Das erste große Turnier nach dem Zweiten Weltkrieg: Staunton Memorial 1946

von André Schulz
12.09.2026 – Das erste große internationale Turnier nach Ende des Zweiten Weltkrieges fand im August/September in Groningen statt. Es war das Jubiläumsturnier des Staunton Chess Clubs von 1871. Zum ersten Mal überhaupt nahm auch eine Reihe von sowjetischen Spielern an einem Turnier außerhalb der UdSSR statt. Diese sorgten vor Turnierbeginn ungewollte für einige organisatorische Probleme. Bericht mit Video... | Fotos: Durch National Archive (Anefo), wenn nicht anders angegeben.

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Im August/September 1946 (13.8-7.9), nur wenige Monate nach Ende des Zweiten Weltkrieges, wurde in Groningen (Niederlande) ein großes internationales Schachturnier durchgeführt, das Staunton Gedenkturnier. Mancher wundert sich vielleicht, warum ein Gedenkturnier zu Ehren des großen englischen Spielers und Organisators ausgerechnet in Groningen organisiert wurde. Dies ist im ehrwürdigen Schachklub von Groningen begründet, der Staunton Chess Society, der sich im November 1871 im Namen von Howard Staunton gegründet hatte. Im Gründungsjahr lebte der Namenspatron des Klubs übrigens noch. Er starb drei Jahre später, 63-jährig.

Die Vorgeschichte

Während des Krieges fand im März 1941 in Groningen ein kleines Schachturnier mit fünf Spielern statt. Die Teilnehmer waren Salomon (Salo) Landau, damals nach Max Euwe der beste Spieler der Niederlande, Hans Kmoch, J.H Kruit und die beiden Mitglieder des Staunton-Klubs, Chr. Scholtens und A.H. Roose. Salo Landau gewann das Turnier. Es war sein letztes. 1942 wurde er mit seiner Familie deportiert, 1944 wurden alle ermordet.

Salo Landau, li., gegen Johannes van den Bosch, ca. 1930 | Fotoquelle: Chessclub Utrecht

Im Laufe dieses Fünferturniers wurde über den herannahenden 75sten Geburtstag des Klubs im Jahr 1946 gesprochen und die Idee zu einem Jubiläumsturnier geboren - falls die äußeren Umstände es erlauben würden. Während des Krieges und der deutschen Besatzung war an die Durchführung eines solchen Turniers nicht zu denken, aber nachdem Nazi-Deutschland im Mai 1945 kapituliert hatte, die Niederlande befreit waren, wurde die Idee wieder aufgegriffen.

Die Organisation des Turniers wurde dann gemeinsam von Mitgliedern des Staunton Klubs und dem NOSBO (Noordelijke Schaakbond, Groningen en Drenthe) in die Hand genommen. Bei der Auswahl der Teilnehmer war Max Euwe behilflich, der über ausgezeichnete internationale Kontakte verfügte und mit Adressen aushelfen konnte.

Das Turnierfeld wird zusammengestellt

Das Jubiläumsturnier in Groningen wollte man mit einer breiten internationalen Mischung von Weltklassespielern durchführen. Die erste Wahl waren dabei die Spieler des AVRO-Turniers von 1938, dem letzten großen Turnier vor dem Krieg. Aber Capablanca und Aljechin waren inzwischen verstorben. Max Euwe war aber in jedem Fall am Start.

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Max Euwe war der 5. Weltmeister der Schachgeschichte, nachdem er 1935 Alexander Aljechin im Wettkampf um die Weltmeisterschaft besiegen konnte. Von Beruf Mathematiklehrer blieb Euwe Zeit seines Lebens Amateur, war aber dennoch der beste Schachspieler der Niederlande und einer der weltbesten Spieler. Mit zwölf niederländischen Landesmeisterschaften hält Euwe den Rekord. Nach dem Gewinn der Weltmeisterschaft war Euwe eine Zeitlang auch der weltbeste Spieler. 1937 verlor er den Titel im Revanchematch gegen Alexander Aljechin wieder.
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Ein Teil der Einladungen wurde direkt an die Spieler geschickt, ein Teil der Einladungen über die nationalen Verbände ausgesprochen. Die Sowjetunion, die kurz zuvor in einem Radio-Wettkampf die USA vernichtend geschlagen hatte und sich bereits anschickte, die Vormachtstellung im Schach zu übernehmen, entsandte nicht weniger als fünf ihrer Spitzenspieler. Es war das erste Mal, dass sowjetischer Spieler in einer größeren Anzahl an einem Turnier außerhalb der Sowjetunion teilnahmen. Mikhail Botvinnik und Salo Flohr waren zwei weitere Wunschspieler aus dem Teilnehmerfeld des AVRO-Turniers.  Außerdem traten Alexander Kotov, Vassily Smyslov und Isaak Bolesavsky die Reise nach Groningen an. 

Die Sowjetspieler auf dem Weg nach Groningen, Zwischenstation in Berlin | Foto: chess.gpntb.ru via Douglas Griffin

Paul Keres, der während des Zweiten Weltkrieges auf dem von Deutschland kontrollierten Gebiet Turniere gespielt hatte, durfte nicht aus der Sowjetunion ausreisen.

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Botvinnik hatte sich mit seinen Turnierergebnissen bei den letzten großen Turnieren vor dem Krieg für größere Aufgaben empfohlen. Tatsächlich hatte er mit Alexander Aljechin einen Wettkampf um die Weltmeisterschaft verabredet, der eigentlich im August 1946 in Nottingham hätte stattfinden sollen. Durch Aljechins etwas mysteriösen Tod am 24. März 1946 in seinem Exil in Estoril war das Match hinfällig geworden und Botvinnik deshalb frei für andere Turniere.

Flohr, Botvinnik, Kotov und Boleslavsky zusammen mit Steiner beim Bummerln durch Groningen

Aus der Tschechoslowakei nahm Cenek Kottnauer teil, aus Ungarn Laszlo Szabo, aus Jugoslawien Milan Vidmar. Die Heimatländer dieser drei Spieler gehörten in der neuen politischen Landschaft Europas nach dem Krieg nun zum Machtbereich der UdSSR. Kottnauer ging 1953 nach England.

Aus Belgien hatte Alberic O‘Kelly de Galway die kurze Reise nach Groningen angetreten. Frankreich war durch die beiden "Originale" Saviely Tartakover und Ossip Bernstein vertreten, die beide ursprünglich einmal aus Osteuropa stammten. Martin Christoffel nahm aus der Schweiz teil, Gösta Stoltz und Erik Lundin repräsentierten Schweden.

Aus den USA konnten oder wollten Reuben Fine und Samuel Reshevsky nicht teilnehmen, dafür reisten der amtierende US-Meister Arnold Denker und Herman Steiner an. Mit dem jungen Daniel Yanofsky aus Kanada hatte man einen weiteren interessanten Teilnehmer aus Nordamerika gewonnen.

Der nach der Schacholympiade von 1939 in Argentinien gestrandet Pole Mieczyslaw (dann Miguel) Najdorf hatte schon 1944 die argentinische Staatsbürgerschaft angenommen und vertrat nun seine neue Heimat, ebenso wie Carlos Guimard.

Es fehlten Spieler aus England, da auf der Insel zeitgleich die britischen Landesmeisterschaften durchgeführt wurden. Deutsche und italienische Spieler wollte man nicht in dem Turnier haben.

Am Ende hatten die Organisatoren ein erlesenes, sehr internationales Feld von 20 Spielern zusammen, darunter einige Legenden vergangener Zeiten und einige vielversprechende junge Spieler. Mit Max Euwe nahm ein Ex-Weltmeister teil und mit Mikhail Botvinnik und Vassily Smyslov waren zwei zukünftige Weltmeister dabei.

Smyslov pflegte einen klaren positionellen Stil und verließ sich auch in scharfen taktischen Stellungen häufig mehr auf seine Intuition als auf konkrete Variantenberechnung, wobei er es im Bedarfsfall durchaus verstand, brillant zu kombinieren.

Die Spieler

Ein Spieler zu viel - was nun?

Die Organisation des Turniers unter der Leitung des sehr umtriebigen Johann Hollander muss recht chaotisch verlaufen sein. Die Kommunikationswege waren damals natürlich sehr umständlich und langwierig und besonders in Bezug auf die Teilnahme der sowjetischen Spieler gab es lange Ungewissheit, ob sie teilnehmen werden und in welcher Zahl. Schließlich schien das Turnierfeld mit 20 Spielern zusammen zu sein. Doch dann wurden die Organisatoren davon überrascht, dass nicht wie erwartet vier, sondern fünf sowjetische Spieler anreisten. Nun hatte man einen Spieler zu viel.

Als zweiter Niederländer war ursprünglich Lodewijk Prins vorgesehen. Da man einen aus dem Ausland angereisten Spieler keinesfalls ausladen konnte, legte man dem einheimischen  Prins nahe, auf seine Teilnahme zu verzichten. Das wollte der jedoch nicht. Nun boten Euwe und auch Botvinnik an, sich zurückzuziehen. Auf diese Topspieler wollte die Organisation aber auf keinen Fall verzichten.

Lodewijk Prins wurde für seinen Rückzug eine Ausfallzahlung in Höhe von 1000 Gulden sowie freie Kost und Logis in Groningen für die Zeit des Turniers angeboten. Nachdem Prins das aber abgelehnt hatte, wurde er kurzerhand aus dem Turnier hinausexpediert. Prins verklagte daraufhin den Ausrichterklub Staunton auf Zahlung von 2500 Gulden.

Nun kam als weiteres Problem hinzu, dass Johann Hollander, der auch der Schatzmeister der Staunton Chess Society war, bankrott ging. Das hatte auch für den Klub drastische Auswirkungen, weil Hollander die Gelder des Klubs auf seinem privaten Konto verwaltetet hatte. Und da der Staunton Schachklub nicht als juristische Person gewertet wurde, mussten die Mitglieder, zumindest soweit sie an der Organisation beteiligt waren, persönlich für den finanziellen Schaden eintreten.

Die Groninger Harmonie

Nun aber zum Schach ...

Das Turnier wurde im Großen Saal des Harmoniegebouw gespielt. Das Haus wurde 1973 abgerissen. Nur die Fassade blieb stehen und gehört heute zur Universität von Groningen. Eröffnung und Schlussfeier fanden im Hotel Frigge statt.

Das Turnier fand in Groningen eine gewaltige öffentliche Resonanz. Zur Partie zwischen Max Euwe und Mikhail Botvinnik in Runde 10 wurden 1000 Zuschauer gezählt. Die Partie endete remis.

Das Turnier hatte sich schnell zum Zweikampf zwischen Max Euwe und Mikhail Botvinnik entwickelt. Beide waren mit vier Siegen aus den ersten vier Runden gestartet. In Runde fünf gab Euwe gegen Najdorf sein erstes Remis ab, während Botvinnik gegen Vidmar weiter siegreich blieb. In Runde sechs spielte Botvinnik gegen Denker remis, Euwe gewann gegen Szabo. 

So ging das Rennen um den Turniersieg Kopf-an-Kopf weiter. Vor den letzten beiden Runden, also nach Runde 17, lagen Botvinnik und Euwe mit beeindruckenden 13,5 Punkten gleichauf. Botvinnik hatte bis dahin nur gegen Kotov und gegen Yanofski verloren, Euwe nur gegen Smyslov. 

   

   

In der Vorschlussrunde gab Euwe gegen Tartakower einen halben Punkt ab, während Botvinnik gegen Guimard gewann und so mit einem halben Punkt Vorsprung in die letzte Runde ging. Dort verlor Botvinnik jedoch seine Partie gegen Najdorf.

   

   

Euwe verlor jedoch ebenfalls - gegen Kotov.

   

   

So wurde Mikhail Botvinnik also doch noch Turniersieger.

Die Siegerehrung

Smyslov, Najdorf und Szabo belegten die nächsten Plätze. Alexander Kotov hatte zwar die beiden Spitzenreiter geschlagen, verlor aber zu viele Partien gegen andere Spieler und landete im Mittelfeld. 

Dankenswerterweise gibt es von diesem Ereignis auch ein Video:


André Schulz, seit 1991 bei ChessBase, ist seit 1997 der Redakteur der deutschsprachigen ChessBase Schachnachrichten-Seite.
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