Im Mittelpunkt der Sendung stand ein Gespräch mit dem Organisationspsychologen und Wharton-Professor Adam Grant, dessen neuestes Buch „Hidden Potential“ den Rahmen für die Diskussion bildete. Maurice Ashley nahm als Experte an der Sendung teil, dessen persönlicher und beruflicher Werdegang die in dem Buch behandelten Ideen konkret veranschaulicht.
Das Expertengespräch konzentrierte sich auf die These, dass Erfolg weniger von angeborenem Talent als vielmehr von der Entwicklung von Charaktereigenschaften wie Resilienz, Neugier und Ausdauer abhängt. Grant erörterte Forschungsergebnisse und persönliche Erfahrungen, die zeigen, dass Fortschritt eher von Lernprozessen als von Anstrengung allein abhängt, und wie wichtig die Fähigkeit ist, Durststrecken auszuhalten und durch Rückschläge und Misserfolge zu wachsen. In diesem Zusammenhang erzählte er die Geschichte der „Raging Rooks“. Dabei geht es um das Schach-Team einer Mittelschule aus Harlem. Es erreichte Anfang der 1990er-Jahre die Spitzenplätze der nationalen Schulschachwettbewerbe, obwohl die Spieler nicht die Vorteile von Elite-Privatschulen genossen.
Grant schilderte die Hindernisse, mit denen das Team konfrontiert war: begrenzte finanzielle Mittel, kein Zugang zu erstklassigen Trainingsmöglichkeiten und keine vergleichbaren Programme zur Talentförderung. Trotzdem erreichten die Raging Rooks das Finale der US-Meisterschaften und gewannen schließlich den Titel. Auch wenn man dies als Underdog-Geschichte lesen könnte, so betonte Grant, dass ihre tiefere Bedeutung im Lern- und Vorbereitungsansatz des Teams lag. Zentral für diesen Ansatz war ihr Trainer, der junge Maurice Ashley, der später als erster Afroamerikaner Großmeister wurde.

Foto: Audible
Grant beschrieb Ashleys Trainingsmethoden als unkonventionell. Der Autor merkte an, dass dieser viele gängige Annahmen über die Entwicklung erfolgreicher Schachspieler bewusst infrage stellte. Anstatt auf starre Hierarchien, Auswendiglernen oder frühe Spezialisierung zu setzen, konzentrierte sich Ashley auf Motivation, Selbstvertrauen und selbstständiges Denken. Laut Grant liefert dieses Modell weiterführende Erkenntnisse über Bildung und Leistung. Es legt nahe, dass effektive Lernumgebungen, Charakter und Anpassungsfähigkeit über eng gefassten Leistungskriterien stehen.
Ashley schaltete sich aus Florida in die Unterhaltung ein und reflektierte über seine eigene Beziehung zum Schach. Er erinnerte sich daran, das Spiel mit vierzehn Jahren entdeckt zu haben, kurz nachdem er von Jamaika nach Brooklyn gezogen war. Er beschrieb Schach als von Natur aus faszinierend und verwies auf seine historische Tiefe, seinen symbolischen Reichtum und seine mythischen Qualitäten. Die Namen und Zugweisen der Figuren, erklärte er, erzeugen eine Welt, die gleichermaßen uralt und fantasievoll ist. Zudem sorge die Komplexität des Spiels dafür, dass es nie vollständig beherrscht werden würde. Für Ashley wurde Schach gerade deshalb zu einer kontinuierlichen intellektuellen Herausforderung, weil es sich endgültigen Antworten entziehe.
Er sprach auch über seine Wettkampfkarriere und die psychologischen Anforderungen, die mit dem Streben nach dem Großmeistertitel verbunden sind. Ashley erinnerte sich an einen entscheidenden Moment, als GM Alexander Shabalov, der bei einer wichtigen Partie Ashleys zusah, einen paradoxen Ratschlag gab:
„Um Großmeister zu werden, muss man zuerst Großmeister sein.“

Zwei Veteranen der US-Schachszene: Alexander Shabalov und Alex Yermolinsky | Foto: A. Yermolinsky
Ashley erklärte, diese Erkenntnis habe seinen Fokus von Wertungszahlen, Normen und Ergebnissen zum inneren Prozess der Entwicklung von Selbstvertrauen, Gelassenheit und Entscheidungsfähigkeit unter Druck gelenkt. Als er 1999 schließlich Großmeister wurde, empfand er diese Leistung lediglich als Bestätigung einer bereits vollzogenen Entwicklung.
Das Gespräch wandte sich anschließend Ashleys Arbeit als Lehrer und Mentor zu, insbesondere mit jungen Spielern aus benachteiligten Verhältnissen. Ashley merkte an, dass er ursprünglich nicht Lehrer werden wollte, die Arbeit mit Kindern ihn aber sehr bereichert habe. Er beschrieb junge Schüler als äußerst aufnahmefähig – wenn man ihnen mit Respekt begegne. Er betonte, dass ihre Lernbereitschaft oft steigt, wenn man höhere und nicht niedrigere Erwartungen an sie stellt. Das Unterrichten, so stellte er fest, sei ein wesentlicher Bestandteil seiner eigenen Entwicklung geworden.
Ashley verknüpfte diese Erfahrungen mit den Themen seines Buches „Move by Move: Life Lessons On and Off the Chessboard“, in dem er Schach als Metapher für Lebensentscheidungen verwendet. Er hob mehrere Lehren hervor, die sich aus dem Spiel ziehen lassen: der Wille, aus Niederlagen zu lernen, dem Gegner aufmerksam zuzuhören und Fehler als Chancen zur Verbesserung zu begreifen.

Move by Move: Life Lessons On and Off the Chessboard
Ashley stellte fest, dass Niederlagen im Schach ein unmittelbares und konkretes Feedback liefern und Fortschritt von der Fähigkeit abhängt, diese Lektionen ohne Entmutigung anzunehmen.
Die Folge schloss mit Betrachtungen über den Zugang zum Schach und die Chancen in der Schachwelt. Ashley sprach darüber, wie befriedigend es sei, Kindern Schach näherzubringen, die sonst vielleicht nie damit in Berührung kämen, und wie es sich anfühle, Momente mitzuerleben, in denen Verständnis und Selbstvertrauen wachsen. Gastgeberin Oprah Winfrey verknüpfte Ashleys Erfahrungen mit der zentralen These von „Hidden Potential“: Wachstum wird durch Charakter, Lernumgebung und kontinuierliche Anstrengung gefördert und nicht durch frühe Anzeichen von Brillanz.
Maurice Ashley schaltet sich bei Minute 17:42 zu.