Im ersten Teil unseres Ratgebers zum Vermeiden grober Fehler haben wir vier praktische Kniffe kennengelernt, mit denen sich die Zahl der Fehler in unseren Partien verringern lässt. In diesem Teil kommen vier weitere hinzu. Die vollständige Liste aller acht Kniffe finden Sie am Ende des Artikels.
Was ist eigentlich der häufigste Fehler beim Variantenberechnen unter Vereinsspielern? Viele meiner Schüler haben Schwierigkeiten, sich die Veränderungen auf dem Brett richtig vorzustellen. So berechnet ein Spieler zum Beispiel eine Variante, die mit 1.Sf3-e5 beginnt, vergisst nach einigen Zügen aber, dass der Springer nicht mehr auf f3 steht. Oder die schwarzfeldrigen Läufer werden abgetauscht, doch am Ende der Variante geht man davon aus, dass sie noch auf dem Brett sind.
Wie lässt sich dieser Fehler vermeiden? Stellen Sie sich nach jedem Zug die Frage: Was hat sich in der Stellung verändert? So richten Sie Ihre Aufmerksamkeit auf alle Veränderungen der Stellung, auch auf die weniger auffälligen. Das hilft Ihnen, solche Restbilder zu vermeiden.
Selbst die besten Spieler übersehen manchmal die Möglichkeiten, die sich aus einer veränderten Stellung ergeben:
So-Giri, Carlsen invitational 2021, Weiß am Zug:
Weiß steht wegen des merkwürdig platzierten Turms auf g3 und seiner schwachen Bauernstruktur schlechter. Dennoch lässt sich die Stellung noch einigermaßen verteidigen. So wollte seinen Turm aktiver einsetzen und spielte 24.f5??. Giri antwortete fast automatisch mit 24...gxf5?? und gewann die Partie später.
Erstaunlicherweise übersahen beide Supergroßmeister den Zug 24...Lh6!, der wegen der Schwäche des Bauern auf e3 sofort gewinnt.
Hier die vollständige Partie:
Ich glaube, dieser Anfall von Schachblindheit lässt sich nur dadurch erklären, dass beide Spieler die Veränderung der Stellung nicht richtig wahrnahmen. In der Diagrammstellung ist der Bauer auf e3 zwar schwach, aber nur schwer anzugreifen. Beide gingen offenbar davon aus, dass dies auch nach 24.f5 noch gelten würde.
Mein sechster Kniff lautet deshalb: Rechnen Sie forcierte Varianten immer bis zum Ende durch. Viele Spieler brechen ihre Berechnungen viel zu früh ab – sei es aus Bequemlichkeit oder weil sie sich nicht zutrauen, lange Varianten korrekt zu berechnen. Im folgenden Beispiel verlor Nakamura eine wichtige Partie im Kandidatenturnier, weil er einen Zug zu früh mit dem Rechnen aufgehört hat:
Karjakin-Nakamura, Candidates tournament 2016, Schwarz am Zug:
Karjakins letzter Zug war durchaus provokativ. Mit 29.h4 schwächt er seine Bauernstruktur. Nakamura konnte der Versuchung nicht widerstehen. Er berechnete eine lange Variante und hoffte, nach den Verwicklungen mit einem Mehrbauern dazustehen. Der amerikanische Großmeister spielte: 29...Sxg3?? 30.fxg3 Sxd4 31.Lxd4 Lxd4 32.exd4 De3+ 33.Df2 Dxd3
Doch Karjakin rechnete noch einen Zug weiter. In der Diagrammstellung spielte er 34.Tc7 und gewann mit einem Doppelangriff eine Figur. Danach war der Sieg nur noch eine Frage der Zeit.
Hier die vollständige Partie:
Woran erkennen Sie, dass Sie das Ende einer Variante erreicht haben? Ganz einfach: Es gibt keine forcierten Züge mehr.
Trick Nummer 7: Verlieren Sie auch in einfachen Stellungen nicht die Konzentration. Für eine Springergabel genügt ein einziger Springer, und eine einzige Linie von Turm oder Läufer reicht aus, um eine Figur zu fesseln. Gerade in Endspielen oder einfachen Mittelspielstellungen fühlen sich viele Spieler zu sicher. Doch in solchen Stellungen mit dem Rechnen aufzuhören, ist gefährlich.
Im folgenden Beispiel war Aronian einen Moment lang nicht aufmerksam genug:
Aronian-Caruana, Sinquefield Cup 2017, Weiß am Zug:
Weiß steht schlechter, weil sein Bauer auf b3 sehr anfällig ist und in einer offenen Stellung der Läufer dem Springer überlegen ist. Dennoch wäre die Stellung nach beispielsweise 33.g4 haltbar gewesen.
Aronian wollte seinen Bauern auf b3 offenbar so schnell wie möglich unterstützen und vergaß dabei einen Augenblick, dass auch sein Springer zum Angriffsziel werden konnte. Er spielte 33.Ke2?? und verlor nach 33...Lb4! 34.Tc1 Te8 35.f4 f6 eine Figur.
Der Armenier kämpfte noch weitere 80 Züge lang wie ein Löwe, konnte die Partie aber nicht mehr retten.
Hier die vollständige Partie:
Und noch ein letzter Rat: Früher oder später wird Ihnen in einer Partie ein grober Fehler unterlaufen. Das lässt sich nicht vermeiden. Wenn es passiert, bleiben Sie ruhig. Versinken Sie nicht in Enttäuschung, Lethargie oder Selbstvorwürfen. Denn oft ist das, was nach einem Fehler geschieht, wichtiger als der Fehler selbst.
Versuchen Sie, die Kette weiterer Fehler zu durchbrechen. Denken Sie daran: Viele schlechte Stellungen lassen sich noch retten, wenn ein Spieler die nötige Widerstandskraft zeigt.
Natürlich ist es nicht leicht, nach einem groben Fehler die innere Ruhe zu bewahren. Im folgenden Beispiel gelang das nicht einmal Carlsen:
Carlsen-Anand, Rapid-WM 2014, Weiß am Zug:
Das Endspiel ist ausgeglichen. Materiell hat Carlsen zwar die besseren Karten, doch der Bauer auf a4 ist stark genug, um Anand den Ausgleich zu sichern. Beide Spieler hatten in dieser Schnellschachpartie noch etwa fünf Minuten auf der Uhr, als dem Weltmeister ein überraschender Fehler unterlief:
34.Sxe6?
Anand antwortete sofort mit 34...Tb6, und der Norweger war sichtlich geschockt. Doch erstaunlicherweise veränderte der letzte Zug des Weißen die objektive Bewertung der Stellung nicht. Es gab weiterhin einen Weg zum Remis. Nach 35.Kc2! Txd6 36.Sc5 a3 37.Kb3 hätte Weiß den gefährlichen Freibauern beseitigt und die Partie problemlos remis gehalten.
Doch Carlsen gelang es nicht, die Ruhe zu bewahren und die beste Fortsetzung zu finden. Er spielte 35.Sf4??, und die Partie ging weiter mit 35...Txd6 36.Kc2 Tb6! 37.Sxd5 Tb7. Materiell ist die Stellung jetzt zwar ausgeglichen, aber der weiße König kann sich dem a-Bauern nicht nähern. Und dieser Bauer wird Weiß schließlich den Springer kosten.
Hier die vollständige Partie:
Bitte beachten Sie: Nach einem Schock oder einer unangenehmen Überraschung besteht Ihre wichtigste Aufgabe darin, sich zu beruhigen. Rechnen Sie nicht, denken Sie nicht über die Stellung nach, sondern versuchen Sie einfach, Ihre innere Ruhe wiederzufinden. (Dabei können Atemübungen oder andere psychologische Hilfsmittel helfen.) Das kann eine oder zwei Minuten dauern, aber diese Zeit ist gut investiert. Ohne Beruhigung ist die Gefahr einfach zu groß, weitere Fehler zu machen.
Hier ist die vollständige Liste meiner Kniffe gegen grobe Fehler. Ich hoffe, sie helfen Ihnen, schachliche Katastrophen zu vermeiden und mehr Ruhe und Freude in Ihre Partien zu bringen:
- Achten Sie darauf, alle ungedeckten Figuren auf dem Brett zu erkennen.
- Erstellen Sie eine Liste aller forcierten Züge, und prüfen Sie jeden einzelnen zumindest kurz.
- Vergessen Sie dabei auch möglichen Abtausch nicht.
- Spielen Sie naheliegende Züge nicht sofort. Nehmen Sie sich zehn oder zwanzig zusätzliche Sekunden Zeit, um noch einmal alles zu überprüfen.
- Fragen Sie sich immer: Was hat sich durch den letzten Zug oder die letzten Züge auf dem Brett verändert?
- Versuchen Sie, Varianten bis zum Ende durchzurechnen.
- Entspannen Sie sich nicht in einfachen Stellungen.
- Sorgen Sie dafür, dass Sie sich nach einem groben Fehler oder einer unangenehmen Überraschung wieder beruhigen.
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