Nottingham 1936 : Eines der größten Turniere der Schachgeschichte

von André Schulz
28.08.2026 – Das Turnier von Nottingham 1936, ziemlich genau vor 90 Jahren gespielt, gilt als eines der größten Turniere der Schachgeschichte. Fünf Weltmeister spielten mit. Mit vielen jungen Spielern kündigte sich ein Generationswechsel an. Und zum ersten Mal seit ihrem WM-Kampf von 1927 trafen Aljechin und Capablanca wieder aufeinander. Neben den Partien und einigen Fotos sind als Zeitdokument auch Filmaufnahmen überliefert.

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Turnier mit fünf Weltmeistern

Das Turnier von Nottingham 1936 war mehrfache Weise ein ganz besonderes Turnier. In der Geschichte der großen Schachturnier steht dieses Turnier deshalb weit oben. Im Feld der 15 Teilnehmer befanden sich fünf Weltmeister, frühere oder zukünftige. Außerdem spielten hier Alexander Aljechin, im Jahr zuvor zeitweilig als Weltmeister entthront, und sein Vorgänger Raul Capablanca seit ihrem Weltmeisterschaftskampf von 1927 zum ersten Mal wieder im gleichen Turnier. Das Turnier in Nottingham war zudem Emanuel Laskers letzter Auftritt auf der internationalen Turnierbühne. Topspieler der älteren Generation, wie Lasker, Aljechin, Capablanca, Tartakower und Vidmar trafen auf die kommenden Stars wie Fine, Flohr, Reshevsky und Botvinnik. Der Generationswechsel deutete sich an.

Die Eröffnung durch den Sheriff von Nottingham, Councillor Frederick Mitchell. | Quelle: Emanuel Lasker, Vol. 1 Struggle and Victories /Sammlung L. Schmid

Rauchen erlaubt

Das Turnier wurde vom 10. bis 28. August 1936 in der Universität von Nottingham ausgetragen. Zunächst wurde in einem Raum an der Terrasse gespielt, mit Blick auf den Garten. Im Laufe der Zeit wurde der Zuschauerandrang jedoch so groß, dass man das Turnier ab der 8. Runde in einen großen Gesellschaftssaal verlegte. Die Tische waren in beiden Räumen so gestellt, dass die Zuschauer ganz nah an die Spieler herankommen konnten. Ein weit verbreitetes Laster jener Zeit war der Konsum von Zigaretten und Zigarren. Nicht nur die Zuschauer konnten im Turniersaal ungehemmt rauchen, auch eine Reihe von Spielern war nikotinabhängig. Mikhail Botvinnik war hingegen Nichtraucher und nicht gewohnt, unter diesen Umständen Schach zu spielen. Deshalb hatte er seinen Sekundanten Ragozin gebeten, ihm bei Trainingsstunden Zigarettenrauch ins Gesicht zu pusten. 

Als Preisgeld standen ca. 750 Britische Pfund zur Verfügung. Erster Preis: 200 Pfund. Das Britische Pfund war damals erheblich mehr wert, ca. Faktor 50 im Vergleich zu heute. Für das Preisgeld und die Kosten der Organisation hatten je zur Hälfte der der Friedensrichter J. N. Derbyshire und Sir George Alan Thomas gesorgt. Sir Thomas hatte dafür im Laufe des Jahres mit Hilfe von 50 Simultanveranstaltungen Geld gesammelt.

Gespielt wurde mit einer Bedenkzeit von 2 Stunden für 36 Züge und einer Stunde für weitere 18 Züge. Die Runden wurden von 14 bis 18 Uhr ausgetragen, Abbruchpartien von 20 bis 22 Uhr fortgesetzt. 

Ab der zweiten Turnierwoche fanden noch einige Rahmenturniere statt.

Vier Engländer mit ganz unterschiedlichen Biografien

Neben der internationalen Elite nahmen auch vier Engländer teil, George Alan Thomas (54 Jahre alt), Theodor Henry Tylor (36), William Winter (38) und Conel Hugh O`Donel Alexander (27).

Sir George Alan Thomas war in England eine bekannte Persönlichkeit, weniger wegen seiner Schacherfolge, sondern wegen seiner Vielzahl an Erfolgen im Badminton. Auch im Tennis war Sir Thomas sehr gut und nahm an Wimbledon-Turnieren teil.

CHO'D Alexander erlangte einige Jahre nach dem Turnier besondere Bedeutung als einer der führenden Köpfe im englischen Dechiffrierungszentrum in Bletchley Park. Nach dem Krieg war er Leiter der Kryptografie-Abteilung des MI 5 und durfte nicht mehr im kommunistischen Ausland spielen. Offiziell war er Mitarbeiter im Außenministerium. 

William Winter war eine ganz besonders bunte Persönlichkeit. Er war zu besonderen Leistungen fähig und zeitweise einer der besten englischen Spieler, aber unstet, vielleicht auch durch seinen Alkoholismus verursacht. Im Übrigen war er Bohémien, überzeugter Kommunist, aber auch Patriot. Wegen seiner politischen Aktivitäten hatte Winter zu Anfang der 1920 Jahre einige Monate im Gefängnis verbringen müssen. Sein Onkel J.M. Barrie war Erfinder der Figur von Peter Pan.

Eine ganz andere Biografie wies Sir Theodor Henry Tylor auf. Tylor war fast blind und hatte das Schachspiel schon als Siebenjähriger gelernt. Während seiner Studienzeit erlangte er Meisterstärke und nahm zwölf Mal an den Britischen Meisterschaften teil. Sein bestes Ergebnis war die Vizemeisterschaft. Bei seinen Partien benutzte er ein besonderes Schachbrett für Blinde. Auch im Fernschach war er sehr aktiv. Tylor war Dozent für Rechtswissenschaft und wurde 1965 für seine Verdienste für verschiedene Blindenorganisationen zum Ritter geschlagen.

Weltmeister Botvinnik wirft seinen Schatten voraus

Nicht nur die ältere Generation der Spieler war besonders von der Spielstärke von Mikhail Botvinnik beeindruckt. Capablanca wird sich vielleicht noch an den jungen Sowjetmeister erinnert haben. Elf Jahre zuvor war Botvinnik einer seiner Gegner bei einer Simultanveranstaltung gewesen, die Capablanca damals anlässlich seiner Teilnahme beim großen internationalen Turnier in Moskau in Leningrad gegeben hatte. Der damals 13-jährige Botvinnik gewann seine Partie gegen Capablanca, damals noch der amtierende Weltmeister. Nach einigen weiteren Erfolgen bei hochrangigen Turnieren in Russland hofften die russischen Sportbehörden, vor allem mit Botvinnik, Anschluss an die internationale Weltspitze zu gewinnen. Sie schickten ihn Ende 1934 zum Christmas Congress nach Hastings, doch dort landete der jungen sowjetische Meister recht enttäuschend nur im Mittelfeld. 

Botvinnik rehabilitierte sich aber bald mit seinem Ergebnis beim zweiten großen Moskauer Turnier 1935. Als geteilter Erster mit Salo Flohr ließ er dort Spieler wie Lasker und Capablanca hinter sich. Im Mai 1936 folgte ein weiteres internationales Turnier in Moskau, in dem Botvinnik mit einem Punkt Rückstand hinter Capablanca Zweiter wurde. Das Turnier in Nottingham wurde Botvinniks zweite Turnierteilnahme außerhalb der Sowjetunion.

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Capablanca gegen Aljechin

Capablanca kämpfte nach seiner vor allem für ihn so unerwarteten Niederlage gegen Aljechin im Wettkampf um die Weltmeisterschaft Zeit seine Lebens um die Möglichkeit eines Revanchematches - allerdings ohne Erfolg. Aljechin verlangte von Capablanca stets die gleichen Bedingungen, die er selber 1927 hat erfüllen müssen, um Capablanca herausfordern zu dürfen. Dazu gehörte, eine Preisbörse von 10.000 Dollar in Gold zu beschaffen, was Capablanca nie gelang. 

Gegenüber anderen Herausforderern war Aljechin weniger unnachgiebig. 1929 und 1934 war Aljechin zweimal gegen Bogoljubow angetreten und hatte zweimal seinen Titel verteidigt. 1935 verlor der Weltmeister seinen Titel allerdings in einem denkwürdigen Wettkampf gegen Max Euwe, woran auch Aljechins schlechter Zustand aufgrund übermäßigen Alkoholkonsums mit Schuld war. Zum Turnier in Nottingham trat also Euwe, nicht Aljechin, als amtierender Weltmeister an. Aljechin hatte aber mit dem Niederländer einen Revanche-Wettkampf ausgehandelt, der 1937 stattfand und in dem Aljechin seinen Titel zurückerobern konnte.

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Max Euwe war der 5. Weltmeister der Schachgeschichte, nachdem er 1935 Alexander Aljechin im Wettkampf um die Weltmeisterschaft besiegen konnte. Von Beruf Mathematiklehrer blieb Euwe Zeit seines Lebens Amateur, war aber dennoch der beste Schachspieler der Niederlande und einer der weltbesten Spieler. Mit zwölf niederländischen Landesmeisterschaften hält Euwe den Rekord. Nach dem Gewinn der Weltmeisterschaft war Euwe eine Zeitlang auch der weltbeste Spieler. 1937 verlor er den Titel im Revanchematch gegen Alexander Aljechin wieder.
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Laskers letztes Turnier

Neben Capablanca und Aljechin war Emanuel Lasker der dritte Ex-Weltmeister im Feld. Lasker, als Jude aus seiner deutschen Heimat vertrieben, hatte in Russland ein neues Zuhause gefunden. Während Lasker in Nottingham sein letztes Turnier spielte, begannen in Russland die Moskauer Schauprozesse, in denen Stalin die Veteranen der Oktoberrevolution aus dem Weg räumen ließ. Der Große Terror hatte schon 1935 seinen Anfang genommen und Lasker befand sich in Nottingham vielleicht auch aus diesem Grund in keiner guten Verfassung. Botvinnik erinnerte sich, dass Lasker schlecht aussah und Probleme hatte, sich zu bewegen. Nach dem Turnier kehrte der zweite Weltmeister der Schachgeschichte noch einmal nach Moskau zurück, bereitete aber heimlich seine Abreise zu Verwandten in den USA vor. Im August 1937 verschwand Lasker mit seiner Frau für immer aus Moskau.

Emanuel Lasker in Nottingham | Quelle: Emanuel Lasker, Vol. 1 Struggle and Victories /Sammlung L. Schmid

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Der Turnierverlauf

Den besten Turnierstart hatte Euwe mit 2 aus 2, nach Siegen über Reshevsky und Vidmar. Aljechin startete mit einem schwunghaften Sieg gegen Flohr.

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Schon in der zweiten Runde kam es zum brisanten Duell der Exweltmeister Capablanca und Aljechin. In seinem Turnierbuch kommentiert Aljechin seine Niederlage gegen Capablanca ziemlich unverhohlen schlecht gelaunt.

Zusammengefasst lief sie so:

  • Aljechin spielte mit Schwarz eine interessante Eröffnung, die unverdientermaßen nicht seinen Namen trägt.
  • Capablanca macht einige nutzlose Züge 
  • Aljechin verrechnet sich auf unerklärliche Weise und gerät irgendwie in ein verlorenes Endspiel.

Lässt man beim Nachspielen eine Engine mitlaufen, stellt man allerdings fest, dass Aljechin im Großen und Ganzen mit seiner Einschätzung durchaus richtig lag. 

In der dritten Runde musste der amtierende Weltmeister wegen der ungeraden Teilnehmerzahl pausieren und Botvinnik übernahm die Führung.

Bis zur achten Runde lieferten sich Botvinnik und Euwe ein Kopf-an-Kopf-Rennen und lagen die meiste Zeit nach Punkten gleichauf, wobei Botvinnik seinen spielfreien Tag aber noch vor sich hatte. In der neunten Runde verlor Euwe dann gegen Aljechin, während Botvinnik gegen Lasker remis spielte. In der zehnten Runde hatte Botvinnik seinen spielfreien Tag und konnte nicht punkten. Das gab den Verfolgern Capablanca und Fine Gelegenheit, mit Siegen über Vidmar und Bogoljubow an der Spitze gleichzuziehen.

In Runde elf kam in der Spitzengruppe nur Botvinnik gegen Thomas zu einem vollen Punkt und übernahm daraufhin die alleinige Führung. Capablanca holte den jungen Sowjetmeister aber in Runde zwölf ein.

Die beiden Führenden punkteten auch in Runde 13, während Euwe nach einer Niederlage gegen Lasker weiter an Boden verlor.

In der Vorschlussrunde gab es für Botvinnik gegen Euwe und für Capablanca gegen Fine nicht mehr als einen halben Punkt zu holen. So führten vor der 15. und letzten Runde Capablanca und Botvinnik mit einem halben Punkt vor Aljechin, der Tartakower geschlagen hatte. Aljechin musste aber in der letzten Runde noch aussetzen und war damit im Kampf um den Turniersieg raus.

Die 15. Runde | Quelle: Emanuel Lasker, Vol. 1 Struggle and Victories

In der Schlussrunde spielte Capablanca gegen Bogoljubow remis und Botvinnik kam gegen Winter ebenfalls nicht über einen halben Punkt hinaus, was einen geteilten Turniersieg für Capablanca und Botvinnik bedeutete. Fine, Reshevsky und Euwe und punkteten alle noch einmal voll, zogen noch an Aljechin vorbei und kamen punktgleich auf den Plätzen 3 bis 5 ins Ziel. 

Raul Capablanca in Nottingham | Quelle: Emanuel Lasker, Vol. 1 Struggle and Victories

Er war ein Wunderkind und um ihn ranken sich Legenden. In seinen besten Zeiten galt er gar als unbezwingbar und manche betrachten ihn als das größte Schachtalent aller Zeiten: Jose Raul Capablanca, geb. 1888 in Havanna.

Für Capablanca war es sicher eine Genugtuung, Aljechin geschlagen zu haben und weit vor ihm gelandet zu sein. Das hat ihm aber für seine Ambitionen auf einen Revanchekampf nicht geholfen. Beim AVRO-Turnier 1938 und auch noch bei der Schacholympiade 1939 versuchte Capablanca erneut mit Aljechin eine Einigung über einen WM-Kampf zu erzielen.

Botvinnik hingegen empfahl sich als möglicher Herausfordere, kehrte als Held ins heimatliche Arbeiter und Bauernparadies zurück und soll für seinen Erfolg mit einem Auto belohnt worden sein.

Die junge Generation mit Botvinnik, Reshevsky und Fine hatte insgesamt einen starken Auftritt. Von den vier Engländern war der auf einem Braillebrett spielende Tyler mit 4,5 Punkten der beste. Die Lokalmatadoren konnten insgesamt aber nur vier Siege einfahren, alle gegen Lasker und Tartakower und bildeten das Tabellenende.

Videoaufnahmen vom Turnier


André Schulz, seit 1991 bei ChessBase, ist seit 1997 der Redakteur der deutschsprachigen ChessBase Schachnachrichten-Seite.
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