Jan Timman: "The Unstoppable American: Bobby Fischer's Road to Reykjavik" – Eine Rezension

von Johannes Fischer
20.07.2021 – Vor 50 Jahren, am 20. Juli 1971, spielten Bobby Fischer (Bild) und Bent Larsen in Denver im Halbfinale der Kandidatenwettkämpfe die sechste und letzte Partie ihres Wettkampfs. Fischer hatte die ersten fünf Partien gewonnen und er gewann auch die sechste. Mit diesem Sieg hatte Fischer 19 Partien in Folge gegen die besten Spieler der Welt gewonnen, eine sensationelle und bis heute unerreichte Siegesserie. Mit dieser Siegesserie und Fischers Dominanz in den Jahren 1970 bis 1971 beschäftigt sich Jan Timman in seinem neuen Buch "The Unstoppable American: Bobby Fischer's Road to Reykjavik". Souverän, unterhaltsam, mit aufschlussreichen Analysen und neuen Erkenntnissen über Fischers Spiel.

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Kein anderer Weltmeister erreichte auch über die Schachwelt hinaus eine derartige Bekanntheit wie Bobby Fischer. Auf dieser DVD führt Ihnen ein Expertenteam die Facetten der Schachlegende vor und zeigt Ihnen u.a die Gewinntechniken des 11.Weltmeisters

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Wer Bobby Fischer für den größten Spieler aller Zeiten hält, der denkt vor allem an sein Spiel in den Jahren 1970 bis 1972. 1967 hatte Fischer das Interzonenturnier in Sousse nach einem Streit mit den Organisatoren nicht zu Ende gespielt, obwohl er mit 8 aus 10 (7 Siege, 2 Remis und eine kampflose Niederlage) klar in Führung lag. In den Jahren darauf spielte er nur noch wenig und verschwand teilweise ganz aus der Turnierszene. Erst 1970, beim Wettkampf UdSSR gegen den Rest der Welt in Belgrad, kehrte Fischer in die Turnierarena zurück – und reihte ein Erfolg an den anderen.

In Belgrad besiegte er Ex-Weltmeister Tigran Petrosian mit 3-1, danach gewann er in Herceg Novi ein Blitzturnier, an dem einige der besten Spieler der Welt teilnahmen, mit 19,0/22, viereinhalb Punkte vor Tal, der mit 14,5/22 Zweiter wurde. Das anschließende Turnier in Rovinj/Zagreb gewann Fischer mit 13,0/18, zwei Punkte vor Vlastimil Hort. Danach gewann Fischer in Buenos Aires mit 15,0/17, dieses Mal mit 3,5 Punkten Vorsprung auf Vladimir Tukmakov.

Beim Interzonenturnier in Palma de Mallorca siegte Fischer mit 18,5/23, Larsen, Geller und Hübner teilten sich mit 3,5 Punkten Rückstand die Plätze zwei bis vier. In den Kandidatenwettkämpfen besiegte Fischer Mark Taimanov und Larsen jeweils mit 6-0, gegen Petrosian gewann er mit 6,5-2,5 und mit einem 12,5-8,5 Sieg (die kampflose Niederlage in der zweiten Partie mitgerechnet) gegen Boris Spassky in Reykjavik wurde er schließlich Weltmeister.

Doch all das ist gut bekannt. Denn schließlich wurde über keinen anderen Schachspieler so viel geschrieben wie über Fischer und seinen Weg zur Weltmeisterschaft haben zahllose Biographien und Artikel schon oft erzählt. Auch Fischers Partien aus den Jahren 1970 bis 1972 sind sehr bekannt – sie wurden in zahlreiche Anthologien und Lehrbücher aufgenommen und immer wieder analysiert. Was also bietet Timmans Buch Neues?

Bemerkenswert ist zunächst einmal, wie es Timman gelingt, kritische Distanz mit einer wohlwollenden Würdigung Fischers zu verbinden. Timman, lange Jahre einer der besten Spieler der Welt, hat die 63 Partien Fischers, die er in seinem Buch vorstellt, mit Computerhilfe neu analysiert und kommt so zu neuen Erkenntnissen über Fischers Spiel. Im Vorwort schreibt er:

"Man wird feststellen, dass Fischer nicht so perfekt gespielt hat, wie man lange Zeit geglaubt hat, aber dazu möchte ich zwei kurze Anmerkungen machen:

  1. Fischer hat in beinahe jeder Partie auf Gewinn gespielt, und hat dabei bewusst Risiken in Kauf genommen;

  2. Fischer war bereit, alle Arten von Stellungen zu spielen, und er beherrschte diese Stellungen eindeutig besser als alle anderen Spitzenspieler seiner Zeit." (S. 7)

Timman hat Fischers Partien mit Hilfe einer Engine analysiert, aber in seinen Kommentaren erschlägt er den Leser nicht mit endlosen Varianten, sondern beschränkt sich auf eine Auswahl der wichtigen Momente und Varianten, um die kritischen Punkte hervorzuheben und die Geschichte der jeweiligen Partie zu erzählen. Das macht Timmans Analysen sehr gut nachvollziehbar und zu einem schachlichen Vergnügen.

Bemerkenswert ist auch, wie souverän und locker Timman erzählt. Er hat zahlreiche Bücher über Fischer ausgewertet, aber wie bei den Analysen der Partien besticht er auch hier durch die zurückhaltende Auswahl des Materials, das er gelegentlich mit Anekdoten aus seinem Leben, eigenen Ansichten und den Meinungen anderer Spieler wie z.B. Robert Hübner ergänzt. So gelingt Timman das Kunststück, die bekannte Geschichte von Fischers Weg zur Weltmeisterschaft zugleich spannend, unterhaltsam und dabei wohlwollend zurückhaltend und neutral zu erzählen.

So sind beide Teile von The Unstoppable American, Timmans Analysen und die erzählenden Passagen des Buches, ein Genuss.

Jan Timman, "The Unstoppable American: Bobby Fischer's Road to Reykjavik", New in Chess 2021, ca. 23,00€

Zum Abschluss hier nun die vor 50 Jahren gespielte 6. Partie des Wettkampfs Fischer gegen Larsen – mit gekürzten Kommentaren von Timman.

 

Bent Larsen fehlte beim Wettkampf gegen Fischer das Glück | Foto: Hans Peters

Am 14. Dezember 2021 feiert Jan Timman 70. Geburtstag. Vom Ende der 1970er bis Anfang der 1990er gehörte Timman zu den besten Spielern der Welt und 1993 spielte er gegen Anatoly Karpov um die FIDE-Weltmeisterschaft. Mit Büchern wie The Art of Chess Analysis, The Art of the Endgame, Timman's Titans, The Longest Game oder Timman's Triumphs hat sich der holländische Großmeister auch als einer der besten Schachautoren der Welt etabliert.

Das aktuelle ChessBase Magazin #202 würdigt den holländischen Großmeister mit einem "Spezial": zahlreiche Großmeister kommentieren ihre Lieblingspartie von Timman.

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Johannes Fischer, Jahrgang 1963, ist FIDE-Meister und hat in Frankfurt am Main Literaturwissenschaft studiert. Er lebt und arbeitet in Nürnberg als Übersetzer, Redakteur und Autor. Er schreibt regelmäßig für KARL und veröffentlicht auf seinem eigenen Blog Schöner Schein "Notizen über Film, Literatur und Schach".
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Like Mischa Like Mischa 21.07.2021 03:35
Ich kann das nachvollziehen. Hautnah miterlebt.
CrimsonSeahawk CrimsonSeahawk 21.07.2021 09:07
1970-1972 war die beste Zeit im Schach !
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