Karl Gersemann siegt sensationell beim Lichtenberger Sommer

von Stefan Liebig
20.08.2026 – Der Lichtenberger Sommer 2026 endet mit einer echten Überraschung: Der 2013 geborene Karl Gersemann gewann das traditionsreiche Berliner Open mit 7,5 Punkten – trotz eines Byes in der ersten Runde und gegen ein stark besetztes Teilnehmerfeld. 220 Spieler kämpften in der Karlshorster Trabrennbahn um Punkte und Preise. Neben dem Sensationssieger prägten Abdulla Khamidovs furioser Start, starke Auftritte erfahrener Spieler, zahlreiche Jugendliche und eine vorbildliche Organisation die 22. Auflage. | Fotos: Turnierveranstalter | Titelfoto (v.l.n.r.): Emil Schmidek, Karl Gersemann, Bao Anh Le Bui

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22. Auflage des Lichtenberger Sommers

Der Lichtenberger Sommer hat auch in seiner 22. Auflage seinem Ruf als Berliner Traditionsturnier alle Ehre gemacht – und am Ende eine echte Überraschung parat gehabt. Der erst zwölfjährige Karl Gersemann von der TSG Oberschöneweide gewann das neunrundige Open ungeschlagen mit 7,5 Punkten und setzte sich damit punktgleich mit dem topgesetzten IM Emil Schmidek durch. Die bessere Ratingwertung entschied zugunsten des jungen Berliners. Gersemann hatte sogar in der ersten Runde ein Bye genommen und startete somit erst anschließend regulär in den Wettbewerb. Dass er am Ende trotzdem ganz oben in der Tabelle stand, macht seinen Erfolg noch bemerkenswerter.

Mit 220 Teilnehmern war das Turnier erneut sehr gut besucht. Das Feld war international und zugleich stark durch Berliner Nachwuchs geprägt. Der Berliner Schachverband registrierte Spieler aus 14 Ländern, darunter allein 18 Teilnehmer aus der Türkei. 16 Titelträger sorgten an den vorderen Brettern für die sportliche Qualität. Die bewusst auf 17 Uhr gelegten Runden ermöglichten es Berufstätigen, auch unter der Woche am Turnier teilzunehmen. Lediglich die erste sowie die beiden Schlussrunden wichen von diesem Schema ab.

Ausgetragen wurde das Turnier erneut in der Tribünenhalle der Trabrennbahn Karlshorst. Nach der coronabedingten Unterbrechung hatte der Lichtenberger Sommer dort seine neue Heimat gefunden. Die ungewöhnliche Umgebung gehört inzwischen zum Charakter des Opens: An beiden Seiten der Tribünenhalle befinden sich die Wettschalter für die Pferderennen, während in der großzügigen, hohen Halle die Schachbretter aufgebaut sind. Die räumlichen Voraussetzungen sind trotz der fehlenden Klimatisierung ausgesprochen gut. 

Ganz ohne Auswirkungen blieb das Wetter allerdings nicht. Vor allem der Samstag, an dem die achte Runde stattfand, brachte extreme Temperaturen. Die Runde begann zudem drei Stunden früher als an den übrigen Tagen. Im Verlauf des Nachmittags wurde es auch im Spielsaal zunehmend heiß, während Sonneneinstrahlung und warme Außenluft die Bedingungen zusätzlich erschwerten. Dass trotzdem bis zum Schluss konzentriert gekämpft wurde, spricht auch für die Qualität der Organisation.

Zum positiven Gesamteindruck trug auch das Catering bei. Unter freiem Himmel stand ein professionell organisierter Bereich zur Verfügung, in dem unter anderem frisches Grillgut und Kuchen angeboten wurden. Der Platz vor der Halle wurde zugleich als Treffpunkt für die Spieler genutzt. Partieanalysen fanden also in angenehmer Atmosphäre draußen unter den Bäumen statt. Der Lübecker FM Ullrich Krause, der das Turnier in einem ausführlichen Tagesbericht begleitete und auch uns mit Infos zum Turnier versorgte, lobte ausdrücklich die Organisation, die Helfer, das Schiedsrichterteam und das Catering. Besonders hob er hervor, dass auf der Turnierseite von jedem Teilnehmer ein Porträtfoto zu finden war und sämtliche Partien zum Download bereitstanden.

Khadimov mit Blitzstart

Abdulla Khadimov legte einen Traumstart mit 5 aus 5 hin. | Foto: Turnierveranstalter

Sportlich hatte zunächst ein anderer Spieler für die große Überraschung gesorgt. Der Ukrainer Abdulla Khamidov, bei Turnierbeginn mit einer Elozahl von 2218 auf Rang 12 gesetzt, gewann die ersten fünf Partien und führte zur Halbzeit mit 5 aus 5 allein das Feld an. Der Berliner Schachverband beschrieb sein Spiel als bemerkenswert und verwies auf die moderne Ausrichtung seines Schachs. In der sechsten Runde kam es zum Spitzenduell mit Emil Schmidek, das Khamidov remisierte. In den letzten Runden folgten allerdings Niederlagen gegen Bao Anh Le Bui und Karl Gersemann. Am Ende standen für den Ukrainer 6,5 Punkte und Platz zehn zu Buche.

Zeigte auf beeindruckende Weise großes Talent: Karl Gersemann gewann das Open. | Foto: Turnierveranstalter

Gersemann dagegen blieb nach seinem Bye in der Auftaktrunde ungeschlagen. Auf zwei Siege folgte zunächst ein Remis, danach gewann der junge Berliner erneut zwei Partien, spielte dann gegen Schmiedek Remis, um nach dem Sieg gegen Valentin Udelnov in der Schlussrunde auch gegen Khamidov den entscheidenden Punkt einzufahren. Somit kam er auf 7,5 Punkte.

Einen entscheidenden Anteil an seiner Entwicklung hat nach Angaben von Krause einer seiner Trainer, der IM Steve Berger. Berger beschrieb die Zusammenarbeit mit dem jungen Talent als ungewöhnlich unkompliziert, weil bei der Vermittlung von Schachwissen kaum Reibungsverluste entstünden. Für Gersemann ist der Turniersieg damit ein weiterer markanter Schritt in einer Entwicklung, die angesichts seines Alters besondere Aufmerksamkeit verdient.

Hier die entscheidende letzte Partie:



Platz 2 ging an: Emil Schmidek (oben) und Platz 3 an Anh Le Bui Bao (unten). | Fotos: Turnierveranstalter

Hinter Gersemann landete Schmidek ebenfalls bei 7,5 Punkten. Der topgesetzte Internationale Meister war lange Zeit auf Kurs Turniersieg, gab aber in den Runden vier, sechs und sieben jeweils einen halben Punkt ab. In der Schlussrunde setzte er sich gegen den späteren Zehnten Khamidov durch, konnte den Rückstand in der Zweitwertung (Elo-Schnitt der Gegner) aber nicht mehr wettmachen. Mit sieben Punkten folgten Bao Anh Le Bui, Felix Nötzel, Aaron Matthes, FM Ullrich Krause, FM Helmut Froeyman, FM Christoph Nogly und Mykhailo Matviienko.

Mogens Thuesen sicherte sich den Seniorenpreis. | Foto: Turnierveranstalter

Den Seniorenpreis gewann Mogens Thuesen. Der sympathische Däne war mit 6,5 Punkten zugleich einer der auffälligsten Spieler des Turniers. Seine Partien sorgten nicht nur sportlich für Interesse, auch neben dem Brett gehörte Thuesen zu den Gesichtern des Opens. Im Endklassement belegte er Rang 13.

Die Veranstaltung mit 220 Teilnehmern ist heute größer als 2005. Der Lichtenberger Sommer hat sich dabei weniger über einen ständig wachsenden Preisfonds als über seine Mischung aus sportlichem Anspruch, Nachwuchsförderung, internationaler Beteiligung und einem ausgesprochen funktionierenden Turnierumfeld etabliert und bietet ein ungewöhnliches, aber überzeugendes Umfeld, gute räumliche Bedingungen, ein umfangreiches Serviceangebot und eine Organisation, die auch bei 220 Teilnehmern funktioniert. Vor allem aber hat das Turnier 2026 mit Karl Gersemann einen Sieger hervorgebracht, der dem Begriff Überraschung eine neue Dimension gibt: Ein Nachwuchsspieler, der trotz eines kampflosen Auftakt-Remis und starker Konkurrenz ungeschlagen bleibt und einen Spieler wie Abdulla Khamidov in der entscheidenden Phase hinter sich ließ. Damit dürfte die 22. Auflage nicht zuletzt wegen dieses unerwarteten Turniersiegers in Erinnerung bleiben.

Endstand nach 9 Runden:

Rg. Name Pkt.  Wtg1 
1 Gersemann, Karl 7,5 2090
2 Schmidek, Emil 7,5 2082
3 Bui, Bao Anh Le 7 2122
4 Nötzel, Felix 7 2091
5 Matthes, Aaron 7 2089
6 Krause, Ullrich 7 2031
7 Froeyman, Helmut 7 2030
8 Nogly, Christoph 7 1995
9 Matviienko, Mykhailo 7 1986
10 Khamidov, Abdulla 6,5 2110
11 Colpe, Malte 6,5 2065
12 Udelnov, Valentin 6,5 2054
13 Thuesen, Mogens 6,5 2041
14 Hesse, Henrik 6,5 2021
15 Yildirim, Kemal 6,5 2007
16 Verbitsky, Jaroslaw 6,5 1987
17 Matiashvili, Alexander Michael 6,5 1984
18 Hommel, Niclas 6,5 1978
19 Möller, Jared William 6,5 1973
20 Krefenstein, Sergej 6,5 1884

220 Teilnehmer

Alle Partien:

Links:


Stefan Liebig, geboren 1974, ist Journalist und Mitinhaber einer Marketingagentur. Er lebt heute in Barterode bei Göttingen. Im Alter von fünf Jahren machten ihn seltsame Figuren im Regal der Nachbarn neugierig. Seitdem hat ihn das Schachspiel fest in seinen Bann gezogen. Höhenflüge in die NRW-Jugendliga mit seinem Heimatverein SV Bad Laasphe und einige Einsätze in der Zweitligamannschaft von Tempo Göttingen waren Highlights für den ehemaligen Jugendsüdwestfalenmeister.
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