Charlize van Zyl: Ich spreche hier mit Javokhir Sindarov, dem Sieger des FIDE-Kandidatenturniers 2026, der inzwischen etwas Zeit hatte, dieses Ergebnis zu verarbeiten. Noch einmal herzlichen Glückwunsch. Sprechen wir noch einmal von dem Abend nach der dreizehnten Runde – was ist da passiert? Mit wem hast du als Erstes gesprochen? Wie liefen die Feierlichkeiten ab?
Javokhir Sindarov: Es war ein sehr schöner Tag für mich und für unser Land. Nach dem Ergebnis begannen alle zu feiern. Ich erhielt unzählige Nachrichten von Freunden, Eltern, Familie, unserem Verband und der Regierung. Es ist ein riesiger Sieg für unser Land und alle sind überglücklich. Sogar unser Präsident rief mich am nächsten Tag an, um mir zu gratulieren, was mich wirklich überrascht hat. Ich bin sehr glücklich, das Turnier gewonnen zu haben.
Gewöhnst du dich langsam daran, Glückwünsche vom Präsidenten zu erhalten?
Nein, natürlich nicht. Um einen solchen Anruf zu bekommen, muss man große Erfolge erzielen. Ich bin sehr glücklich. Ich habe den World Cup gewonnen und nun auch das FIDE-Kandidatenturnier. Ende des Jahres werde ich versuchen, auch das WM-Match zu gewinnen. Das gibt mir viel Motivation.
In diesem Kurs widmet sich Ivan Sokolov einem der spannendsten und zugleich am wenigsten erforschten Bereiche des modernen Schachs: Eröffnungssystemen mit vertauschten Farben, mit besonderem Fokus auf den Grünfeld und Holländisch. Auf den ersten Blick scheinen diese beiden Systeme wenig miteinander zu tun zu haben. Tatsächlich verbindet sie jedoch eine gemeinsame strategische Fragestellung: der Wert von Tempi, Bauernstrukturen und psychologischen Faktoren, wenn vertraute Eröffnungen mit vertauschten Farben gespielt werden. Aus seiner langjährigen Turnierpraxis heraus erklärt Sokolov, warum diese Stellungen deutlich subtiler sind, als sie zunächst wirken, und weshalb klassische Engine-Bewertungen ihre wahre Komplexität oft nicht erfassen.
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Sprechen wir über das Turnier. Du hast bei einer der Pressekonferenzen erwähnt, dass dein Trainer zur Halbzeit auf +1 gehofft hatte, du aber schließlich auf +6 (10 aus 14) gekommen bist. Das ist wirklich unglaublich. Hast du jemals daran gezweifelt, dass dir das gelingen würde? Was war dein Ziel zur Halbzeit?
Tatsächlich hat mein Trainer mir gesagt, dass ich gute Chancen auf den Turniersieg hätte, wenn ich zur Halbzeit bei +1 liegen würde. Aber ich hatte +5. Gleichzeitig wusste ich, dass die zweite Turnierhälfte viel schwieriger werden würde – vor allem wegen der wichtigen Partien, in denen ich Schwarz hatte. Solche Partien kosten viel Kraft und erfordern eine gute Vorbereitung.
Der entscheidende Moment des Turniers war wahrscheinlich mein Remis gegen Fabi. Danach hatte ich das Gefühl, dass ich das Turnier gewinnen könnte. Aber ich hatte auch ein bisschen Glück, denn Caruana war mir immer dicht auf den Fersen. Er gewann einige Partien in der ersten Hälfte, verlor aber ein paar in der zweiten. Dann verlor er gegen Anish, der ebenfalls gute Chancen hatte.
Nachdem ich gegen Pragg gewonnen hatte, lag ich vier Runden vor Schluss zwei Punkte vor Anish. Mir war klar, dass noch alles passieren kann, aber ich war mir zu 90 % sicher, dass ich das Turnier gewinnen würde. Ich bin sehr froh, dass ich mit Schwarz sehr gut gespielt und keine Partie verloren habe. Es lief sehr gut und ich bin mit meinen Ergebnissen sehr zufrieden.
Viele Spieler behaupten, sie würden sich immer nur auf die jeweils nächste Partie konzentrieren, aber du scheinst auch sehr auf den Tabellenstand geachtet zu haben. Hat dich das zusätzlich unter Druck gesetzt?
Nicht wirklich. Ich bereite mich immer sehr gut vor. Mit Weiß will ich eigentlich immer kämpfen, aber nach dem Remis gegen Fabi in der zweiten Hälfte hatte ich auch nichts gegen solide Remisvarianten. Ich brauchte keine langen, komplizierten Partien. Ich wollte mir Energie für die entscheidenden Partien mit Schwarz aufsparen.
Aber wenn meine Gegner aggressiv gespielt haben, zum Beispiel mit Königsindisch oder Benkö, dann war ich zum Kampf bereit. Aber wenn sie solide gespielt haben, dann war ich mit einem Remis zufrieden. Ich glaube, diese Strategie hat perfekt funktioniert.
Gegen Anish habe ich wirklich gut gespielt, es war eine schöne Partie. Hätte er gegen Wei Yi gewonnen, dann hätte sich die Turniersituation vielleicht ein wenig verändert, aber nach seinem Remis gegen Wei Yi, dachte ich, ich hätte eine 99-prozentige Chance, das Turnier zu gewinnen. Deshalb habe ich in den letzten beiden Partien zwei Mal schnell Remis gemacht – jeder hätte das Gleiche getan. Nepo hat das 2022 auch so gemacht, obwohl er in zwei Partien mit Schwarz einige Schwierigkeiten hatte, während ich hier nur gegen Fabi und in der ersten Partie Probleme hatte. Ich habe sehr gut gespielt, ich hatte natürlich auch Glück und habe die Fehler meiner Gegner ausgenutzt, was sehr wichtig ist.

Runde 13: Anish Giri spielt mit Weiß gegen Javokhir Sindarov | Foto: ChessBase / Nils Rohde
Ist die Partie gegen Anish deine Lieblingspartie? Und auf welchen Sieg bist du besonders stolz?
Die Partie gegen Fabi mit Weiß hat mir gut gefallen. Es war eine gradlinige Partie. Ich habe die besten Züge und taktischen Lösungen gefunden und bin gut mit dem Zeitdruck umgegangen. Es war eine fantastische Partie, in der ich gezeigt habe, dass ich auf einem noch höheren Niveau spielen kann.
In unseren Interviews vor dem Turnier hast du dich sehr zuversichtlich hinsichtlich deiner Gewinnchancen gezeigt. Du hast jedoch auch erwähnt, dass die letzte Woche die schwierigste deines Lebens war, was Schlafen, Essen und den Umgang mit dem Druck betrifft. Wie hast du das gemeistert?
Es ist immer schwierig, wenn man in einem Turnier in Führung liegt. Dann fängt man an, über den möglichen Sieg nachzudenken. Die letzte Woche war schwer für mich, aber nach meinem Unentschieden gegen Fabi ging es mir viel besser. Die drei Partien davor verliefen reibungslos und fast ohne Stress. Ich war gut vorbereitet, hatte mehr als eine Stunde Zeit auf der Uhr und konnte Stellungen spielen, die zu meinem Stil passten. Gegen Fabi passte die Stellung jedoch nicht zu meinem Stil und solche Stellungen fallen mir schwer. Diese Partie war sehr lang und hat viel Energie gekostet. Nachdem ich sie überstanden hatte, hatte ich jedoch das Gefühl, das Turnier gewinnen zu können. Danach schlief ich besser und fühlte mich nicht mehr so gestresst.
Ein großes Thema war deine gute Vorbereitung. Du wirktest oft besser vorbereitet als deine Gegner? Wie arbeitet dein Team? Wer übernimmt welche Aufgaben und was machst du vor den Partien?
Vor dem Turnier haben wir sehr hart gearbeitet. Jeder in meinem Team hat seine Aufgabe auf höchstem Niveau erfüllt. Wir haben zahlreiche Eröffnungsvarianten und Ideen vorbereitet.
Während des Turniers haben wir nicht viel Neues erarbeitet. Ich habe vor allem mein bereits erarbeitetes Material aufgefrischt. Der Schlüssel zum Erfolg war die Vorbereitung vor dem Turnier. Wir hatten großes Glück mit Fabi und Hikaru, da wir ihre Eröffnungswahl richtig erraten haben.
Es geht also während des Turniers eher darum, das Gelernte zu wiederholen, als Neues zu lernen? Obwohl du auch Trainingspartien erwähnt hast?
Genau. Vor dem Turnier haben wir viel trainiert. Während des Turniers wiederhole ich das Ganze einfach und achte darauf, nichts zu vergessen.

Für Javokhir Sindarov lief das Kandidatenturnier gut | Foto: ChessBase / Nils Rohde
Ende des Jahres spielst du gegen Gukesh um die Weltmeisterschaft, wann fängt die Vorbereitung auf den Wettkampf an?
Ehrlich gesagt weiß ich es noch nicht. Ab nächster Woche werde ich mit den Vorbereitungen beginnen, mich mit dem Match auseinandersetzen und erste Pläne schmieden. Derzeit konzentriere ich mich jedoch darauf, starke Turniere wie die Grand Chess Tour und die Schacholympiade zu spielen.
Du hast deinen Trainer Roman Vidonyak erwähnt. Die Zusammenarbeit mit ihm begann im Januar 2025. Er hat uns erzählt, dass du am Brett trainierst, ganz nach alter Schule, ohne Computer. Wie hat sich dein Training unter ihm verändert?
Früher habe ich auch hart gearbeitet, aber manchmal wurde es langweilig. Dann habe ich mich von Videospielen und anderen Dingen ablenken lassen.
Mit Roman ist das Training immer interessant. Er gibt einem Aufgaben und Übungen, und die Zeit vergeht wie im Flug – wir können acht Stunden arbeiten, ohne es zu merken. Oft trainieren wir in Gruppen, das macht es unterhaltsam und sorgt für einen gewissen Wettbewerb. Alle seine Schüler arbeiten sehr gern mit ihm zusammen.
Er hat dafür gesorgt, dass das Trainig mehr Spaß macht?
Ja, genau. Wir machen viele interessante und unterhaltsame Dinge, aber wir arbeiten auch sehr hart. Manchmal treten wir gegeneinander an und lösen Aufgaben, um zu sehen, wer schneller ist. Wenn man jeden Tag acht Stunden ernsthaft trainiert, ohne jede Form von Abwechslung, brennt man aus – nach fünf Tagen ist man erledigt. Aber wir halten die Balance.
Du hast erzählt, dass es eine Phase in deinem Leben gab, nachdem du Großmeister geworden bist, in der du dich nicht mehr so stark auf Schach und Training konzentriert hast. Du hast auch gesagt, dass du gesehen hast, wie deine Altersgenossen deutlich besser wurden als du. Was hat sich seitdem geändert?
Die Zeit der Quarantäne hat mein Leben verändert. Danach habe ich angefangen, viel härter zu arbeiten. Im World Cup habe ich einen wichtigen Sieg gegen einen Topspieler erzielt, gegen Alireza Firouzja, und das hat mir viel Motivation gegeben. Ich war sehr jung, erst 15 Jahre alt, und er hatte über 2750 Elo und gehörte zu den Top Ten. Ich habe drei Partien gewonnen und bin ins Achtelfinale eingezogen.
Das war ein Schlüsselmoment: Ich habe erkannt, dass ich auf höchstem Niveau mithalten kann. Seitdem arbeite ich viel ernsthafter. Mein Leben hat sich stark verändert. Mit Roman habe ich wirklich begonnen, intensiv am Schach zu arbeiten.
Dein Trainer hat ein langfristiges Ziel genannt, nämlich die Nummer eins der Welt zu werden. Kannst du dazu etwas sagen?
Ja, ich glaube, das ist möglich. Jeder hat eine Chance. Er hat mir immer gesagt, dass ich Talent habe. Die junge Generation ist sehr stark, und wir alle haben unsere Möglichkeiten. Mein Ziel ist es, gutes Schach zu spielen und Partien zu gewinnen – das treibt mich an.
Ich will in jeder Partie gewinnen: Wenn ich Counter-Strike spiele, spiele ich nicht zum Spaß, ich spiele immer, um zu gewinnen, auch bei Kartenspielen oder Brettspielen – das spielt keine Rolle.
Mein nächster Schritt ist, zu versuchen, die Weltmeisterschaft zu gewinnen, aber ich muss hart arbeiten, und in ein paar Jahren ist mein Ziel, der beste Spieler der Welt zu sein.

20 Jahre und ein Superstar! | Foto: ChessBase / Nils Rohde
Wenn du gegen Gukesh um die WM spielst, dann ist das ein Kampf zwischen sehr jungen Spielern. Bedeutet dir dieses Detail der Schachgeschichte etwas?
Nicht wirklich. Es überrascht mich nicht besonders. Es ist ganz natürlich, dass die jüngere Generation übernimmt. Wir sind zwei sehr starke Großmeister, und ich bin einfach Teil dieser Generation. Nach Carlsen kommt jetzt die junge Generation schnell nach vorn.
Du hast erwähnt, dass du dir wünschst, den Wettkampf an einem sonnigen Ort auszutragen, etwa auf Zypern. Wie hat dir die Zeit hier gefallen?
Es war alles hervorragend. Der Ort ist wunderschön, und das Wetter war großartig. Das Hotel und die Bedingungen waren insgesamt sehr gut. Wir hatten Zeit, Tennis zu spielen, Videospiele zu spielen und uns zu entspannen. Es hat mir wirklich sehr gefallen.
Vielen Dank, und noch einmal herzlichen Glückwunsch.
Vielen Dank!