Der Schachgipfel in Dresden aus Sicht der Senioren

von Thorsten Cmiel
28.07.2026 – Im Rahmen des Schachgipfels 2026 in Dresden wurden auch die Deutschen Seniorenmeisterschaften ausgetragen. Über 300 Teilnehmer spielten in den beiden Gruppen Ü65 und Ü50 mit, darunter auch Thorsten Cmiel. In einem Kommentar auf seinem Blog weist Cmiel auf einige organisatorische Mängel beim Seniorenturnier hin. | Foto: Finn Enggässer/ Deutscher Schachbund

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Dieser Beitrag erschien zuerst auf Thorsten Cmiels Schachblog Chess Ecosystems. Nachdruck mit freundlicher Genehmigung.

Was vom Schachgipfel Dresden übrig bleibt

Ein Kommentar von Thorsten Cmiel

Das alte Präsidium des Deutschen Schachbundes ignorierte und boykottierte jahrelang das Schachspiel der Senioren. Dresden war insofern ein Höhepunkt, leider. Immerhin Besserung ist versprochen und die ersten Weichen sind gestellt. Dennoch sollte man die zahlreichen konzeptionell-planerischen Fehler von Dresden nicht verschweigen, damit sich so etwas keinesfalls wiederholt.

Ich beginne mit einigen positiven Aspekten und wir kommen dann zu den zahlreichen planerischen Unzulänglichkeiten: Dresden ist ein tolle Stadt mit vielen grandiosen Gebäuden und hervorragenden kulinarischen Möglichkeiten. Ein Fixpunkt ist der Platz rund um die Frauenkirche Dresden. Neben der spanischen Küche kann man gutbürgerliche, italienische und asiatische Restaurants besuchen.

Das Touristik-Programm des Schachbundes war eher lieblos zusammengestellt und bot Teilnehmern trotz Gruppenangebots Nachteile. Nach Auskunft mancher Teilnehmer waren die Schachbund-Konditionen teurer als Einzelbuchungen – eine Fotolizenz in der Semperoper und eine „ungenießbare Currywurst“ waren andere irritierende Themen. Das bringt uns zur Sicht auf Organisation und wie der Schachbund eine Großveranstaltung interpretiert.

Uneingeschränkt positiv war: Bei den Senioren wurde mit Holzfiguren gespielt und es gab in beiden Altersgruppen zwanzig Übertragungsbretter. Die Partien der Senioren wurden abwechselnd von den Großmeistern Klaus Bischoff und Elisabeth Pähtz kommentiert. Als Sidekick war die Streamerin Katharina Reinecke im Einsatz. Leider fand die Übertragung im Open Space statt und daher musste etwas leise gesprochen werden, was Zuschauer im Schachdeutschland.tv vermutlich nicht mitbekommen haben, aber das Live-Erlebnis vor Ort etwas beeinträchtigte.

Auf Schachgipfel.de.

Dieses schicke Event-Logo wurde von der Grafik-Designerin Uta Büttner für den Schachgipfel erstellt. sie hat schon einige Erfahrung mit Schachaufträgen.

Schachbund will Inklusion fördern

Schach verkauft sich gerne unter der Vokabel der Inklusion, schließlich können Spieler mit Behinderung an den gleichen Turnieren wie andere teilnehmen. Das ist ein großes Plus für das Schachspiel im Wettbewerb der Sportarten und wird bereits seit Jahrzehnten in Hunderten Schachvereinen wie selbstverständlich praktiziert. Die Spielbedingungen im Congresscenter in Dresden waren insgesamt hervorragend, allerdings teilweise nicht alters- und behindertengerecht. Bedenken gegen den Spielort wurden unter der alten Führung des Schachbundes weggewischt und unter Frust eines Engagierten ignoriert von einer Überschätzten.

Besonders grob: Um zur Toilette zu gelangen, mussten die Senioren eine steile Treppe erklimmen. Dass nichts passierte an den neun Turniertagen grenzt an ein Wunder. Die Spieler mit Behinderung hatten glücklicherweise auf der Spielebene Zugang zu Toiletten, immerhin. Die Großmeister, alle jung und noch bestens zu Fuß unterwegs, hatten es ebenfalls leichter zum Klo.

Gipfel ohne Höhepunkt

Erst am Tag der Abschlussveranstaltung wurde vielen Senioren klar, dass sie dort nicht vorkommen sollten. Die deutschen Seniorenmeister wurden eingeladen, aber einer wurde zu spät erst bei der Siegerehrung kurz vorher informiert. Ich persönlich wäre aus Solidarität nicht einmal auf Einladung zu einer solchen Veranstaltung gegangen, die Senioren konzeptionell exkludierte. Ich sah unter Senioren Reaktionen wie Kopfschütteln, Sprachlosigkeit und einer nannte es den „Gipfel der Gipfellosigkeit“.

Von den Organisatoren wurde angeführt, dass es schlicht keine Räumlichkeiten für die Teilnehmer aus allen Turnieren gegeben habe, denn sogar ohne Senioren kamen über 650 Teilnehmer zum Galadiner. Wir, einige Senioren, endeten letztlich privat beim Spanier und hatten einen sehr netten Abend ohne Selbstbeweihräucherung von Funktionären. Die Spieler mit Behinderung hatten übrigens ihre eigenes Diner in ihrer Gemeinschaftsunterkunft. Sie wollten es so, hieß es. Selbst falls dieser Hinweis stimmt, auch das ist das Gegenteil von Inklusion.

Kein kommunikatives Konzept

Ein Großereignis sollte als solches erkennbar und erlebbar sein. Ein Kommunikationskonzept unter einem Thema oder Motto gab es schlicht nicht und insofern zerfaserten die vielen wahrscheinlich spannenden Veranstaltungen ohne eine mögliche größere Aufmerksamkeit. Ein gemeinsames Gipfel-Gefühl kam jedenfalls nie auf. Als Infos gab es auf der Website des Schachgipfels täglich eine kleine Übersicht und pro Tag einen kurzen Bericht mit Informationen.

Es wäre einfach gewesen, eine Gipfel-Zeitung beispielsweise von einem kleinen Team erstellen zu lassen, und während des Events herauszugeben, um Themen zu setzen und turnier- und themenübergreifende Interessen zu schaffen. Das bekommen andere Organisationen in anderen Sportarten und natürlich die Deutsche Schachjugend mit deutlich kleinerem Gesamtetat bestens hin.

Planerische Unverschämtheit gegenüber Senioren

Bereits im Spätsommer 2025 hatte es unter Senioren Kritik an der Hotelvergabe gegeben, da es kein Kontingent mit Sonderkonditionen im Maritim-Hotel für Senioren gab. Vielen Senioren planen längerfristig und hatten frühzeitig versucht, ihre Hotelreservierungen im nahegelegenen Maritim vorzunehmen. Der Preis „normaler“ Anfragen war allerdings für manche mit 180 Euro pro Nacht zu hoch. Der noch recht neue Seniorenreferent, Wolfgang Cleve-Prinz, reagierte auf das Unverständnis mit einem Schreiben in dem er auf andere Hotels mit ausgehandelten Sonderkonditionen hinweisen musste. Die Ursache, die den Senioren nicht mitgeteilt wurde: Der Schachbund hatte sehr wohl ein Kontingent bekommen, aber seine Leute, also neben einigen Spielergruppen aus verschiedenen anderen deutschen Meisterschaften, seine Funktionäre und Schiedsrichter zu den Sonderkonditionen untergebracht. Eine ohnehin eher teure Idee, die wiederum von manchen Landesverbandsvertretern wegen erwartbarer Budgetüberschreitungen der Tagessätze kritisiert wurde. (Redaktioneller Hinweis: Der folgende präzisierende Zusatz wurde noch am 28.7.2026 um 7 Uhr eingefügt.) Die Rechnung sah ungefähr so aus: Der Schachbund hatte im Maritim ein Kontingent von 900 Übernachtungen zu 120 Euro bekommen und schöpfte das aus. Eine existierende Alternative von 80 Euro für Schiedsrichter, Kandidaten und Funktionäre in einem anderen Hotel wurde ausgeschlagen und führte bekanntermaßen zu internen Konflikten zwischen dem Finanzverantwortlichen und den zwei Vertretern der Schiedsrichter im Präsidium.

Jetzt könnte man einwenden, dass Senioren zukünftig etwas lockerer mit ihren Hotelbuchungen unterwegs sein könnten und die Rabatte später einsammeln, beispielsweise über Portale, die sich auf das Vertreiben von Restkontingenten spezialisiert haben. Da sind oft zwischen 40 und 60 Prozent Preisreduktion in Luxushotels drin – ich mache das meist so. Diese Argumentation greift allerdings zu kurz: Manche Senioren sind auf das nächstgelegene Hotel physisch angewiesen und suchen schnell Planungssicherheit. Klappt das nicht, verzichten Dauergäste der Seniorenturniere schon mal. Insofern war die Vergabepolitik des Schachbundes nicht nur reichlich egoistisch, sondern meines Erachtens eine planerische Unverschämtheit. Will man es freundlicher formulieren, dann lag diesbezüglich ein konzeptioneller Planungsmangel vor.

Ähnliche Beobachtungen machten übrigens jüngst auch die Radfahrer, die während der Tour-de-France als Teams in regelrechten Absteigen schon mal gemeinsam mit Spinnweben untergebracht wurden. Der deutsche Radfahr-Teamchef Ralph Denk kommentierte ein Phänomen aus dem organisierten Sport am Wochenende treffend: „Was auch Fakt ist, ich habe noch nie irgendwelche Funktionäre in schlechten Hotels gesehen…“ (Sebastian Kayser: „Der Tennisspieler ist richtig bezahlt, der Radsportler nicht“; in: Welt am Sonntag Nr. 30 vom 26.Juli 2026). Das erinnerte mich an die typischen Regularien der FIDE, die dem Präsidenten fünf Sterne und Spielern bei Weltmeisterschaftskämpfen nur vier Sterne garantiert.

Fehlender Respekt

Der Deutsche Schachbund hatte ohnehin vorsichtig in seiner Ausschreibung angekündigt, man garantiere den Preisfonds von 8.350 Euro bei den Senioren ab 250 Teilnehmern. Zu zahlen waren 75 Euro Startgeld und 25 Euro Organisationsbeitrag. Der Startgeld-Anteil spielte bei insgesamt 305 Teilnehmern also mindestens 22.875 Euro ein. Der Deutsche Schachbund muss die Veranstaltung aus eigener Kraft abhalten, da es eine satzungsgemäßes Turnier ist. Eine Ausschüttungsquote der Startgelder von etwas mehr als einem Drittel und jeweils fünf Hauptpreisen (1000, 700, 500, 300 und 100 Euro) ist bemerkenswert niedrig. Ich will es vermeiden, Vergleiche mit den anderen deutlich besser dotierten, aus Sicht des Schachbundes stark defizitären Turnieren anzustellen. Aus eigenem Recht sind bei den Senioren fünf Hauptpreise bei 230 Teilnehmern vor allem in der (65+)-Klasse rein quantitativ und im Vergleich in der Höhe schlicht respektlos.

Der Funke Hoffnung

Paul Meyer-Dunker, der neue Präsident des Schachbundes, lässt sich mit einem uneingeschränkten Lob der Veranstaltung zitieren und zeigt sich zufrieden in der allgemeinen Presse. Typischer Politikersprech also, den man für den Moment hinnehmen muss, da er einen Großteil der konzeptionellen Mängel geerbt haben dürfte.

Meyer-Dunker verweist für die Zukunft zurecht auf zwei wegweisende Entscheidungen, die schon für den nächsten Schachgipfel in Stuttgart 2027 Verbesserungen bringen sollten: Die Deutsche-Amateur-Meisterschaft (DSAM) soll nicht mehr Teil des Gipfels sein. Außerdem war kurz vor Dresden bekannt geworden, dass mit Sandra Schmidt in Zukunft eine erfahrene Organisatorin beim Schachbund möglichst bald ein Organisations-Team aufbauen soll, das für Veranstaltungen über die DSAM hinaus zuständig ist. Die Senioren-Team-Weltmeisterschaft in Magdeburg 2027 könnte man als eine Art ersten Test und Stuttgart 2027 als Kür bezeichnen.

Mein Fazit

Ich erwarte vom Seniorenreferenten, dass er proaktiv die Interessen etwa eines Drittels der Mitglieder im Schachbund, allesamt Vollzahler, vertritt und Teilhabe einfordert. Um es klar zu formulieren: Der Schachgipfel hat nur als Großveranstaltung eine Chance mediale Aufmerksamkeit in der allgemeinen Presse zu erhalten und der Schachbund dürfte bei seinen finanziellen Verhandlungen mit der Stadt Dresden auf die über dreitausend Übernachtungen der Senioren verwiesen haben. Wenn es also bei institutionalisierten Unverschämtheiten wie in Dresden bliebe, dann sollten die Senioren meines Erachtens ihre Meisterschaft wieder separat austragen und der Seniorenreferent einen öffentlichen Konflikt um die Seniorenmeisterschaften nicht scheuen. Das ist zum Glück kein Szenario, das ich für wahrscheinlich halte.

Aus meiner Sicht kommt es nicht nur auf einen künftigen Anstieg des Etats an, sondern darauf, dass unter der Leitung des neuen Präsidenten der Schachsport der Senioren wieder mit Respekt behandelt wird. Übrigens wurden Senioren-Weltmeisterschaften in Deutschland erfunden und mit einer Vielzahl von hochwertigen Turnieren ist das Schach der Senioren international führend und eine Stärke des Schachsports in Deutschland.

Ich hoffe, das ist für lange Zeit mein letzter Kommentar zum Deutschen Schachbund, da wir ab Dresden 2026 mit dem Schachsport der Senioren in Deutschland in eine gleichberechtigtere Zukunft unterwegs sind und nur noch tolle Events vor uns haben.

   


Links:

Zusammenfassung der sportlichen Ereignisse beim DSB:

Eine Woche Seniorenschach in Dresden...


Thorsten Cmiel ist Fide-Meister lebt in Köln und Milano und arbeitet als freier Finanzjournalist.
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