Piloten und Ärzte arbeiten mit Checklisten, Sicherheitsvorschriften und anderen Hilfsmitteln, um die Zahl ihrer Fehler möglichst gering zu halten. In diesem und im nächsten Teil der Reihe "Gewinnen lernen" möchte ich Ihnen einige einfache Kniffe zeigen, die sich in der Praxis mit meinen Schülern bewährt haben und dabei helfen, am Schachbrett weniger Fehler zu machen.
Der erste ist ganz einfach: Bevor Sie Varianten berechnen oder über Kandidatenzüge nachdenken, sollten Sie prüfen, wie viele ungedeckte Figuren auf dem Brett stehen. Ungedeckte Figuren sind potenzielle taktische Schwächen. Je mehr davon vorhanden sind, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit taktischer Motive. Als Faustregel gilt: Zwei oder mehr ungedeckte Figuren können auf eine taktische Möglichkeit hindeuten.
Manchmal vergisst selbst ein Weltmeister diese Regel. So erging es Anatoly Karpov im Jahr 1993:
Christiansen-Karpov, Wijk aan Zee 1993, Schwarz am Zug:
Der Springer auf h5 ist ungedeckt. Schwarz sollte deshalb vermeiden, eine weitere taktische Schwäche zu schaffen. Doch Karpov konzentrierte sich mehr auf strategische als auf taktische Überlegungen. Er spielte 11...Ld6??, um die wichtige Diagonale h2-b8 unter Kontrolle zu bringen. (Die Theorie empfiehlt 11...Db8 mit derselben Idee.)
Christiansen war wachsam. Er sah zwei Angriffspunkte – den Läufer auf d6 und den Springer auf h5 – und fand einen Zug, der beide zugleich angriff. Nach 12.Dd1! gab Karpov auf.
Hier die vollständige – und sehr kurze – Partie:
Es dauert nur wenige Sekunden, eine Stellung auf ungedeckte Figuren zu überprüfen. Machen Sie das nach jedem Zug.
Wenn Sie alle potenziellen taktischen Schwächen gefunden haben, sollten Sie sich anschließend gedanklich alle forcierten Züge notieren. Und zwar wirklich alle – die naheliegenden und die schönen, aber auch die unscheinbaren und auf den ersten Blick unlogischen.
Im folgenden Beispiel übersah Carlsen einen versteckten, scheinbar absurden forcierten Zug – und musste sofort aufgeben.
Dubov-Carlsen, Opera Euro Rapid 2021, Schwarz am Zug:
Carlsen spielte 22...Dc3??. (Notwendig war 22...Da3, obwohl Schwarz auch dann schwierig steht, denn Weiß verfügt über den starken Zug 23.Sg4!.)
Ich bin sicher, dass Carlsen alle naheliegenden Fortsetzungen berechnet hatte: 23.Dxf8+, 23.Sf5 und 23.Sd5. Doch Weiß spielte 23.Sd1!. Plötzlich ist die Dame angegriffen, und wenn sie sich zurückzieht, setzt Weiß in drei Zügen Matt: 24.Dxf8+, 25.Td8+ und 26.Txe8 matt.
Hier die vollständige Partie:
In der folgenden Stellung übersah Grischuk einen hässlichen, aber ungemein wirkungsvollen Zug:
Grischuk-Topalov, Norway Chess 2015, Weiß am Zug:
Der russische Großmeister spielte 16.Sb5?? und hatte nach 16...Db6 mit 17.Kh1 gerechnet. Der Springer auf b5 scheint tabu zu sein, weil der Turm auf a8 ungedeckt ist. Doch der überraschende und hässliche Zug 16...g5! verändert die Stellung grundlegend. Nach 17.Sh3 Lxh3 deckt Schwarz seinen Turm mit Tempo und geht aus dem Scharmützel mit einer Mehrfigur hervor.
Hier die vollständige Partie:
Warum wird der Zug ...g7-g5 so leicht übersehen? Ganz einfach: Normalerweise möchte Schwarz seine Königsstellung nicht auf diese Weise schwächen. Wer sich jedoch angewöhnt hat, alle forcierten Züge zu überprüfen, sollte selbst diesem Zug zumindest fünf oder zehn Sekunden Aufmerksamkeit schenken.
Nun zu Kniff Nummer drei: Wenn Sie alle forcierten Züge überprüfen, vergessen Sie möglichen Abtausch nicht. Wir unterscheiden drei Arten forcierter Züge: Schachs, Drohungen und den Abtausch von Figuren. Von diesen drei wird der Abtausch am leichtesten vergessen. Unbewusst gehen wir oft davon aus, dass dies weniger gefährlich sind. Doch diese Annahme ist manchmal schlicht falsch:
Harikrishna-Bacrot, Biel 2017, Weiß am Zug:
Nach dem naheliegenden 21.Tad1 wäre die Stellung ungefähr ausgeglichen geblieben. Harikrishna wollte jedoch dynamischer spielen und entschied sich für 21.Lc5??, womit er den Turm auf f8 angriff. Doch anstatt den Turm nach e8 zu ziehen, antwortete Bacrot mit dem forcierten 21...Lxf5! Sofort erkannte der indische Großmeister, dass die Partie verloren war. Er spielte zwar noch 22.Sxf5 (nach 22.Dxf5 folgt 22...Td5 und Weiß verliert den Läufer auf c5), doch nach 22...Dh2+ 23.Kf1 Td2 konnte sein König dem Mattnetz nicht mehr entkommen.
Hier die vollständige Partie:
Also: Vergessen Sie nie, wie stark ein Abtausch sein kann!
Als ich ein Kind war, rieten Trainer in der Slowakei ihren Schülern manchmal, sich buchstäblich auf die Hände zu setzen. Mit acht oder zehn Jahren spielt man leicht einen Zug, bevor man noch einmal geprüft hat, ob er Nachteile haben könnte. Wenn man auf den Händen sitzt, braucht man eine oder zwei Sekunden länger, um eine Figur zu berühren und den Zug auszuführen. Für einen Jungen oder ein Mädchen können diese zwei zusätzlichen Sekunden Bedenkzeit entscheidend sein.
Natürlich werden solche Methoden heute nicht mehr verwendet. Aber das Prinzip bleibt dasselbe: Man sollte nie sofort ziehen, so natürlich ein Zug auch erscheinen mag. Nehmen Sie sich einige Sekunden Zeit, um die wichtigsten Merkmale der Stellung noch einmal zu prüfen. Steht Ihr König sicher? Sind alle Figuren gedeckt? Gibt es einen forcierten Zug des Gegners, den Sie übersehen haben?
In der folgenden Stellung war Inarkievs Hand zu schnell:
Mamedyarov-Inarkiev, FIDE Grand Prix 2017, Schwarz am Zug:
Schwarz spielte den naheliegendsten Zug und rochierte. Doch nach 19...0-0?? 20.Sh4 musste er sofort aufgeben. Seine Dame war – überraschenderweise – mitten auf dem Brett gefangen.
Hier die vollständige Partie:
Hier sind die vier Kniffe, die wir in diesem Teil von "Gewinnen lernen" kennengelernt haben.
Bitte beachten Sie, dass keiner dieser Kniffe besonders viel Zeit kostet. Sobald Sie sich daran gewöhnt haben, benötigen Sie dafür höchstens 30 Sekunden zusätzlich pro Zug. Vielleicht sparen Sie am Ende sogar Zeit auf der Uhr, weil Ihr Rechnen disziplinierter wird.
Im nächsten Teil lernen wir vier weitere Kniffe kennen, die Ihr Spiel nahezu patzersicher machen.