Vor 50 Jahren: Kortschnojs Flucht in den Westen

von André Schulz
08.07.2026 – Im Juli 1976 nutzte Viktor Kortschnoj, damals der zweitbeste Spieler der Welt, seine Teilnahme am IBM-Turnier in Amsterdam zur Flucht aus der UdSSR. Ein Katz-und-Maus-Spiel wie aus einem Spionagethriller begann. Die sowjetischen Behörden reagierten zudem mit hässlichen Stellungnahmen und einem ausnahmslosen Boykott - fast ausnahmslos. | Foto: Kortschnoj 1976/ Dutch National Archive

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Vor 50 Jahren: Kortschnoj flieht aus der UdSSR

Die Nachricht schlug am 27. Juli 1976 nicht nur in der Schachwelt wie eine Bombe ein. Der sowjetische Großmeister Viktor Kortschnoj, zu dieser Zeit der zweitbeste Schachspieler in der Welt, hatte einen Aufenthalt in den Niederlanden genutzt, um die UdSSR zu verlassen. Für die Spätgeborenen mag es eine seltsame Nachricht aus längst vergangenen Tagen sein, aber zu jener Zeit war es Staatsbürgern aus der UdSSR und ihren ebenfalls kommunistisch regierten Satellitenstaaten untersagt, ohne ausdrückliche Erlaubnis der Behörden ihren Staat zu verlassen, insbesondere, wenn sie das dauerhaft wünschten.

Diese so genannten „Republikflüchtlinge“ wurden von den Behörden ihrer kommunistischen Heimatländer mit großer Härte verfolgt und sanktioniert, inklusive ihrer Familien und Angehörigen. Einige wurden sogar ermordet.

Im Schach hatte es einige starke Großmeister gegeben, die auf die eine oder andere Weise ihre kommunistische Heimat aus Überzeugung verlassen hatten. Prominente Namen waren Pal Benkö, Ludek Pachmann, Gennadi Sosonko, Boris Gulko oder Ivan Ivanov. Das Mindeste, was die Behörden der Heimatländer gegen ihre ehemaligen Bürger veranlassten, war ein konsequenter Boykott dieser Spieler. Wenn diese an einem Turnier teilnahmen, nahm kein Spieler aus den Ländern des damaligen so genannten Ostblocks teil.

Foto von Fred Grinberg/ Sputnik

Viktor Kortschnoj und der junge Anatoly Karpov waren in den Jahren 1974/1975 die Nummer zwei und drei in der FIDE-Weltrangliste hinter Bobby Fischer, der aber nach seinem Gewinn der Weltmeisterschaft in Reykjavik 1972 mehr oder weniger verschwunden war und wie sich herausstellte, in den folgenden 20 Jahren keine Partie mehr spielen sollte.

1974 spielten Karpov und Kortschnoj in Moskau das Kandidatenfinale. Karpov gewann und war damit der WM-Herausforderer. 1975 kam es dann nicht zu dem Wettkampf gegen Fischer, weil der US-Amerikaner nicht antrat.

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Kortschnoj fühlte sich während und nach dem Kandidaten-Finale durch die sowjetischen Sportbehörden und die russischen Medien benachteiligt und gedemütigt. Zudem stand er "unter Beobachtung", weil er sich in einem Interview kritisch über die Behörden der UdSSR geäußert hatte. Eine Zeitlang durfte er nicht an Auslandsturnieren teilnehmen. Kortschnoj beschloss, bei nächster Gelegenheit aus der Sowjetunion zu fliehen.

Als Kortschnoj schließlich wieder an Auslandsturnieren teilnehmen durfte, schaffte er nach und nach  einen Teil seiner Schachbibliothek, Fotografien, Briefe und wichtige Dokumente aus der UdSSR heraus. Seinen Plan, aus der UdSSR zu fliehen, hielt Kortschnoj aber selbst gegenüber seinen Familienangehörigen, seinem Sohn Igor und seiner Frau Bella, geheim.

Anfang 1976 spielte Kortschnoj das Turnier in Hastings mit. Dort übergab er schon einige seiner persönlichen Sachen zur Aufbewahrung an Gennadi Sosonko, den er noch aus der Sowjetunion gut kannte und dem er vertraute. Für seine Flucht hatte er jedoch einen anderen Ort ausgewählt.

Anfang Juli reiste Kortschnoj zum IBM-Turnier nach Amsterdam, ein Traditionsturnier das dort zum 16ten Male ausgetragen wurde. Am Ende des Turniers teilte Kortschnoj mit Anthony Miles den ersten Platz.

Bei der Abschlussfeier saßen die beiden Co-Sieger zusammen und Kortschnoj fragte Miles in einem vertraulichen Gespräch, wie man auf Englisch „politisches Asyl“ schreibt.

Nach der Schlussfeier fuhr Kortschnoj noch zu einer vereinbarten Simultanveranstaltung nach Den Haag, dann verschwand er mit Hilfe von holländischen Freunden. Diese waren Walter Mooij und Janco Knossen. Walter Mooij und Kortschnoj kannten sich schon seit 1968 und immer, wenn Kortschnoj in den Niederlanden spielte, trafen sich die beiden. Als Kortschnoj in den Niederlanden seine Flucht plante, fragte er seinen holländischen Freund, ob der ihm dabei helfen würde - ein nicht ungefährliches Unterfangen. Nach dem Simultan in Den Haag hätte Kortschnoj sich eigentlich in die Sowjetische Botschaft begeben müssen, um Bericht über das Turnier zu erstatten. Kortschnoj ließ sich aber stattdessen von Walter Mooij abholen und versteckte sich bei ihm zuhause. Am nächsten Morgen nahm Mooij Verbindung mit Janco Cnossen, dem Leiter der örtlichen Ausländerbehörde, auf. Kortschnoj beantragte dort Asyl.

Unterdessen vermissten die Sowjets Kortschnoj bereits und suchten nach ihm, um ihren Großmeister, immerhin einer der besten Spieler der Welt, notfalls auch mit Gewalt wieder in die Obhut der UdSSR zu bringen. Um auf Nummer sicher zu gehen versteckte Kortschnoj sich anfangs abwechselnd bei Walter Mooij und bei Janco Cnossen, bis die niederländischen Behörden einen anderen Unterschlupf für den prominenten Flüchtling fanden.

Kortschnoj kam dann aber doch einem Gesuch der sowjetischen Botschaft nach, sich dort einzufinden, damit die Sowjets ihn zu einer Rückkehr in die Sowjetunion bewegen konnten. Kortschnoj wurde dabei von niederländischen Beamten begleitet, damit er in der sowjetischen Botschaft nicht „verlorenging“.

Kortschnojs Gesuch um politisches Asysl lehnten die niederländischen Behörden ab, gestanden ihm aber immerhin ein Aufenthaltsrecht in den Niederlanden zu.

Die sowjetischen Behörden waren von Kortschnoj Flucht ziemlich überrascht, schließlich befand sich ja noch Kortschnojs Familie in der UdSSR, und benötigten einige Zeit für ihre erste Reaktion. Als erste meldete die offizielle sowjetische Nachrichtenagentur TASS Kortschnojs Flucht. Der Schachspieler (!) Kortschnoj sei ein eitler und neidischer Mensch, ließ TASS verlauten, und sein Versuch, im Westen Asyl zu bekommen, sei eine billige Sensation. Sein krankhafter Ehrgeiz sei größer als sein Können.

Zwanzig Tage nach der Flucht gab auch der Sowjetische Schachverband eine ähnlich lautende  offizielle Erklärung heraus. NAch zwei weiteren Wochen folgte ein scharf formulierter offener Brief, von 31 Sowjetspielern unterschrieben, in dem diese Kortschnojs Handlungsweise scharf verurteilten. Ein Ausschnitt:

„Die niederträchtige Handlung des Schachspielers Viktor Kortschnoj, der die Heimat verraten hat, kann uns nur mi dem Gefühl der totalen Empörung und Verachtung erfüllen. Kortschnoj, der den für Abweichler typischen Weg der Verleumdung wählte, versucht jetzt, Züge im schmutzigen politischen Spiel zu machen und die Aufmerksamkeit auf seine Person zu lenken., um seinen Wert bei den Anhängern billiger Sensationen zu erhöhen. … Nachdem Kortschnoj Schutz bei der holländischen Polizei vor einer erfundenen Verfolgung erbeten hat, will er nun seine kleinen persönlichen Gekränktheiten in den Rang eines internationalen Problems erheben.“

(Zitiert aus: Viktor Kortschnoi: Mein Leben für das Schach)

Den Brief hatten Baturinsky und Averbakh aufgesetzt und den Spielern im Namen der sowjetischen Behörden „nahegelegt“ zu unterschreiben.

Natürlich war der Druck auf die sowjetischen Spitzenspieler seitens der Behörden groß, aber dennoch unterschrieb nicht jeder der sowjetischen Topspieler diesen offenen Brief. Michail Botwinnik, David Bronstein und Boris Spassky, der allerdings schon in Frankreich lebte, unterschrieben nicht. Anatoly Karpov veröffentlichte einen eigenen offenen Brief ähnlichen Inhalts.

Aus dem Westen erhielt Kortschnoj im Gegensatz dazu viele Glückwunsche, unter anderem ein Telegramm von Bobby Fischer:

„Gratuliere zum richtigen Schachzug! Meine besten Wünsche für das neue Leben!“

(Ziitiert aus: Viktor Kortschnoi: Mein Leben für das Schach)

Im Wissen um das Schicksal anderer Dissidenten und Republikflüchtlinge war Viktor Kortschnoj ausgesprochen misstrauisch. Er wusste, dass der Arm des sowjetischen KGB überallhin reichte und zitiert in seiner Autobiografie Fälle, in denen Flüchtlinge vom KGB sogar entführt und wieder in die UdSSR zurückgebracht wurden, um sie dort zusammenzuschlagen. In anderen Fällen wurden die Familienangehörigen drangsaliert.

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Zu dieser Zeit wurde Kortschnoj von Yves Kraushaar zu Simultanveranstaltungen in die Schweiz eingeladen, wo Kortschnoj Petra Leeuwerik kennenlernte, die er später, nach der Scheidung von seiner Frau Bella, heirate. Petra Leeuwerik stammte eigentlich aus Leipzig und war eine überzeugte Antikommunistin. Nach dem Krieg war sie bei einem Besuch in Österreich von den Russen entführt worden und wurde in das berüchtigte Arbeitslager in Workuta, Sibirien, gesteckt. Petra Leeuwerik hatte sich in der DDR durch ihre Aktivitäten in einer katholischen Studentenbewegung für die Russen verdächtig gemacht hatte. Sie kam erst 1955 im Zuge des Adenauer-Initiative wieder frei.

Viktor Kortschnoj und Petra Leewerik

Die sehr energische und tatkräftige Frau half Kortschnoj, sich in seiner neuen Umgebung zurechtzufinden und hielt ihm für seine weitere Karriere den Rücken frei.

Kortschnoj lebte zunächst weiter in den Niederlanden, wo Joop van Oosterom, der Chef von Volamc und ein großer Schachmäzen, ihn unterstützte. Dann hielt sich Kortschnoj eine Zeitlang in Deutschland auf. Seine schlimmen Erinnerungen aus der Zeit der Belagerung seiner Heimatstadt Leningrad im Zweiten Weltkrieg durch die deutsche Wehrmacht hielt ihn aber davon ab, dauerhaft in Deutschland leben zu wollen. Schließlich wurde die Schweiz Kortschnojs zweite Heimat.

Nach Kortschnojs Flucht und den folgenden Propagandaaktionen reagierte die Sowjetunion so, wie sie es immer bei Flüchtlingen aus dem Sport machte, mit einem Boykott. Dort wo Kortschnoj spielte, nahm kein Spieler aus dem Ostblock teil. Bei einem Wettbewerb konnte die Sowjets Kortschnoj allerdings nicht boykottieren – bei den Kämpfen um die Weltmeisterschaft. Im WM-Zyklus von 1976-78 besiegte Kortschnoj in den Kandidatenkämpfe alle sowjetischen Gegner und stand schließlich als Herausforderer von Weltmeister Karpov fest. Das Match wurde zu einem erbitterten Psychokrieg, der die Welt wochenlang in Atem hielt.

Bevor der Wettkampf begann, nahmen die Sowjetbehörden noch Kortschnojs Familie in der UdSSR unter Beschuss. Kortschnojs Sohn Igor erhielt einen Einberufungsbefehl zum Militär ein. Beim sowjetischen bzw. russischen Militär herrschte ein sehr rüder Umgang mit Rekruten und mancher Wehrdienstleistender war dort schon zu Schaden gekommen. Igor Kortschnoj weigerte sich, den Wehrdienst abzuleisten und versuchte aus der Sowjetunion zu fliehen. Der Versuch missglückte und er wurde für zwei Jahre ins Gefängnis gesteckt.

Der Wettkampf um die Weltmeisterschaft  wurde 1978 noch auf sechs Gewinnpartien gespielt. Zur Mitte des Wettkampfes führte Karpov mit 4:1 nach Gewinnpartien. In der 27. Partie erhöhte er auf 5:2. Doch dann gewann Kortschnoj drei Partien in Folge. Es wurde noch einmal spannend. Karpov gewann dann aber die 32. Partie, es war sein sechster Sieg, womit er seinen Titel verteidigte.

   

1981 kam es in Meran zu einer Neuauflage dieses Wettkampfes. Doch inzwischen waren die Kräfteverhältnisse anders verteilt. Karpov gewann glatt mit 6:2.

Der Boykott des Ostblocks gegen Kortschnoj dauerte bis 1983. In diesem Jahr sollte Kortschnoj gegen den aufstrebenden Garry Kasparov in Denver, USA, einen Kandidaten-Wettkampf spielen. In Antizipation des kommenden westlichen Boykotts der Olympischen Spiele in Moskau 1984, verboten die sowjetischen Sportbehörden Kasparov, in die USA zu reisen. Kortschnoj gewann kampflos. Kasparovs Mentor Geidir Aliev, lange KGB-Chef von Aserbaidschan und dann Mitglied des Politbüros, intervenierte und ließ mit Kortschnoj eine Wiederholung des Wettkampfes vereinbaren. Als Gegenleistung wurde unter anderem der Boykott gegen Kortschnoj aufgehoben. Der Wiederholungswettkampf fand dann in London statt. Kasparov gewann und wurde später im zweiten Anlauf Weltmeister.

Kortschnoj spielte noch viele Jahre sehr erfolgreich bei bedeutenden Turnieren und war in der Zeit vor dem Internetschach der Spieler, der die meisten Partien absolviert hatte. Er ist auch heute noch der Spieler in der Geschichte des Schachs mit den meisten klassischen Turnierpartien.

Nach einem Schlaganfall saß er die letzten Jahre im Rollstuhl. Er starb 2016.

https://de.chessbase.com/post/kortschnoi-zum-90sten


André Schulz, seit 1991 bei ChessBase, ist seit 1997 der Redakteur der deutschsprachigen ChessBase Schachnachrichten-Seite.
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