In Europa führten Deutsche und Polen Krieg gegeneinander, in Buenos Aires kämpften sie am Schachbrett um Medaillen. Am Ende gewann Deutschland mit einem halben Punkt Vorsprung vor Polen zum ersten und bislang einzigen Mal Mannschaftsgold bei einer Schacholympiade. Doch der Beginn des Krieges wirkte sich auch auf den Verlauf der Olympiade aus.
Sechs Mannschaftskämpfe wurden nicht ausgetragen, sondern kampflos mit 2:2 gewertet, unter anderem auch der Wettkampf Deutschland gegen Polen. Die englische Mannschaft, die sich für die Finalrunde qualifiziert hatte, reiste vorzeitig ab. Drei ihrer Mitglieder, C. H. O'D. Alexander, Stuart Milner-Barry und Harry Golombek, arbeiteten später in Bletchley Park und halfen dabei, die verschlüsselten Nachrichten der deutschen Wehrmacht zu entziffern.
Doch zahlreiche Teilnehmer kehrten gar nicht nach Europa zurück. Alle fünf Mitglieder der deutschen Mannschaft, Erich Eliskases, Paul Michel, Ludwig Engels, Albert Becker und Heinrich Reinhardt, blieben in Südamerika, und auch die polnische Mannschaft zerstreute sich. Miguel Najdorf und Paulino Frydman blieben in Argentinien, Franciszek Sulik ging später nach Australien. Doch Savielly Tartakower, der seit Jahren in Frankreich lebte, aber für Polen spielte, kehrte nach Europa zurück und schloss sich während des Krieges den Streitkräften des Freien Frankreich an.

Poster der Olympiade in Buenos Aires | Quelle: FIDE
Für Capablanca schwanden durch den Ausbruch des Weltkriegs die Hoffnungen, doch noch einen zweiten Weltmeisterschaftskampf gegen Aljechin zu spielen, der als amtierender Weltmeister zur Olympiade gekommen war. Seit seiner überraschenden Niederlage im WM-Kampf 1927 gegen Aljechin hatte sich Capablanca um einen Revanchekampf bemüht. Vergeblich, denn Aljechin fand immer neue Gründe, nicht gegen Capablanca anzutreten. Stattdessen verteidigte er seinen Titel 1929 und 1934 gegen Efim Bogoljubow. 1935 verlor er überraschend gegen Max Euwe, der damit neuer Weltmeister wurde. Allerdings gab Euwe Aljechin die Chance zu einem Rückkampf, und die nutzte Aljechin. Er gewann das Revanchematch 1937 und eroberte seinen Titel zurück.
Auch bei Turnieren ging Aljechin Capablanca aus dem Weg. Nach ihrem WM-Kampf 1927 achtete er darauf, nicht in denselben Turnieren wie Capablanca anzutreten. Erst 1936, neun Jahre nach ihrem WM-Kampf, spielten sie beim Turnier in Nottingham wieder gegeneinander. Capablanca gewann. Zwei weitere Partien folgten beim AVRO-Turnier 1938 in den Niederlanden. Die erste endete remis, die zweite gewann Aljechin. Es war ihre letzte Turnierpartie gegeneinander.

Aljechin (links) und Capablanca bei ihrem WM-Kampf 1927 in Buenos Aires
Doch in Buenos Aires 1939 war es Capablanca, der dem direkten Duell auswich. Capablanca spielte für Kuba am ersten Brett, Aljechin für Frankreich, und am 14. September, in der zwölften Finalrunde, hätten die beiden gegeneinander spielen können. Aber Capablanca trat nicht an, und so spielte Alberto López Arce am Spitzenbrett für Kuba gegen Aljechin und verlor in 25 Zügen. Der Mannschaftskampf endete 2:2.
Capablanca erklärte am folgenden Tag in der argentinischen Zeitung Crítica, seine Entscheidung habe ausschließlich persönliche Gründe gehabt. Bereits eine Woche zuvor habe er dem argentinischen Schachverband mitgeteilt, dass er nicht gegen Aljechin spielen werde. Die Olympiade sei ein Mannschaftsturnier, kein Einzelwettbewerb, und weder Kuba noch Frankreich kämpften um den Turniersieg.
Trotzdem verhandelten Capablanca und Aljechin während der Olympiade weiter über einen Rückkampf. Am 16. September erklärte Capablanca in einem Brief an Augusto de Muro, den Präsidenten des argentinischen Schachverbandes, erneut seine Bereitschaft, um die Weltmeisterschaft zu spielen: „Ich bin bereit zu spielen, sobald sich der Kampf organisieren lässt.“ Aljechin antwortete ausweichend, und verwies in seiner Antwort vom 18. September darauf, dass er als Reserveoffizier der französischen Armee zum Dolmetscherdienst einberufen werden könnte (vgl. Edward Winter, Chess Notes Nr. 4696, „Capablanca and Alekhine in Buenos Aires, 1939“).
Am Ende kam es nie zu einem Rückkampf. Dafür brachte die Olympiade Capablanca einen letzten sportlichen Erfolg und einen symbolischen Sieg über seinen großen Rivalen. Capablanca blieb in Buenos Aires ungeschlagen und holte 11½ Punkte aus 16 Partien (+7, =9, −0). Aljechin kam auf 12½ Punkte aus 16 Partien (+9, =7, −0) und hatte damit einen Punkt mehr erzielt. Da bei dieser Olympiade für die Vergabe der Einzelmedaillen jedoch nur die Ergebnisse der Finalrunde gewertet wurden, ging die Goldmedaille für die beste Leistung am ersten Brett an Capablanca. Er hatte in der Finalrunde 8½ aus 11 erzielt, Aljechin musste sich mit 7½ aus 10 mit Silber begnügen.
Dieser Erfolg war Capablancas Schwanengesang. Nach der Olympiade spielte er kein Turnier mehr, sondern nur noch Simultan- und freie Partien. Am 7. März 1942 erlitt der 53-jährige, der seit Jahren unter hohem Blutdruck litt, bei einem Besuch des Manhattan Chess Club in New York einen Schlaganfall. Er starb am folgenden Morgen im Mount Sinai Hospital.
Die letzte Turnierpartie seines Lebens spielte Capablanca bei der Olympiade in Buenos Aires gegen den Brasilianer Octávio Trompowsky, den Namensgeber der Trompowsky-Variante 1.d4 Sf6 2.Lg5!?. Capablanca gewann diese Partie so, wie er im Laufe seiner Karriere unzählige Partien gewonnen hatte: Er verzichtete in der Eröffnung auf theoretische Diskussionen, vermied taktische Verwicklungen, die vielleicht sogar vorteilhaft für ihn gewesen wären, und überspielte seinen Gegner stattdessen im Mittelspiel mit scheinbar einfachen Mitteln. Das führte zu einem vorteilhaften Endspiel, das Capablanca problemlos zum Sieg führte.

Die brasilianische Mannschaft | Quelle: https://www.ara.org.ar/chs/ajedrez/perlas/buenosaires1939.html
Er war ein Wunderkind und um ihn ranken sich Legenden. In seinen besten Zeiten galt er gar als unbezwingbar und manche betrachten ihn als das größte Schachtalent aller Zeiten: Jose Raul Capablanca, geb. 1888 in Havanna.
Phantastische Taktik und glasklare Technik. Das waren die Markenzeichen auf Aljechins Weg zum WM-Titel 1927. Das Team Rogozenco, Marin, Reeh und Müller stellt Ihnen den 4. Weltmeister und sein Schaffen vor. Inkl. interaktivem Test zum Mitkombinieren!
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