Schach, Musik und KI

von ChessBase
09.07.2026 – Jonathan Levitt ist englischer Großmeister, Autor, Trainer und Komponist von Endspielstudien. Als Spieler feierte er Erfolge bei zahlreichen Turnieren, zog sich jedoch aufgrund gesundheitlicher Probleme bereits in seinen Vierzigern weitgehend vom Turnierschach zurück. In den vergangenen Jahren widmet er sich kreativen Projekten, darunter Lieder mit Schachthemen über Persönlichkeiten wie Bobby Fischer und Garry Kasparov. Für ChessBase hat er den folgenden lesenswerten Beitrag über Musik und Künstliche Intelligenz geschrieben und dabei auch Beispiele aus seiner eigenen Arbeit vorgestellt.

Ihr persönlicher Schachtrainer - Egal, ob Sie Ihre ersten Schritte in die Welt des Vereinsschachs machen oder bereits auf Turnierniveau spielen: Mit FRITZ trainieren Sie effizienter, intelligenter und individueller als je zuvor.
FRITZ ist mehr als nur eine Schach-Engine – es ist eine Trainingsrevolution! Egal, ob Sie Ihre ersten Schritte in die Welt des Vereinsschachs machen oder bereits auf Turnierniveau spielen: Mit FRITZ trainieren Sie effizienter, intelligenter und individueller als je zuvor.

Von Jonathan Levitt

Vor rund 30 Jahren überholte die Künstliche Intelligenz die besten menschlichen Schachspieler. Als Garry Kasparov gegen Deep Blue aufgab, war das ein emotionaler Moment – für den russischen Ausnahmespieler ebenso wie für die Menschheit insgesamt.

Seitdem sind Computer immer stärker geworden, und der Abstand zu den Menschen hat sich weiter vergrößert, auch wenn Schach bis heute nicht vollständig „gelöst“ ist, also noch nicht perfekt gespielt wird.

Erst seit Kurzem erreichen Maschinen auch in der Musik das Niveau der besten Menschen – sowohl beim Gesang als auch beim Komponieren. Es gibt jede Menge schlechte Musik von Menschen und ebenso viele misslungene KI-Erzeugnisse; darum soll es hier jedoch nicht gehen. Wenn KI-Musik gut gemacht ist, erreicht sie bereits heute höchstes Niveau, und die Entwicklung weist klar in eine Richtung. Nur die besten menschlichen Musiker können noch mithalten. Da sich KI-Musik zudem ständig weiterentwickelt und verbessert, dürfte es nur eine Frage der Zeit sein, bis Maschinen die beste Musik machen.

Aber entwickelt sich die von Menschen geschaffene Musik überhaupt noch weiter? Vielleicht, aber der „Fortschritt“ verläuft langsam und ist umstritten. Der erste veröffentlichte Song der Beatles liegt zeitlich näher am Ende des 19. Jahrhunderts als an der Gegenwart. Wenige Jahre später erschien A Day in the Life. Manche würden behaupten, dass seither kaum ein Lied entstanden ist, das dieses Niveau übertrifft. Auch Bob Dylan veröffentlichte bereits vor 60 Jahren einige seiner besten Songs.

Ich habe am 14. Juni 2026 einen Song mit dem Titel To the Fairest veröffentlicht. Der Text stammt von dem preisgekrönten Dichter John F. Keane, der gemeinsam mit GM Jon ein ganzes Album geschaffen hat (Songs For a Stolen Future), das am 11. Juli erscheinen soll. Ich erwähne To the Fairest in diesem Zusammenhang, weil ich glaube, dass die instrumentale Begleitung des Textes außergewöhnlich gelungen ist. Wie viele menschliche Musiker könnten auf dem Niveau der KI spielen, die in diesem Song zu hören ist? Kein Wunder, dass viele Musiker der KI kritisch gegenüberstehen!

Übrigens spielen auch heute noch Menschen Schach. Die Besten arbeiten alle mit Maschinen und lernen von ihnen. Gleichzeitig wird es immer schwieriger, bei Turnieren sicherzustellen, dass sich Spieler nicht unerlaubt von Computern unterstützen lassen.

Musik ist jedoch eine Kunstform und kein Wettkampf. Entscheidend ist, schöne Musik zu schaffen, die Milliarden Menschen Freude bereiten kann. Deshalb gibt es keinen Grund zu überwachen, ob bei ihrer Entstehung Maschinen eingesetzt wurden – im Gegenteil: Das wäre geradezu absurd und würde den Hörern nur Genuss und Freude nehmen. Die besten Künstler werden lernen, mit der Technik zusammenzuarbeiten, um die besten Ergebnisse zu erzielen. Das tun sie schon seit Jahren, doch inzwischen erreicht diese Entwicklung eine neue Stufe, auf der die Maschinen immer größere Teile des kreativen Prozesses übernehmen.

Vorerst stammen die besten Liedtexte noch von Menschen. Doch auch das könnte sich mit der Zeit ändern. Wir Menschen müssen uns anpassen, unsere Grenzen akzeptieren und lernen, mit den Maschinen zusammenzuarbeiten – oder riskieren, in der Bedeutungslosigkeit zu verschwinden. Wenigstens werden wir wohl noch eine ganze Weile diejenigen sein, die die Musik genießen!

Hier ist ein Beispiel. Das wunderbare Gedicht The Last Leaf des amerikanischen Dichters Oliver Wendell Holmes aus dem 19. Jahrhundert, vertont von GM Jon:

Und hier finden Sie eine Auswahl der musikalischen Kompositionen von Jon Levitt:

Hier hören Sie, wie Tara die Chess Songs singt.

Über den Autor

Jonathan Paul Levitt (*3. Juni 1963) ist englischer Großmeister, Autor, Trainer und Komponist von Endspielstudien. Er studierte Mathematik am Magdalen College in Oxford, wurde 1984 IM und 1990 Großmeister. Im Januar 1989 kam er auf Elo-Zahl von 2495, die höchste seiner Laufbahn. Er feierte bei zahlreichen Turnieren Erfolge und 2005 gewann er das Howard Staunton Memorial 2005. Aufgrund gesundheitlicher Probleme zog er sich jedoch bereits in seinen Vierzigern weitgehend vom Turnierschach zurück, spielt aber weiterhin Blitzpartien im Internet.

Levitt unterrichtete Schach an der City of London School und schrieb unter anderem die Bücher Bobby Fischer's $5,000,000 Comeback (1992), Secrets of Spectacular Chess (1995) sowie Genius in Chess (1997), das sich mit dem Zusammenhang zwischen Intelligenz und schachlicher Spielstärke befasst. Darüber hinaus komponierte er preisgekrönte Endspielstudien.

In den vergangenen Jahren hat sich Levitt verstärkt kreativen Projekten außerhalb des klassischen Schachs gewidmet. Dazu gehören Lieder mit Schachthemen über Persönlichkeiten wie Bobby Fischer und Garry Kasparov. Jon lebt zusammen mit seiner Frau Maria in Suffolk, England.

Links


Die ChessBase GmbH, mit Sitz in Hamburg, wurde 1987 gegründet und produziert Schachdatenbanken sowie Lehr- und Trainingskurse für Schachspieler. Seit 1997 veröffentlich ChessBase auf seiner Webseite aktuelle Nachrichten aus der Schachwelt. ChessBase News erscheint inzwischen in vier Sprachen und gilt weltweit als wichtigste Schachnachrichtenseite.
Diskussion und Feedback Senden Sie Ihr Feedback an die Redakteure