 wurde das Konzept ausdrücklich in vier Bereiche gegliedert: Schach als Sport, Wissenschaft, Kunst und Bildungsinstrument. Gleichzeitig wurden zahlreiche Spiel-, Kreativ- und Bildungsangebote für Kinder und Familien integriert. Zu den Gästen gehörten damals unter anderem FIDE-Präsident Arkady Dvorkovich und Ex-Weltmeister Vladimir Kramnik.
Auch die internationale Reichweite wuchs. 2021 wurde das Festival erstmals ausdrücklich als hybride Veranstaltung organisiert, sodass Besucher nicht nur in Budapest, sondern auch online teilnehmen konnten. 2023 kamen bereits mehr als 4000 Menschen vor Ort in die Nationalgalerie; zusätzlich verfolgten 220.000 Menschen die Online-Angebote. Über das gesamte zweitägige Festival wurden damals laut FIDE fast 350.000 Teilnehmer beziehungsweise Zuschauer erreicht.
2014 | Foto: Global Chess Festival
Zum zehnjährigen Jubiläum 2024 wurde diese Entwicklung noch einmal deutlich. Mehr als 6000 Besucher kamen allein am ersten Tag in die Nationalgalerie, insgesamt erreichte das Festival über zwei Tage mehr als eine Viertelmillion Menschen. Der damalige Festivalpate war der ungarische Erfinder Ernő Rubik, der mit seinem berühmten Zauberwürfel geradezu sinnbildlich für die Verbindung von Logik, Spiel und Kreativität steht.
2025 kamen erneut mehr als 5000 Besucher nach Budapest. Zu den Neuerungen gehörte das RubikChess, bei dem Zweierteams gleichzeitig Schach spielen und einen Zauberwürfel lösen mussten. Das Format wurde von der FIDE-Frauenkommission unterstützt und verband ausdrücklich Kooperation, Kreativität und Geschlechtergerechtigkeit: Die Teams bestanden aus einem Mädchen und einem Jungen.
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Vom Wunderkind über die Weltklassespielerin zur Botschafterin des Schachs
Dass das Festival diesen Namen trägt, ist kein Zufall. Judit Polgar ist nicht lediglich Gastgeberin, sondern die treibende Kraft hinter dem gesamten Konzept.
Polgar wurde am 23. Juli 1976 in Budapest geboren und begann bereits im Alter von fünf Jahren mit dem Schachspiel. Gemeinsam mit ihren Schwestern Susan und Sofia wurde sie von ihrem Vater Laszlo Polgar gezielt auf eine Schachkarriere vorbereitet. Seine berühmte These lautete, vereinfacht gesagt, dass außergewöhnliche Fähigkeiten vor allem durch intensive Förderung entwickelt werden können und nicht allein eine Frage angeborener Begabung sind.
Judit wurde zum spektakulärsten Beleg für dieses Experiment. 1989 übernahm sie mit zwölf Jahren die Führung in der Frauen-Weltrangliste und blieb dort 26 Jahre lang. 1991 errang sie im Alter von 15 Jahren und vier Monaten den Großmeistertitel und brach damit den damaligen Rekord Bobby Fischers. 2004 erreichte sie Platz acht der Weltrangliste, 2005 ihren Höchstwert von 2735 Elo. Bis heute ist sie die einzige Frau, die jemals unter den zehn besten Schachspielern der Welt geführt wurde.

Die Nationalgalerie bietet einen großartigen Rahmen für das Festival. | Foto: Global Chess Festival
Bemerkenswert war dabei nicht nur ihre Spielstärke, sondern ihre Entscheidung, sich praktisch ausschließlich mit den besten Spielern in offenen Wettbewerben zu messen. Polgar gewann Partien gegen insgesamt elf Weltmeister – darunter Garry Kasparov, Anatoli Karpov, Vladimir Kramnik, Viswanathan Anand und Magnus Carlsen. 2005 nahm sie am FIDE-Weltmeisterschaftsturnier teil und war damit die einzige Frau, die in der offenen Weltmeisterschaftskonkurrenz so weit vorgedrungen ist.
2014 beendete Polgar ihre aktive Turnierkarriere. Ihr Einfluss auf das Schachspiel nahm damit allerdings nicht ab – er verlagerte sich. Sie wurde Kommentatorin, Autorin, Rednerin und vor allem Bildungsunternehmerin und sagte:
„Diese Veranstaltungsreihe dreht sich nicht nur um Schach. In diesem Jahr haben wir mehr als 20 Programme vorbereitet, die die Fantasie aller Altersgruppen – von vier bis 104 Jahren – anregen.“
Schachbrett als Lernwerkzeug
Bereits 2012 hatte Polgar die Judit Polgar Chess Foundation gegründet. Ein Schwerpunkt der Stiftung ist die Entwicklung von Schachprogrammen, die nicht in erster Linie zukünftige Turnierspieler hervorbringen sollen, sondern allgemeine Fähigkeiten fördern.
Im Mittelpunkt steht die Judit Polgar Method, insbesondere das Programm Chess Palace. Es richtet sich an Kinder im Alter von etwa vier bis zehn Jahren und verbindet Schach mit spielerischem Lernen, Geschichten, Bewegung und kreativen Aufgaben. Die Stiftung gibt an, dass inzwischen mehr als 4000 Lehrer entsprechende Schulungen absolviert haben und die Programme in der Ausbildung von mehr als 50.000 Kindern eingesetzt werden.

Damit erklärt sich auch ein wesentlicher Teil des Global Chess Festivals. Die Veranstaltung soll nicht lediglich erklären, wie Schach gespielt wird. Sie will zeigen, was Menschen durch das Spiel lernen können: Entscheidungen abzuwägen, Muster zu erkennen, Konsequenzen vorauszudenken, Fehler zu analysieren und mit Unsicherheit umzugehen.
Der diesjährige Schwerpunkt auf kritischem Denken liegt daher sehr nahe an Polgars langfristiger Arbeit. In einer Welt generativer KI bekommt die Fähigkeit, Informationen zu hinterfragen und nicht jede scheinbar plausible Antwort ungeprüft zu akzeptieren, eine neue Bedeutung. Genau diese Verbindung zwischen Schach und modernen Bildungsfragen soll das Festival sichtbar machen.
KI, Rubik's Cube und der Blick auf die Zukunft
Das Programm 2026 macht diese Entwicklung besonders deutlich. Beim Festival stehen neben klassischen Schachangeboten unter anderem „Chess Palace, Generative AI and Critical …“, „Chess and AI in Parenting“, ein Lego-Roboterprogramm, Logikspiele und verschiedene Denkaufgaben auf dem Programm. Dazu kommen „Think Moves Ahead“, „Reality Check Quiz“ und „Where Can You Move?“
Ernő Rubik und Judit Polgar (oben) und die neue Turnierform (unten). | Fotos: Global Chess Festival
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Besonders interessant dürfte erneut RubikChess werden. Das 2025 eingeführte Format kombiniert zwei unterschiedliche Formen des Problemlösens: Während ein Spieler eine Schachpartie führt, arbeitet der Partner an einem Zauberwürfel. Die Lösung des Würfels wirkt sich auf den Verlauf des Schachspiels aus. Für 2026 ist das Format erneut vorgesehen; die FIDE-Frauenkommission unterstützt die Veranstaltung wiederum.
Damit entsteht eine ungewöhnliche Mischung: Das Festival beschäftigt sich einerseits mit einem Jahrtausende alten Spiel, andererseits mit künstlicher Intelligenz, Robotik und digitalen Lernformen.

Begeisterung auf beiden Seiten! | Foto: Global Chess Festival
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Judit selbst sitzt wieder am Brett
Trotz aller Bildungs- und Kulturangebote bleibt das Schachspiel selbst der Mittelpunkt. Ein besonderer Programmpunkt ist die Community-Simultanpartie mit Polgar.
Polgar tritt dabei in diesem Jahr gegen fünf Vertreter unterschiedlicher Schach-Communities an: Pietro Silke Balerna, Hannah Sayce, Prof. Sylvester Vizi E., Alexandra Prado und Alba de Lomas. Das ungewöhnliche Format wird von IM Anna Rudolf moderiert und kommentiert. Gespielt wird mit unterschiedlichen Bedenkzeiten: Polgar erhält 110 Minuten pro Partie plus zehn Sekunden pro Zug, ihre Gegner jeweils 50 Minuten plus zehn Sekunden.
Auch die Polgar-Familie selbst gehört zum Programm. Ein „Meet & Greet with the Polgar Sisters“ ist angekündigt – eine Gelegenheit, Judit, Susan und Sofia gemeinsam zu erleben. Die drei Schwestern hatten einst gemeinsam für Ungarn Schachgeschichte geschrieben und gehören zu den bekanntesten Geschwistertrios der Schachgeschichte.
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Festival zwischen Museum und Schachbrett
Der Veranstaltungsort passt ungewöhnlich gut zum Konzept. Die Ungarische Nationalgalerie befindet sich im Budaer Burgviertel und ist normalerweise ein Ort der bildenden Kunst. Für einen Tag verwandelt sie sich in eine riesige Schachlandschaft mit Turnieren, Workshops, Bühnenprogrammen, Simultanpartien und interaktiven Stationen.
Genau diese Verbindung gehört seit Jahren zum Selbstverständnis des Festivals. 2019 beschrieb die FIDE das Konzept als Verbindung von Kunst, Sport, Bildung und Wissenschaft. 2025 kamen unter anderem Museumsführungen, Schachworkshops und kreative Formate hinzu.

Judit Polgar inmitten der Kinder. | Foto: Global Chess Festival
Das Global Chess Festival ist damit auch ein Stück Schachvermittlung ohne die üblichen Grenzen des Turniersaals. Großmeister und Anfänger, Kinder und Erwachsene, Eltern und Lehrer, Schachfans und Menschen, die mit dem Spiel bisher wenig zu tun hatten, sollen sich begegnen.
Und vielleicht liegt genau darin das nachhaltigste Vermächtnis von Judit Polgar: Nach ihrer außergewöhnlichen Karriere versucht sie nicht, Schach ausschließlich als Hochleistungssport weiterzugeben. Sie nutzt die Popularität des Spiels, um seine vielen anderen Seiten sichtbar zu machen und bringt dies auf den Punkt:
„Wir sollten offen für die Welt und alle Veränderungen sein, und es lohnt sich, dies unseren Kindern beizubringen.“
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In insgesamt 6 Kapiteln untersuchen wir folgende Aspekte: die richtige Entscheidung anhand taktischer Faktoren, Entscheidungen beim Abtausch & Schlagzügen, komplexe & psychologische Entscheidungen in längeren Partien und bei der Verteidigung.