Spassky spielt Königsgambit!

von Johannes Fischer
30.01.2024 – Am 30. Januar feiert Boris Spassky, Weltmeister von 1969 bis 1972, seinen 87. Geburtstag. Spassky gilt als universeller Spieler und hat im Laufe seiner Karriere zahlreiche fantastische Angriffspartien gespielt. Eine seiner Lieblingseröffnungen mit Weiß war das Königsgambit, mit dem er Spieler wie David Bronstein, Bobby Fischer, Yasser Seirawan und Anatoly Karpov geschlagen hat. | Foto: Boris Spassky, Schacholympiade Saloniki 1984 | Foto: Gerhard Hund

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Die ChessBase Megadatenbank enthält 29 Partien mit klassischer Bedenkzeit, in denen Spassky mit Weiß das Königsgambit probiert hat, 15 davon hat er gewonnen, 14 endeten Remis, verloren hat er mit dieser zweischneidigen, riskanten Eröffnung kein einziges Mal.

Spasskys lebenslange Leidenschaft für das Königsgambit geht wohl auf seinen ersten Trainer zurück, den Leningrader Meister Vladimir Zak, der ein begeisterter Anhänger dieser Eröffnung war und seine Leidenschaft für das Königsgambit in einem Buch verewigt hat.

Spasskys erster Weißsieg im Königsgambit, den die ChessBase Megadatabase aufführt, gelang ihm 1955 gegen Yuri Averbakh im Finale der Sowjetischen Meisterschaft.

Bereits in dieser Partie zeigte sich ein Muster, das sich in vielen der späteren Partien, die Spassky mit dem Königsgambit gespielt hat, zeigen sollte: In der Eröffnung stand Spassky mit Weiß etwas oder sogar deutlich schlechter, aber im Mittelspiel zeigte sich, dass er die Stellungen besser verstand und besser behandelte als seine Gegner.

Ein sehr typisches Beispiel für einen solchen Partieverlauf liefert Spasskys Sieg gegen Semyon Furman, den späteren Trainer von Anatoly Karpov, im Halbfinale der Sowjetischen Meisterschaften 1959. Beim Kampf gegen den als solide geltenden Furman erlaubte sich Spassky eine kleine Provokation: Er griff zum Steinitz-Gambit und ging schon im vierten Zug mit seinem König auf Wanderschaft. In der irrationalen Stellung, die so entstand, fand er sich besser zurecht als sein Gegner.

Ein Jahr später, im Januar 1960, spielte Spassky dann mit dem Königsgambit eine Partie, die in die Filmgeschichte einging: Im Finale der 27. Sowjetischen Meisterschaft in Leningrad opferte er gegen Bronstein einen Springer und erlaubte seinem Gegner zugleich, einen Turm mit Schach zu schlagen - und das Ende dieser spektakulären Partie inspirierte die Macher des James Bond Films "Liebesgrüße aus Moskau" dazu, eine Schachszene in ihren Film einzubauen.

Und hier die Szene aus dem James Bond-Film:

Zwei Monate nach dieser Partie gelang Spassky beim Turnier in Mar del Plata in Argentinien ein weiterer historischer Sieg mit dem Königsgambit. Denn bei diesem Turnier traf er das erste Mal auf seinen großen Rivalen Bobby Fischer. Spassky hatte Weiß und eröffnete mit 1.e4, worauf Fischer von seinem geliebten Sizilianer abwich, und Spassky mit 1…e5 zu einem Königsgambit einlud. Der ließ sich nicht lange bitten und nahm den Fehdehandschuh auf und spielte tatsächlich 2.f4. Die Eröffnung lief nicht gut für Spassky, aber im Mittelspiel spielte Fischer zu verbissen auf Gegenangriff und stellte im Übereifer eine Figur ein.

Bobby Fischer bei der Schacholympiade 1960 in Leipzig | Foto: Turnierbuch

Fischer nahm diese Partie später in sein Buch "Meine 60 Denkwürdigen Partien" auf und machte sie dadurch noch bekannter. Außerdem unterzog er das Königsgambit einer gründlichen Analyse und veröffentlichte ein Jahr später in der ersten Ausgabe des American Chess Quarterly seinen berühmt gewordenen Artikel "A Bust to the King’s Gambit", in dem er behauptete, "Meiner Meinung nach ist das Königsgambit erledigt. Es verliert forciert."

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Das hielt Fischer jedoch nicht davon ab, im weiteren Verlauf seiner Karriere in drei Partien (gegen Larry Evans bei der US-Meisterschaft in New York 1963, gegen Robert Wade beim Turnier in Vinkovci 1968 und gegen Dragoljub Minic in Vinkovci 1968) mit Weiß zum Königsgambit zu greifen. Fischer gewann alle drei Partien, allerdings spielte er nach 1.e4 e5 2.f4 exf4 immer 3.Lc4 und nicht 3.Sf3 wie Spassky es gegen ihn in Mar del Plata gemacht hatte.

In Partien mit klassischer Bedenkzeit hat Spassky 3.Lc4 nur einmal gespielt, 1960 gegen Mammed Nurmamedov im Halbfinale der Sowjetischen Meisterschaften in Rostov am Don, und in dieser Partie gelang ihm ein klarer Sieg.

Allerdings griff Spassky bei einem Schnellschachwettkampf, zu dem er 1999 in St. Petersburg gegen seinen alten Rivalen Viktor Kortschnoi antrat, in einer Partie noch einmal zu 3.Lc4 im Königsgambit. Das führte zu einer interessanten Stellung, in der Spassky im entscheidenden Moment der Mut fehlte, seinen schlecht stehenden Läufer mit einem Bauernopfer zu befreien.

Als widerlegt, wie Fischer behauptet hat, gilt das Königsgambit heute nicht, allerdings blickt die Theorie skeptisch auf den Versuch des Weißen, mit 2.f4 das Zeitalter des romantischen Schachs neu aufleben zu lassen. Wie in den obigen Partien zu sehen, stand Spassky mit dem Königsgambit nach der Eröffnung oft schlechter, aber konnte dann das Ruder noch herumreißen. Die erstaunlichste Rettung gelang ihm dabei 1982 beim in Hamburg gespielten TV World Cup gegen Karpov.

Der TV World Cup war ein K.O.-Turnier mit acht Teilnehmern, die in zwei Gruppen doppelrundig gegeneinander antraten und Schnellpartien mit einer Stunde für die ganze Partie spielten. Die Sieger der jeweiligen Gruppen – das waren Karpov und Spassky - spielten dann im Finale um den Turniersieg.

Karpov war für Spassky immer ein schwieriger Gegner und auch bei seiner Partie mit Karpov beim Fernsehturnier schien Karpov auf der Siegerstraße zu sein, aber dann unterlief dem damaligen Weltmeister, der für seine gute Technik berühmt war, im Endspiel in hochgradiger Zeitnot ein schwerer Fehler und Spassky konnte die Partie doch noch für sich entscheiden. Aber trotz dieser bitteren Niederlage gewann Karpov das Finale und den TV World Cup.

Auf YouTube findet man noch alte Aufnahmen dieses Turniers.

Sein letzter Weiß-Sieg im Königsgambit in einer Partie mit klassischer Bedenkzeit gelang Spassky 1988 gegen Zsuzsa Polgar. Einmal mehr zeigte er in dieser Partie, wie gut er alle Facetten des Schachs beherrscht: Das Spiel in zweischneidigen taktischen Stellungen, das Spiel in positionellen Stellungen und auch das Endspiel.

Boris Spassky | Foto: Dagobert Kohlmeyer

Spassky spielt gegen das Königsgambit

Mit Schwarz hat Spassky gerne Spanisch gespielt, doch nach 1.e4 e5 waren nur vier seiner Gegner kühn – oder vermessen – genug, um Spassky mit dem Königsgambit herauszufordern. Sie alle erlitten mehr oder weniger schnell Schiffbruch. Wie der Engländer William Hartston beim Turnier in Hastings 1965/1965.

Der deutsche Spieler Wolfram Hartmann, der selbst regelmäßig Königsgambit gespielt hat, erwies sich als prinzipientreu, als er in der Bundesliga mit Weiß gegen Spassky antreten musste: Er probierte es gleich zwei Mal mit dem Königsgambit, doch beide Partien verliefen einseitig zu Gunsten von Schwarz.

In der ersten Spassky-Partie mit einem Königsgambit, die in der Mega enthalten ist, hatte Spassky Schwarz und gewann gegen den russischen Meister Chepukaitis. Und auch in seiner letzten Gewinnpartie in einer Partie mit klassischer Bedenkzeit, in der das Königsgambit auf dem Brett stand, hatte Spassky Schwarz – und kam zu einem hübschen Sieg.

Offensichtlich spielte Spassky die zweischneidigen, oft unkonventionellen Stellungen, die im Königsgambit entstehen können, einfach gerne. Sie gaben ihm Raum für Kreativität und ungewöhnliche Züge. So war das Königsgambit zwar nie Spasskys Hauptwaffe nach 1.e4 e5 – meistens spielte er 2.Sf3, sehr selten auch 2.Sc3 – aber er blieb der Eröffnung sein Leben lang treu und wendete sie immer wieder mit erstaunlichem Erfolg an. Und spielte dabei zugleich eine Reihe schöner und bemerkenswerter Partien.

Partien

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Johannes Fischer, Jahrgang 1963, ist FIDE-Meister und hat in Frankfurt am Main Literaturwissenschaft studiert. Er lebt und arbeitet in Nürnberg als Übersetzer, Redakteur und Autor. Er schreibt regelmäßig für KARL und veröffentlicht auf seinem eigenen Blog Schöner Schein "Notizen über Film, Literatur und Schach".
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