Das Jubiläumsturnier des Dresdner Schachclubs von 1876 anlässlich des 50sten Geburtstages des Vereins im Jahre 1926 brachte einige bemerkenswerte Partien hervor. Eine Partie ragte besonders heraus: Aron Nimzowitschs Schwarzsieg gegen den Schweizer Paul Johner, in der der große Spieler und Theoretiker seine Spielstrategie der Blockade lehrbuchartig demonstrierte. Nimzowitsch erhielt für diese Partie zurecht den 1. Schönheitspreis. Johannes Fischer hat am Jubiläumstag, am 5. April, die Partie noch einmal für die ChessBase-Webseite kommentiert.
Nimzowitsch (ursprünglich: Nemcovic = der Deutsche), am 7. November 1886 in Riga, (Lettland, damals Russland), als Kind wohlhabender deutschsprachig-jüdischer Eltern geboren, kam 1904 nach Berlin und studierte dort Philosophie, brach das Studium aber bald zugunsten des Schachs ab und lebte fortan als Profispieler. Nach dem Ersten Weltkrieg zog Niemzowitsch 1920 zunächst nach Schweden und lebte von 1922 bis zu seinem Tod (16. März 1935) in Dänemark, Kopenhagen.
In der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg gehörte Nimzowitsch gemäß den Berechnungen des Statistiker Jeff Sonas einige Zeit zu den Top 5 in der Welt. Nach der Weltkriegsdepression erreichte er in den späten 1920er/ frühen 1930er Jahren in dieser Liste nachträglich berechneter historischer Elozahlen sogar den Platz als drittbester Spieler hinter Alexander Aljechin und Raul Capablanca.
Die dokumentierte Schachgeschichte in Dresden reicht bis in die 1840er Jahre zurück. Wie in vielen anderen Städten auch trafen die Dresdner Schachfreunde sich regelmäßig in Caféhäusern, im Café Meißner, im Café francais oder in "den drei Raben". In den 1860er und 1870er Jahren wurden dann auch schon die ersten Schachclubs gegründet, die die Zeit aber nicht überdauerten. Am 13. Mai 1876 kam es im Café König schließlich zur Gründung des Dresdner Schachverein, als Nachfolger der Dresdner Schachgesellschaft. Die Schachfreunde des Dresdner Schachvereins waren in der Folge sehr umtriebig, veröffentlichten Kompositionen, gaben die Dresdner Schachblätter heraus und organisierten Turniere. Mitglieder des Vereins waren auch im Sächsischen Schachverband aktiv.
Anlässlich des 50sten Gründungsjahr organisierte der Dresdner Schachverein ein prächtiges Jubiläumsturnier mit zehn Teilnehmern, das in den Sächsischen Schachkongress von 1926 und einige weitere Turniere und Veranstaltungen eingebettet war.
Alexander Aljechin war im April 1926, als das Turnier stattfand, noch nicht Weltmeister, aber gemäß den Listen von Jeff Sonas schon die Nummer zwei in der Weltrangliste, hinter Emanuel Lasker (!) und vor Efim Bogoljubov und Raul Capablanca. Nimzowitsch war die Nummer fünf, aber da Lasker, Bogoljubov und Capablanca in Dresden nicht am Start waren, gehörte Nimzowitsch neben Aljechin zu den Topfavoriten auf den Turniersieg. Von den übrigen Spielern zählten sicher zudem noch Akiba Rubinsstein, allerdings schon nicht mehr so stark wie vor dem Ersten Weltkrieg, und Savielly Tartakower zur Weltspitze.

Stehend: Akiba Rubinstein, Friedrich Sämisch, Savielly Tartakower, Christof Jobst, Max Blümich, Lajos Steiner, Frederick Yates
Sitzend: Aaron Nimzowitsch, Alexander Aljechin, Otto Krüger, Walther von Holzhausen, Paul F. Johner
Nimzowitsch, Aljechin und Rubinstein starteten erwartungsgemäß mit zwei Siegen in das Turnier. In Runde drei kam es dann schon zum Spitzenspiel zwischen Aljechin und Nimzowitsch. Diese Partie endete remis, während Rubinstein Sämisch besiegen konnte und sich so alleine an die Spitze setzte.
In Runde vier gewann Rubinstein gegen den Leipziger Max Blümich, den langjährigen Präsidenten des Sächsischen Schachverbandes, der jedoch später als bekennender Nationalsozialist auf seine Leistungen als Schachfunktionär dunkle Schatten warf.
Nimzowitsch besiegte in dieser Runde Tartakower, während Aljechin gegen Paul Johner einen halben Punkt liegen ließ.
In der folgenden fünften Runde gelang Nimzowitsch ein Sieg gegen Spitzenreiter Rubinstein, wodurch er selber die Führung übernahm. Aljechin bezwang Tartakower und lag zusammen mit Rubinstein mit einem halben Punkt Rückstand hinter Nimzowitsch. Der Abstand der Führungsgruppe zum Rest des Feldes betrug nun schon 1,5 Punkte.
Im Verfolgerduell zwischen Aljechin und Rubinstein in Runde sechs setzte sich Aljechin durch, konnte aber den Abstand zu Nimzowitsch nicht verringern, weil dieser gegen Lajos Steiner ebenfalls punktete. Der gebürtige Ungar Lajos Steiner, damals erst 25 Jahre alt, entstammte einer Schachfamilie und spielte Anfang der 1930er Jahre bei drei Schacholympiaden für Ungarn. Zu Beginn des Zweiten Weltkrieges wanderte der gebürtige Jude nach Australien aus und war dort lange Zeit der stärkste Spieler.
Auch in der siebten Runde punkteten beide, Nimzowitsch und Aljechin, voll, sodass es keine Veränderung an der Spitze gab. In den letzten beiden Runden feierte Nimzowitsch gegen Walter von Holzhausen und Friedrich Sämisch. Aljechin ging hingegen die Puste aus. Der kommende Weltmeister Aljechin kam gegen Frederik Yates und Van Holzhausen jeweils nicht über ein Remis hinaus.
Der Österreicher Freiherr Walter von Holzhausen war eine illustre Figur mit lebhafter Vergangenheit. Seine Leidenschaft galt dem Problemschach. Als Major war er im Ersten Weltkrieg in Russische Gefangenschaft geraten und hatte im Lager die anderen Gefangen im Schach unterrichtete. Er gab dort zudem eine Schachlagerzeitung heraus und legte eine große Sammlung von Schachproblemen an. Bei seiner Flucht aus dem Lager ging beides jedoch verloren.

Aron Nimzowitsch
Am Ende gewann Aron Nimzowitsch das Turnier mit einem vollen Punkt Vorsprung. Er gewann den ersten Preis in Höhe von 1000 Mark, gestiftet von der Haus Bergmann Zigarettenfabik AG. Aljechin erhielt als Zweiter 800 Mark, Rubinstein als Dritter 600 Mark und Tartakower als Dritter 400 Mark. Freiherr von Holzhausen war der besten Nicht-Großmeister und wurde noch mit 200 Mark ausgezeichnet (gestiftet von Geheimrat Arnold).
Der 1. Schönheitspreis, den Nimzowitsch für seine Partie gegen Paul Johner erhielt, bestand aus 5000 Gildehof-Zigaretten, die von der Dresdner Tabakfabrik Haus Bergmann gestiftet worden waren. Die Haus Bergmann AG wurde nach dem Zweiten Weltkrieg von British American Tobacco (BAT) übernommen. Die beliebte BAT-Marke "HB" verwies noch lang auf Haus Bergmann.

Aljechin und Nimzowitsch teilten den 2. Schönheitspreis für ihre Partien gegen Rubinstein, für jeden 2500 Zigaretten. Ob Nimzowitsch sich über den Schönheitspreis gefreut hat, ist fraglich. Er war in seiner Jugend ein starker Raucher gewesen, hatte dieses Laster aber aus gesundheitlich Gründen aufgeben müssen und dann eine starke Abneigung gegen Tabakgeruch entwickelt hatte.
In einer berühmten Anekdote wird erzählt, dass Nimzowitsch sich bei einem Turnier beim Schiedsrichter beschwert hatte, weil sein Gegner eine Zigarette in den Mund gesteckt hatte.
"Aber er hat sie doch noch gar nicht angesteckt", antwortete der Schiedsrichter.
"Die Drohung ist stärker als die Ausführung", soll Nimzowitsch geantwortet haben.
