Überraschung: Es kommt ein Ex-Weltmeister
Beim Einchecken erhielten alle Teilnehmer zur Begrüßung eine mit dem Logo des Eurochess 2026 bedruckte Stofftasche mit mehreren Giveaways befüllt sowie einem kürzlich erschienenen handsignierten Buch von GM Viswanathan Anand. Bis zu diesem Zeitpunkt war es eine Überraschung, welche Großmeister beim Rahmenprogramm in Eltville dabei sein sollten.
Doch vor der Kür stand die „Pflicht“: Der wichtigste Teil der Veranstaltung war das Schnellschachturnier mit Einzel- und Teamwertung mit neun Runden nach Schweizer System. Vor dem Start gab es eine Gedenkminute für GM Jan Timman, der im Februar 2026 verstorben und beim Eurochessturnier in Amsterdam im Jahr 2023 beim Rahmenprogramm mit dabei gewesen war. Mit 120 Teilnehmern und 98 Spielern (ein paar mehr als im Vorjahr in Budapest in Ungarn) waren so viele vor Ort in Eltville, wie schon lange nicht mehr bei einem Eurochess-Event. Aber leider wurde wegen zweier kurzfristiger Absagen kein neuer Teilnehmerrekord aufgestellt.
In nahezu jeder Schachpartie kommt ein Moment, in dem es ohne Taktik einfach nicht weitergeht. Man muss zuschlagen, denn nichts ist ärgerlicher, den herausgearbeiteten Vorteil aus der Hand zu geben!
In nahezu jeder Schachpartie kommt ein Moment, in dem es ohne Taktik einfach nicht weitergeht. Man muss zuschlagen, denn nichts ist ärgerlicher, als in der entscheidenden Situation eine Gewinnkombination zu verpassen und damit den herausgearbeiteten Vorteil aus der Hand zu geben. Es ist also eminent wichtig, Taktik richtig zu trainieren - und Master Class Taktik bietet Ihnen dazu das perfekte Werkzeug! Auf diesem Fritztrainer hat IM Oliver Reeh seine Favoriten aus der CBM-Kolumne „Taktik Total“ Ausgaben 219 bis 227 für Sie zusammengestellt.
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Gruppenfoto in der EZB. | Foto: Gerd Densing
Der Setzlistenerste Harry Li von der Bank of England startete an Tisch eins und verließ ihn bis zum Turnierende nicht wieder. Er spielte sehr souverän und gewann die Einzelwertung mit unglaublichen 9 Punkten aus 9 Partien vor Mario Castiglione aus der Slowakei mit 7,5 Punkten und FM Razvan-Alexandru Sebe-Vodislav vom Team Luxemburg (7 Punkte). Der an zwei gesetzte FIDE-Meister verlor bereits in Runde drei gegen Albert Termeulen aus den Niederlanden und nach der Niederlage in der 8. Runde gegen Harry Li an Tisch eins war der Turniersieg für den Spieler der Bank of England bereits vor der Schlussrunde klar. Harry Li berichtete mir, dass er in einzelnen Partien wohl einiges Glück hatte. Insbesondere die Begegnungen gegen WFM Gulsana Barpiyeva, die beste Frau im Turnier wurde, und Wladislaw Galkin (beide Deutsche Bundesbank) in den Runden 3 und 4 erwähnte er. In der Partie gegen Galkin hatte er zwischenzeitlich nur noch 2 Sekunden auf der Uhr und konnte wenige Züge später mit 8 Sekunden gegen 10 Sekunden auf der Uhr von einem Flüchtigkeitsfehler (Turmeinsteller) profitieren. Ebenso verschenkte ein anderer Gegner zwei Bretter weiter hinten kurz danach unter Zeitnot eine Dame. Manchmal herrscht Großzügigkeit im Schach.

Beste Frau im Feld wurde WFM Gulsana Barpiyeva mit 6 Punkten – gegen den Turniersieger Harry Li verlor sie aber in dieser Partie. | Foto: Gerd Densing
Die TOP 15-Platzierungen:
98 Teilnehmer

Marc Ghysels (links) gegen Mario Castiglione, der auf Rang 2 landete. | Foto: Gerd Densing

FM Razvan-Alexandru Sebe-Vodislav (links) wurde Dritter – hier spielt er gegen Albert Termeulen. | Foto: Gerd Densing
Die Partien der Top 5 Begegnungen wurden an DGT-Brettern ausgetragen. Bei dieser Gelegenheit herzlichen Dank an Nadja Jussupow, die die DGT-Bretter und -Uhren mitbrachte. Die 45 aufgezeichneten, im Turniersaal auf zwei Leinwänden und online live übertragenen Partien können hier nachgespielt werden:
Die Internationale Schiedsrichterin Nadja Jussupow fungierte auch als Hauptschiedsrichterin. Als zweiter Internationaler Schiedsrichter war Hans Brugger im Einsatz und Fotograf/Berichterstatter Gerd Densing fungierte bei Bedarf auch als Assistenz-Schiedsrichter.
Mannschaftswertung
Zur Mannschaftswertung wurden die vier besten Einzelergebnisse der jeweiligen Teams bzw. Länder herangezogen. Standardmäßig treten die Zentralbanker aus den jeweiligen Ländern jeweils zu sechst an. Einige aber auch nur mit drei, vier oder fünf Spielern. Aus Österreich kam nur ein Spieler und aus Portugal und anderen Teams gab es mehr als sechs Spieler, sodass mehrere gemischte Teams für die Teamwertung gebildet wurden. So auch neben den Teams Deutsche Bundesbank und EZB ein gemischtes Team der beiden Gastgeber.

Siegermannschaft: Frankreich | Foto: Gerd Densing
Im Turnierverlauf wechselte mehrfach die Führung bei der Teamwertung. Bis kurz vor Schluss führte das Team der Deutschen Bundesbank die Tabelle an. Nach mehreren individuellen Niederlagen in der Schlussrunde zogen Frankreich und Luxemburg noch vorbei.
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Alles andere als alltäglich: Die Luxemburger Spieler übernehmen ihren Preis aus den Händen eines Ex-Weltmeisters. Im Hintergrund Hans-Walter Schmitt (links) und Artur Jussupow. | Foto: Gerd Densing
Das über viele Jahre immer vorne mitspielende und neben Belgien und Niederlande fast immer als Mitfavorit gehandelte Team aus Frankreich gewann die Teamwertung mit 25 Punkten knapp. Nach Feinwertung folgte das Team aus Luxemburg, das sich aus Mitarbeitern der Luxemburgischen Zentralbank und der in Luxemburg ansässigen Europäischen Investitionsbank (EIB) zusammensetzt. Dritter wurde das Team der Deutschen Bundesbank mit 23,5 Punkten vor dem Team aus den Niederlanden mit 23 Punkten und dem Mitgastgeber EZB mit 22,5 Punkten.
Treffen mit Viswanathan Anand
Samstag Vormittag ging es nach dem Frühstück mit zwei großen Reisebussen nach Frankfurt zur Zentrale der Europäischen Zentralbank in das markante Hochhaus mit der ehemaligen Frankfurter Großmarkthalle, die unter Denkmalschutz steht. Bei der EZB gab es dann eine etwa 90 minütige spannende Führung innerhalb des architektonisch sehr bemerkenswerten Gebäudes. Von dort ging es anschließend zu Fuß gut einen Kilometer am Main entlang zum Restaurant „Main Nizza“. Dort konnten die Gäste bereits bei einem schönen Gala-Lunch dem stets freundlichen Schach-ViP des Nachmittags, GM Viswanathan Anand begegnen, der von seinem langjährigen Wegbegleiter und Freund Hans-Walter Schmitt begleitet wurde.
Als Viswanathan Anand auf der europäischen Schachbühne erschien, hatte er in Indien schon einige Erfolge erzielt, die indischen Jugendmeisterschaften und als Jugendlicher auch die Landesmeisterschaften der Erwachsenen gewonnen. Mit gerade einmal 14 Jahren wurde Anand 1984 für die Schacholympiade in die indische Nationalmannschaft berufen. 1987 wurde er Juniorenweltmeister, 1988 verlieh die die FIDE dem 19-jährigen den Titel eines Großmeisters.
Zurück in Eltville startete nach netten Begrüßungsworten, unter anderem auch von Hans-Walter Schmitt gegen 15.30 Uhr zunächst ein halbstündiger Kurzvortrag: Der Top-GM und fünffache Weltmeister im klassischen Schach, Viswanathan Anand, zeigte dabei eine ganz aktuelle Partie zwischen Zhu Jiner und Nodirbek Abdusattorov vom TePe Sigeman & Co Chess Tournament 2026 mit dem Thema „Prophylaxe“. Dabei zeigte sich, dass mit ganz unerwarteten besten Zügen Schach manchmal doch faszinierend unbegreiflich sein kann.

Weltmeister zum „Anfassen“: Viswanathan Anand im Team-Simultan. | Foto: Gerd Densing

In diesem Videokurs untersuchen Experten die Partien von Judit Polgar. Lassen Sie sich von ihnen zeigen, welche Eröffnungen Polgar wählte, wo ihre Stärken im Mittelspiel lagen oder wie sie ihre Gegner im Endspiel überspielte.
Danach startete um 16 Uhr das Team-Simultan an 17 Brettern. Bei früheren Eurochess-Events hatte es zumeist ein Blitzschachturier oder auch eine Lesung gegeben. Vor mehreren Jahren waren in Amsterdam beim Eurochess von GM Jan Timmann Endspiel-Studien gezeigt worden. Erstmals im vergangenen Jahr hatte es ein Team-Simultan in Budapest gegeben, dabei hatte es Judit Polgár an 18 Brettern sehr schwer und musste mehrere Niederlagen und einige Remis hinnehmen. Sie hatte damals für ein Simultan nur recht knapp mit 10,5 zu 7,5 gewonnen. GM Anand war wohl vorgewarnt und agierte sehr konzentriert.
Mit der erhöhten Lautstärke der „Beratungspartien“, wie man es in alten Filmen früher bzw. in der neuesten Version des Kinofilms „Schachnovelle“ gesehen hat, kam er offensichtlich gut zurecht. Es entstanden viele spannende Partien. Die Team-Reihenfolge orientierte sich an dem Ranking der Team-Wertung vom Vortag, wobei auch hier die ersten 5 Partien via DGT-Bretter übertragen und aufgezeichnet wurden.
Partien
Nach gut vier Stunden Spielzeit war das Simultan um kurz nach 20 Uhr zu Ende. GM Anand verlor keine einzige Partie und gab gegen eine sehr starke Gegnerschaft (einige Spieler mit ELO über 2000) nur fünf Remis ab. Nach dem Ende einzelner Partien blieb er noch zur Kurz-Analyse am Brett. An die ein oder andere frühere Partie erinnerte er sich. Beim Simultan bestand die Möglichkeit, bis zu dreimal zu passen, um mehr Bedenkzeit zu erhalten. In diesen Fällen geht der Großmeister dann zum nächsten Brett. Davon machte das Team der Deutschen Bundesbank nach 12. Tg1 gleich zwei Mal hintereinander Gebrauch. Um Druck aus der Stellung zu nehmen, entschied sich das Team nach langem Überlegen, die Qualität auf a8 zu opfern. Die Partie ähnelte gemäß Anand damit wohl sehr stark einer Partie, die er vor vielen Jahren gegen Mamedjarov gewann (mit gleichem Qualitätsopfer von Schwarz auf a8; die Variante erwies sich in der Folge aber als schlecht für Schwarz).

Die ChessBase Mega Database 2026 ist mit über 11,7 Millionen Partien aus dem Zeitraum 1475 bis 2025 im ChessBase Qualitätsstandard die exklusive Schachdatenbank für höchste Ansprüche. Mit über 114.000 kommentierten Partien beinhaltet die Mega 2026 die weltweit größte Sammlung hochklassig analysierter Partien.
Und auch am Brett der Belgier erinnerte sich Anand an eine ähnliche Stellung aus einer eigenen Partie gegen GM Nepomniachtchi und wusste dementsprechend gut mit der Stellung umzugehen. An so manchem Brett wurde bis zum Ende gekämpft und nicht zu früh aufgegeben, sodass der ehemalige Weltmeister auch mal schmunzeln musste.

An den drei Tagen mit Anwesenheit des sehr sympathischen und immer gut gelaunten GM Anand gab es viele Gelegenheiten für gemeinsame Fotos und Buchsignaturen. Begleitet von seinem langjährigen Freund Hans-Walter Schmitt fühlte Anand sich sichtlich wohl in Eltville am Rhein. Nach dem Abendessen startete die Siegerehrung mit Trophäen-Übergabe und Gruppenfotos mit dem VIP-Gast. | Foto: Gerd Densing
Vortrag von Artur Jussupow
Sonntags ging es nach dem Frühstück mit einem schachlich gestalteten Rahmenprogramm weiter. In einem mehrstündigen Vortrag zeigte eine weitere Schachlegende, GM Artur Jussupow, seine Partie gegen Vishy aus dem Turnier in Linares 1992, welche Jussupow gewann. Auch hier spielte das Thema „Prophylaxe“ eine große Rolle in der Partie. Artur begeisterte die Zuschauer durch einen faszinierenden Vortrag, der Einblicke in die Gedankengänge eines Meisterspielers gewährte. Die Schachspieler waren sowohl vom schachlichen Können wie auch von Jussupows freundlichem und weisem Charakter sichtlich beeindruckt.
Gemäß vorläufiger Informationen wird das nächste Eurochessturnier im Jahr 2027 in der Türkei in Istanbul stattfinden, für 2028 ist (erstmals) Italien geplant. Genauere Daten werden angabegemäß erst nach der Sportclub-Präsidentensitzung in Paris im September vorliegen.
Großer Dank an dieser Stelle an das Organisationsteam von EZB und Bundesbank, den Geschäftsführer des Sport- und Kulturclubs der Deutschen Bundesbank, Rainer Friederich, das Schiedsrichtergespann Nadja Jussupow und Hans Brugger, das gesamte Team des Bundesbank-Tagungszentrums in Eltville für die Unterstützung im Vorfeld und während des Events, den beiden Großmeistern Artur Jussupow und Viswanathan Anand und nicht zuletzt an Hans-Walter Schmitt für die Bereitstellung des Spielmaterials der Chesstigers und die Begleitung sowie die spannenden Gespräche vor Ort.
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