Kaum zu glauben, aber mit seinen 28 Jahren, im April wird er 29, ist Matthias Blübaum beim jüngsten Wijk-aan-Zee-Masters aller Zeiten der Turniersenior. Aber wenn man auf seinen Auftritt bei diesem Turnier schaut, auf seine Ergebnisse, dann gewinnt man den Eindruck, dass hier jemand spielt, der seine Entwicklung noch nicht abgeschlossen hat. Als einer von nur drei Spielern mit einer Elozahl unter 2700 gehörte Blübaum vor Turnierbeginn zu den Außenseitern, aber nach zehn Runden, zwei Dritteln des Turniers, spielt Blübaum mit einem halben Punkt weniger als Spitzenreiter Abdusattorov um den Turniersieg mit. Und wahrscheinlich ist es falsch, dies als Außenseitererfolg zu werten, denn es scheint, dass Blübaums aktuelle Elozahl seiner tatsächlichen Spielstärke noch nachläuft.

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In den letzten beiden Runden des Masters besiegte Blübaum zunächst Gukesh, dann Anish Giri. Beide Partien haben eine gewisse Brisanz, denn Blübaum und Giri werden beim kommenden Kandidatenturnier aufeinandertreffen und spielen dort um das Recht, den Weltmeister herauszufordern. Und das ist Gukesh. Matthias Blübaum hat gezeigt, dass er beide schlagen kann. Sein drittes Opfer im Masters war Nationalmannschaftskollege Vincent Keymer, als Vierter der Weltrangliste nominell noch besser platziert als der Weltmeister Gukesh und Mitkandidat Anish Giri. Es scheint, dass Matthias Blübaum jeden Spieler schlagen kann. Sogar Carlsen, Nakamura und Caruana, die Drei an der Spitze der Leistungspyramide – dazu kommen wir noch.
Eine steile Karriere
Matthias Blübaum wurde 1997 in Lemgo in einer Schachfamilie geboren. Sein Vater Karl-Heinz Blübaum ist auch ein starker Spieler. Mit knapp 2200 DWZ führt er die Rangliste bei Königsspringer Lemgo an. Er brachte nicht nur seinem Sohn Matthias das Schachspielen bei, sondern auch seinen Töchtern Bettina und Johanna, die beide ebenfalls aktive Turnierspielerinnen sind. Matthias Blübaum gehörte ebenfalls Königsspringer Lemgo an, bevor er als 14-Jähriger zu Hansa Dortmund wechselte. Von 2012 bis 2017 spielte Matthias Blübaum für Werder Bremen, dann wechselte er zu den SF Deizisau.
Schon früh geriet Blübaum als großes Talent in den Fokus des Deutschen Schachbundes, wurde mit 12 Jahren in die Nachwuchs-Fördergruppe aufgenommen und bereits als 14-Jähriger erstmals für eine Auswahlmannschaft des DSB nominiert.

Die Prinzengruppe: Dennis Wagner, Matthias Blübaum, Rasmus Svane (verdeckt), Alexander Donchenko | Foto: Schachbund
2012 wurde er zum Jugendspieler U14 des Jahres gewählt.

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2015 nahm er an der Juniorenweltmeisterschaft teil und belegte den dritten Platz. 2016 gewann Blübaum das Grenke Open. 2020 wurde er Deutscher Meister in Blitzschach und gewann das German Masters. 2021 war er im Wechsel mit Alexander Donchenko in der nationalen Rangliste die Nummer eins. 2022 wurde Matthias Blübaum Europameister. 2025 wiederholte er den Erfolg beim deutschen Doppelsieg mit Frederik Svane. Matthias Blübaum ist der einzige Spieler, der jemals diesen Titel zweimal gewinnen konnte.

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Den Titel des Internationalen Meisters trägt Blübaum seit 2022, den Titel des Großmeisters seit 2015.
„Kein sehr starker Spieler“, oder doch?
Seit 2020 gehört Matthias Blübaum zu den 100 besten Spielern der Welt, schien sich aber stabil als sehr solider und sicherer, aber wenig risikofreudiger Spieler bei einer Elozahl von etwa 2670 eingependelt zu haben. In der nationalen Rangliste war inzwischen der einige Jahre jüngere Vincent Keymer vorbeigezogen und zuletzt sogar bis in die absolute Weltspitze vorgestoßen.
In einem inzwischen berühmten Zitat meinte Arkadij Naidisch, dass „Blübaum natürlich kein sehr starker Spieler“ sei. Blübaum nahm dieses strenge Urteil sportlich und verwendete es augenzwinkernd als Accountname für seine Online-Schach-Aktivitäten.
Nun gibt Matthias Blübaum aber ordentlich Gas. Beim Grand-Swiss-Turnier im Herbst letzten Jahres wurde Blübaum ungeschlagen Zweiter hinter Anish Giri, besiegte unter anderem die Weltklasse-Großmeister Erigaisi und Praggnanandhaa und qualifizierte sich so für ein Kandidatenturnier, als dritter Deutscher nach Robert Hübner und Wolfgang Uhlmann. Zum Ende des Turniers hielt Blübaum eine entscheidende Partie gegen Vincent Keymer remis. Der Erfolg brachte ihm eine Einladung zum Tata-Steel-Turnier ein, wo er jetzt die Konkurrenz verblüfft.

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In jüngster Zeit hat Blübaum laut Live-Elo-Liste gut 22 Elo-Punkte gewonnen und in den letzten zwölf Monaten 56 Plätze in der Weltrangliste gutgemacht. Mit 2701 ist er jetzt Nummer 32 in der Welt. Wo die Reise hingeht, weiß man im Voraus nicht, aber in Wijk aan Zee liegt Blübaums Elo-Leistung derzeit über 2800. Und dabei hat Blübaum nicht einmal alle seine Möglichkeiten genutzt. Es ist also durchaus möglich, dass es noch weiter aufwärts geht.
Woher kommt die Leistungsexplosion?
Wie ist die Leistungsexplosion zu erklären? Man könnte zum einen anführen, dass Matthias Blübaum neben seiner Profischachkarriere seit 2015 an der Universität Bielefeld auch noch ein Mathematik-Studium absolvierte und 2022 erfolgreich abschloss. Nun erst hat er den Kopf ganz fürs Schach frei. Auffällig ist allerdings auch die Anzahl seiner Partien in der Mega Database. Blübaum steht dort mit etwa 6500 gespielten Partien zu Buche und gehört damit zu den Spielern mit den meisten gespielten Partien. Nur sechs Spieler haben mehr Partien absolviert, darunter Nakamura und Carlsen als Spitzenreiter. Ein Großteil der Partien sind Online-Turnierpartien.

Die ChessBase Mega Database 2026 ist mit über 11,7 Millionen Partien aus dem Zeitraum 1475 bis 2025 im ChessBase Qualitätsstandard die exklusive Schachdatenbank für höchste Ansprüche. Mit über 114.000 kommentierten Partien beinhaltet die Mega 2026 die weltweit größte Sammlung hochklassig analysierter Partien.
Mit der Pandemie hat sich im Internet eine Schach-Parallelwelt etabliert. Die Spitzenspieler treffen sich zu unzähligen Blitzturnieren und erhalten wertvolle Praxis. Die Internet-Turnierplattformen wirken offenbar nicht nur auf die Spielstärke des Nachwuchses wie ein Katalysator. Und bei verschiedenen Internet-Turnieren hat Blübaum auch schon gegen Carlsen, Nakamura und Caruana gespielt und konnte sie bisweilen auch besiegen.
Nach der Partie gegen Giri erzählte Matthias Blübaum, dass Giri sich mit seiner 1...g6-Eröffnung mit späterem Schlagen auf c3 ganz gezielt auf eine bestimmte Zugfolge vorbereitet hatte, Blübaum wich aber früh von seinen früheren Partien in dieser Variante ab, und es entwickelte sich eine wilde Partie mit dem besseren Ende für den Deutschen.
Allerdings gibt es auch schlechte Nachrichten für Matthias Blübaum. An eine Außenseiterrolle beim Kandidatenturnier in Zypern wird kaum noch jemand ernsthaft glauben.
Interview von Holger Hank (Deutschlandradio) mit Matthias Blübaum...
