Artikel und Interview von Hartmut Metz für Schach-Magazin 64 (Juni 2026), Nachdruck mit freundlicher Genehmigung.
Hans-Walter Schmitt ist eine Ikone im deutschen Schach. Der Bad Sodener setzte weltweite Standards als Turnierorganisator. Die Frankfurt Chess Classic (FCC) und die ihr folgenden Chess Classic Mainz (CCM) lockten Tausende an Spielern beziehungsweise Zuschauer an. Der ehemalige Siemens-Vertriebsmanager wusste, wie man selbst Schnellschachturniere für Sponsoren interessant machte. Neben der Masse lockte er so auch die Klasse an. Unvergessen ist das Event in Frankfurt anno 2000:
Inzwischen muss man Schmitt auch noch als Visionär bezeichnen: Entgegen aller Widerstände verfolgte der große Bobby-Fischer-Fan das Ziel, die Idee des US-Amerikaners zu popularisieren: Dem sperrig daherkommenden Fischer Random Chess verpasste Schmitt den aussagekräftigen Namen Chess960. Der Begriff verbindet gleichzeitig geistreich Schach mit der Besonderheit, dass die Startaufstellung unter 960 Möglichkeiten ausgelost wird. Inzwischen ist festzuhalten, dass ohne den Chess960-Pionier, der beharrlich an der Fischer-Idee festhielt, der Freestyle-Boom niemals entstanden wäre! Während ihm Magnus Carlsen dafür dankbar ist, erlaubte sich der Deutsche Schachbund (DSB) einen Affront: Per Brief bekam Schmitt mitgeteilt, dass er künftig es zu unterlassen habe, mit seinen Chess Tigers die deutsche Meisterschaft im Chess960 auszurichten! So geht es am Sonntag, den 21. Juni, unter der Ägide der Chess Tigers zum elften und letzten Mal um die offene deutsche Schnellschach-Meisterschaft im Chess960. Tags zuvor, am Samstag, 20. Juni, gibt es in drei Altersklassen Open-Turniere, bei denen der Nachwuchs dank des Sponsorings von ChessBase Preise im Wert von 1.750 Euro gewinnen kann. Bei den Erwachsenen geht es um nahezu den doppelten Betrag, was erneut über 30 Titelträger anlocken könnte, erhält der Sieger doch einen glatten Tausender. Hartmut Metz unterhielt sich mit Hans-Walter Schmitt.
Das Turnier will gut vorbereitet sein | Foto: Dariusz Gorzinski
Hartmut Metz: Herr Schmitt, man munkelt, im Juni würden zum letzten Mal die Chess960-Meisterschaften unter Ihrer Ägide beziehungsweise der von Ihnen gegründeten Chess Tigers stattfinden.
Hans-Walter Schmitt: Das ist richtig. Wir hatten gerade die Ausschreibung der 11. Deutschen Meisterschaft im Chess960 2026 herausgegeben, da meldete sich prompt im April der Referatsleiter Schach960 des DSB, André Martin, mit der spitzen Bemerkung ,Es kann keine zwei Deutsche Meisterschaften im Schach960 geben!‘ Und er sei im DSB zuständig für das Thema!
Und wie reagierten Sie?
Schmitt: Ich dachte zuerst: Prima jetzt macht der DSB endlich die richtigen Schritte, war doch mein Interessenskollege Ulrich Zenker 2013 mit der Stiftung Schach960 und Matthias Kribben im langsamen Chess960 am Start. Wir sind da nicht mit eingestiegen, weil mir Schach960 einfach zu klein schien! Als bekannter deutscher Kämpfer für Schnellschach stand ich auch immer für die internationale Namensgebung! So fielen meine Bezeichnungen immer in Englisch aus: Chess Classic, Chess Tigers, Chess960 oder Chess Tigers University. Ich erklärte Herrn Martin jedenfalls, dass es um die 11. Offene Deutsche Schnellschach- (betont den Wortteil) Meisterschaft im Chess960 ginge! Aber er befand, dass er auch dafür zuständig sei, zwar keine große Erfahrungen damit hätte, aber beim Schachgipfel das durchziehen würde als Veranstalter.
Interessant. Wie ging es dann weiter?
Schmitt: Er stellte eine Schach-960-Webseite beim DSB online, wo dann unter dem Hauptwort Schach960 auch Freestyle Chess und Chess960 in Klammern erwähnt wurde. Ich verstand ja sein Vorgehen, hatte aber das Gefühl, dass ich mich darum nicht weiter kümmern müsste, weil in den letzten Jahren ja selbst die DSB-Präsidentin Ingrid Lauterbach sowie ihr Ehemann und Großmeister Klaus Bischoff mitspielten. Er war wie Artur Jussupow als Leiter der Chess Tigers University Stammgast. Das Ende vom Lied war, dass wir noch einmal die Meisterschaft austragen dürfen, aber dann müssten wir uns jedes Jahr vor dem Dresdener Schachgipfel neu bewerben.

Legende Artur Jussupow ist stets Garant dafür, dass das Team der Chess Tigers regelmäßig den Titel abräumt | Foto: Dariusz Gorzinksi
Darauf haben Sie aber keine Lust? Und hatten Sie den Eindruck, dass Herr Martin wusste, dass Sie der Pionier des Chess960 sind, ohne den vermutlich kein Hahn mehr danach krähen würde?
Schmitt: Eher nicht, aber hundertprozentig kann ich es nicht sagen. Jedenfalls empfand ich den Tiefschlag als Déjà-vu des Jahres 2007 in Mainz beim Champions-Dinner-Auftakt. Der damalige DSB-Präsident Alferd Schlya beschimpfte mich als ,schlechten Deutschen’. Und das nur, weil mein Pressechef die estnische Schach-Präsidentin Carmen Kaas, die damals auch als Supermodel galt und Großmeister Eric Lobron auch bezirzte, einzuladen. Dabei erzielten wir durch den cleveren Schachzug enorme Publicity auch außerhalb der Schach-Medien! Ich bin also die Missachtung unserer Leistung gewohnt! Damals wurde für mich dennoch aus einem schockierenden Abend noch ein überragender wie sehr angenehmer: Die Mainzer Sponsoren und Wolfgang Grenke sahen das völlig anders als Schlya und trösteten mich mit der Zusage von 100.000 Euro im nächsten Jahr. Also, alles gut gegangen!
Diesmal aber nicht?
Schmitt: Ich sehe das nicht als große Gefahr für Chess960, auch wenn wir den Namen der Veranstaltung wechseln müssen. Im nächsten Jahr firmieren wir eben als Taunus Sparkassen Chess960 Classic! Das gegebene Wort an Bobby Fischer wird Schmitt bis zum letzten Atemzug halten! Bei uns soll die Startposition 518, die der bekannten Startposition entspricht, immer erhalten bleiben. Auch wenn die Amerikaner bei dem Kunstgriff der Bezeichnung Freestyle 9LX die Standardaufstellung ausschließen.
Inzwischen wird die Abart, ich weiß, Sie mögen den Begriff überhaupt nicht, meist als Freestyle bezeichnet. Das stört Sie nicht?
Schmitt: Nein, überhaupt nicht. Wie ich schon im Vorjahr beim Grenke-Leasing-Festival in Karlsruhe betonte, ist es mir „egal, wie das Mädchen heißt“. Hauptsache, Fischers Idee wird umgesetzt. Aber natürlich finde ich als alter Siemens-Vertriebsmanager den Namen Chess960 immer noch knackiger und aussagekräftiger als Freestyle Chess. Wir hatten ja einst eine Umfrage bei den Chess Classic gestartet, welcher Namen der beste sei für das sperrig klingende Fischer Random Chess. Unter zehn Auswahlmöglichkeiten entschieden sich die Teilnehmer zu über 50 Prozent für den Begriff Chess960.
Anfangs ernteten Sie für die beharrliche Austragung von Chess960 nur Hohn und Spott.
Schmitt: Genau so war es! Hohn ist der zutreffende Ausdruck. Selbst der damalige Weltmeister Wladimir Kramnik kritisierte Chess960 vor Ort. Aber das hat sich mächtig gewandelt! Selbst Magnus Carlsen pries mich inzwischen dafür. Noch wichtiger ist mir aber, dass mein Freund Vishy (Anmerkung: Viswanathan Anand) anerkennend nach dem Düsseldorfer Bundesligaspiel auf der Heimfahrt nach Bad Soden verbal auf die Schulter klopfte: „Deine Ideen waren immer doch mehr als gut, zuerst Schnellschach und dann hast du im Jahr 2000 auch noch Fischers Idee mit Chess960 systematisch umgesetzt.“ Ich selbst hätte nicht gedacht, dass sich die Kombination aus altem und modernem Schach so gut aneinanderschmiegen würde.
Nur beim DSB scheint kein Sinn für den Übervater des Chess960 zu bestehen? Dafür beweist Ihnen Anand Dankbarkeit.
Schmitt: In der Tat! Unsere Familien verbindet eine tiefe Freundschaft. Seine großen Geschenke an mich waren als Veranstalter, dass der „Tiger von Madras“ elfmal die Chess Classic gewann und 2008 in Bonn Weltmeister Kramnik bezwang. So durfte ich achtmal dabei sein als Freund und Helfer bei Weltmeisterschaften in Lausanne, New Delhi, Mexiko City, Bonn, Sofia, Moskau, Chennai und Sotschi. Fünf Siege standen dabei drei Niederlagen gegenüber. Unglaublich, aber wahr: Vishy ist für mich „Simply the best“. Das T-Shirt mit diesem Titelaufdruck von Tina Turner begeisterte sogar Vater und Schwiegervater nach dem WM-Verlust in Chennai gegen Carlsen!
Wegen Anand heißen die „Chess Tigers“ auch entsprechend. Er hat bei Ihnen in Bad Soden zudem eine Wohnung und ist gelegentlich vor Ort.
Schmitt: Ja, diese Woche kommt er wieder. Wir fahren nach Eltville am Rhein. Dort gibt er Mitarbeitern und Gästen der Deutschen Bundesbank und der Europäischen Zentralbank Lektionen und ein Team-Simultan. Danach machen wir noch zwei Tage „blau“ in Bad Soden am Taunus!
Das neue deutsche Toptalent Christian Glöckler trumpft bei den Chess960-Schnellschach-Meisterschaften 2025 auf. Für Kinder und Jugendliche gibt es am 20. Juni erneut ein Nachwuchsturnier | Foto: Dariusz Gorzinski
Nach dem Affront durch den DSB gegen den Chess960-Pionier schließen Sie ab mit Schach?
Schmitt: Als Organisator ja. Ansonsten nicht ganz, ich mache noch unter der Flagge „Chess Tigers Partner&Trainer“ Unterricht an meinen Lieblingsschulen weiter. Und wünsche mir 2027 zum 75. Geburtstag ein schönes Geschenk, wie wir eines im Jahre 2005 dem deutschen Vorkämpfer Wolfgang Unzicker in Mainz zum 80. Geburtstag gemacht haben: Unzicker selbst, Anatoli Karpow, Viktor Kortschnoi und Boris Spasski spielten in einem Turnier der Legenden.
Ja, das war etwas Besonderes. Unzicker fühlte sich sehr geehrt. Wer wäre dabei zum 75. Geburtstag, wenn Sie freie Wahl hätten?
Schmitt: Ich wünsche mir als Gäste im Chess960-Topturnier: Viswanathan Anand, Magnus Carlsen, Garri Kasparow und Vincent Keymer. Zudem im Qualifikations-Open: 960 Teilnehmer mit 960 verschiedenen Startpositionen in neun Runden …
Bescheidene Ziele, die wir gewohnt sind von HWS, dessen Namenskürzel bei Freunden als „Höher, Weiter, Schneller“ bekannt ist. Der DSB wird das Jubiläumsturnier zu Ihren Ehren trotz Ihrer enormen Verdienste um das Schach und Chess960 kaum organisieren …
Schmitt: Das befürchte ich allerdings auch (lacht).
Das Interview führte Hartmut Metz und wurde zuerst im Schach-Magazin 64 (Ausgabe Juni 2026) abgedruckt.
ChessBase-Geschäftsführer Rainer Woisin mit Hans-Walter Schmitt vor der Kamera | Foto: Dariusz Gorzinski

Großmeister Michael Prusikin nimmt gerne an den Events der Chess Tigers teil | Foto: Dariusz Gorzinksi