Schachtraining neu denken: Das „Schachgespräch“ mit ChessBase 15

von Martin Fischer
25.02.2019 – Eine der wichtigsten Trainingsfunktionen in ChessBase 15 ist die „Taktische Analyse“: mit ihr findet man schnell die entscheidenden kritischen Positionen. Man kann sich darauf beschränken zu lernen, wie man hier richtig weiterspielt. Aber gerade bei hochklassigen Partien sind diese Positionen häufig gutes Material für eine Trainingseinheit mit einem starken Spieler als Trainer. Wer den nicht hat, greift zu ChessBase 15 und einer Schachengine: Wir zeigen hier, wie man sich mit einer Schachengine "unterhalten" kann und sich auf ein „Schachgespräch“ vorbereitet: Material sammeln, Vorgespräch mit dem virtuellen Trainer, Schachgespräch führen und Hausaufgaben geben (für den virtuellen Trainer). Probieren Sie’s aus! | Grafik: ChessBase

ChessBase 15 - Megapaket ChessBase 15 - Megapaket

Kombinieren Sie richtig! ChessBase 15 Programm + neue Mega Database 2020 mit 8 Mio. Partien und über 80.000 Meisteranalysen. Dazu ChessBase Magazin (DVD + Heft) und CB Premium Mitgliedschaft für ein Jahr!

Mehr...

Richtig trainieren mit ChessBase 15: ChessBase 15 + Engine (Teil 2)

Betrachten wir die Partie Vishnu vs. Short, Isle of Man 2018:

In der obigen Stellung hat Short 17. – Sxg3 gespielt. Die Bewertung der ChessBase 15 eigenen Engine für die taktische Analyse zeigt ein Defizit von 0,52 Bauerneinheiten gegenüber dem besten Zug (17. – Sd6). Die Aufgabe im Training wird es nun sein, herauszufinden ob, und wenn ja, weshalb der Partiezug 17. – Sxg3 uns ungefähr einen halben Bauern kostet. Weitere Züge kommen nicht wirklich in Betracht.

Schritt 1 – Das Schachgespräch mit der Engine vorbereiten

Geeignete Partien finden, sammeln und analysieren

Das Schachgespräch mit ChessBase 15 und seiner Engine muss vorbereitet werden. Durch die Taktische Analyse wurde vorgearbeitet und wir erkennen nun schon, welches die kritischen Punkte waren und können uns diese näher ansehen. Im konkreten Beispiel betrachten wir dazu die Stellung nach dem (nicht gespielten) Zug 17. – Sd6:

Schon nach einer kurzen Betrachtung wird deutlich, dass Weiß den Bauern auf c4 nicht decken kann, denn auf 18.De2 folgt einfach 18. – exd5. Es kommt also darauf an, Züge zu finden, die einen Königsangriff unterstützen oder den Bauern c4 indirekt decken. In Betracht kommen demnach 18.Sh5, 18.Dg4 und 18.e4.

Bisher enthält die Notation nur kleine Anmerkungen, aber zumindest vergißt man so die eigenen Ideen nicht und kann diese jetzt der Reihenfolge nach betrachten. Nach einiger Zeit entsteht ein kleiner Variantenbaum.

Schritt 2 – Ein erstes Vorgespräch mit dem virtuellen Trainer

Kontrolle der eigenen Analyse mit der „Assisted Analysis“

Dieser Variantenbaum ist nur ein vorläufiges Ergebnis. Dieses betrachten wir nun mit ChessBase und der integrierten Engine, um eine erste leichte Prüfung vorzunehmen. Es ist nun also Zei,t für den Einsatz der „Assisted Analysis“. Diese wird uns ein erstes Feedback geben so dass wir neue Anregungen zum selbst weiterdenken erhalten.

Man muss sich die Assisted Analysis ungefähr so vorstellen wie wenn man einem menschlichen Trainer seine erste eigene Analyse vorlegt und dieser uns Hinweise dazu gibt, an welchen Stellen wir noch tiefergehend weiterarbeiten könnten. ChessBase 15 gibt diese Art von Tipps in Form von farblichen Hinweisen:

Auf dem Brett oben wurde auf die Dame d1 geklickt, verbunden mit der Idee, die Dame nach g4 zu spielen

Nach dem Klick zeigt die „Assisted Analysis“ jeden legal möglichen Zug mit der Dame an und bewertet alle Züge nach dem "Ampelprinzip": Grün ist ein guter Zug, Gelb ein mittelmäßiger und Rot ein schlechter Zug.

Hinweis:

Eine weitere Möglichkeit der Assisted Analysis besteht darin, dass man in einer bestimmten Position das Mausrad dreht. Die ChessBase 15 Engine zeigt uns dann an, welches der bestmögliche Zug für diese Figur zu sein scheint. Das empfohlene Zielfeld wird grün umrandet angezeit.

Die Assisted Analysis kann man für jede Parte einzeln unter Analyse durch einen Haken bei Assisted Analysis aktivieren:

Bei der Assisted Analysis beginnt die Analyse durch die Engine sobald die Stellung auf dem Brett ist.

Solange die Stellung auf dem Brett ist wird sie fortgesetzt. Es wird also auch vorkommen, dass sich die farbliche Einschätzung von Zügen im Verlauf der Analyse hin und wieder ändert.

Schritt 3 – Zwischenkontrolle

Habe ich alle relevanten kritischen Züge erfasst?

Als erstes sollten wir nun mit unserem virtuellen Trainer (ChessBase 15 + Engine) überprüfen, ob wir alle wichtigen Züge gesehen und berücksichtigt haben. Hierfür schalten wir eine weitere Engine hinzu:

Kiebitz hinzuholen oder über die Tastenkombination "Alt+F2"

Sind nun also alle wichtige Züge überprüft worden? Um dies herauszufinden, läßt man sich die besten Züge/Varianten aus Sicht der Engine anzeigen. Vier Varianten ist in vielen Stellungen wäre zum Beispiel eine gute Anzahl. Wirklich wichtige Ideen fielen so nicht unter den Tisch aber gleichzeitig verzettelt man sich auch nicht.

Die Anzahl der angezeigten Varianten kann man durch Anklicken der Buttons  regulieren

Schritt 4 – Das finale "Schachgespräch" mit ChessBase 15 und der Engine

Sobald wir alle Varianten eingegeben haben, die uns interessieren und uns die entsprechenden Fragen dazu notiert haben, kann es losgehen! Hierzu einige Tipps:

  • Die eingegebenen Varianten Stück für Stück in Ruhe durchgehen. Dabei sollten wir sowohl der Engine genügend Zeit für eine sinnvolle Abschätzung geben als auch selbst genügend Zeit investieren um diese Abschätzungen auf Plausibilität zu überprüfen. An Stellen mit Überraschenden Ergebnissen und Abweichungen von unserer eigenen Einschätzung sollten wir innehalten und besonders genau hinsehen.
  • In manchen Fällen kann es sinnvoll sein eine Stellung für Weiß und für Schwarz einige Züge weiterzuspielen und ggf. immer wieder neue Ideen auszuprobieren um deren Effekt auszutesten. Wichtig ist es hierbei, in gemächlichem Tempo vorzugehen und das Geschehen auf dem Brett konzentriert und aktiv mitzuverfolgen. Man sollte die Vorschläge der Engine nicht einfach blind übernehmen. Und man sollte die Analyse nicht frühzeitig abbrechen weil man sich dann leicht verzettelt. Dann lieber zurückgehen und eine Alternative testen.
  • Versteht man einen Enginezug nicht, sollte man sich zunächst fragen, was durch diesen Zug eigentlich droht. Nach einem Druck auf die Taste X beginnt die Engine die Stellung mit gewechseltem Zugrecht zu analysieren, so dass schnell deutlich wird, was droht.

Schritt 5 – Hausarbeiten für den Trainer (ChessBase 15 + Engine)

Nachtschicht für die Trainer-Engine

Ging es bisher darum, dass man als Schüler mit viel Arbeit eine Trainingssitzung vorbereitet, so ist jetzt unser Trainer, also ChessBase 15 und seine Engine, eine Trainingseinheit für uns vorzubereiten. Das Werkzeug hierfür sind die sogenannten Analyseaufträge.

Betrachten wir zur Demonstration eine Partie unserer beiden ChessBase Autoren GM Erwin L’Ami und GM Simon Williams, gespielt beim Isle of Man Masters 2018.

Sinn der Analyseaufträge ist es, der Engine eine ganze Reihe von Stellungen zu geben, welche diese hintereinander analysiert, die Ergebnisse zusammenfasst und speichert, so dass wir diese Ergebnisse dann in der nächsten Trainingssitzung mit ChessBase 15 und einer Engine erörtern können.

In der Notation der Partie steuern wir zunächst die erste Stellung an, für die wir einen Analyseauftrag haben. Hier die Stellung nach 13. 0-0. Analysiert werden sollen 13. – g5 und 13. – Tb8.

Um die Analyseaufträge zu starten klicken wir im im Menü unter Analyse auf Neue Analyseaufträge:

Es erscheint ein Dialg indem wir dazu aufgefordert werden, eine Datenbank für die neuen Analyseaufträge anzulegen. In unserem Bespiel habe ich diese "LAmi vs Williams"genannt und OK geklickt.

Als nächstes erscheint das nachfolgende Menü. Hier können Sie die Voreinstellung definieren.

Das sind die Bedingungen, mit denen die Engine eine Stellung analysiert, wenn man ihr keine andern Vorgaben macht. Letzteres ist für jede Stellung möglich.

Gewählt wurde die Option „Tiefe Analyse“

Als Engine haben wir die Komodo 12 Engine im Monte-Carlo Modus ausgewählt und als Analysezeit 15 Minuten vorgegeben. Auf diese Weise dauert die Analyse zwar eine Weile, aber wir hatten ja sowieso vor, dem Rechner die ganze Nacht Zeit für die Analyse zu geben.

Wir bestätigen die Auswahl nun zweimal mit OK und können, falls gewünscht auch noch weitere Stellungen hinzufügen. Hierzu würden wir dann in der Partienotation ggf. weitere Positionen ansteuern, die wir analysieren lassen möchten und klicken dann auf die Option Analyseauftrag hinzufügen.

(Bestätigen dann immer jeweils mit OK.) Wennn wir alle Positionen, die wir auf diese Weise analysieren lassen möchten zur Liste hinzugefügt haben, ergibt sich das nachfolgende Bild:

Ich erreiche die Liste, indem ich auf Analyseaufträge öffnen klicke:

Liste der Analyseaufträge

  • Durch einen Rechtsklick mit der Maus und durch Auswahl von Eigenschaften können für jede Stellung individuell die Analyseigenschaften angepasst werden
  • Angezeigt wird die Gesamtdauer der Analysen
  • Mit einem Klick auf Starten/Weiter wird der Analyseprozess in Gang gesetzt

Die fertigen Analysen speichert ChessBase 15 in der Datenbank „LAmi vs Williams“. Nach Abschluss der Analysen sieht die Partieliste dieser Datenbank wie folgt aus:

Jetzt nehme ich meine Ausgangsversion der Partie sowie die Partien der Analyseaufträge und kopiere diese in eine gemeinsame Datenbank. Hierbei achte ich darauf, dass die volllständige Ausgangspartie vor den kopierten Partie der Analyseaufträge steht (also führt). Sodann markiere ich die Ausgangspartie und die fertigen Analyseaufträge.  Mit einem Klick auf „OK“ verschmelze ich alle Versionen der Partien zu einer einzigen. Gesammelt werden diese Analysen in der obersten Partie in der Liste, der führenden Partie. Ich habe dann die über Nacht erstellten PC-Analysen zusammengefasst.

Die Engine hat noch einiges beigesteuert. Es ist jetzt unsere Aufgabe, diese "Korrekturarbeit" unseres Trainers zu würdigen und sich kritisch mit ihr zu beschäftigen.

Zusammenfassung und Ausblick

In dieser zweiten Folge unser kleinen Tutorialreihe ging es also ChessBase 15 + Engine als persönlichen, virtuellen Trainer einsetzen kann. In der dritten Folge wird es darum ergehen, die bisher gewonnen Erkenntnisse zusammen zu fassen und aus bisher generierten Analysen analoges und digitales Trainingsmaterial zu erstellen. Desweiteren wird es darum gehen, wie man die ChessBase 15 Engine auch für Eröffnungsarbeit und die Analyse von eigenen Partien einsetzen kann.

Sollten Sie Fragen zu den hier angesprochenen Themen haben, schicken Sie mir diese gern per E-Mail an: Martin.Fischer@chessbase.com Alle Fragen, die sich auf ChessBase 15 beziehen werde ich dann auch zusätzlich in einem vierten Tutorial aufgreifen und beantworten.

Links




Martin Fischer, Jahrgang 1962, ist ChessBase-Mitarbeiter. Unter anderem organisiert er und hält Seminare über ChessBase und ist Turnierleiter auf playchess.com. Für ChessBase stellt er das vierteljährliche Taktik-Heft „Schach-Problem – Die rätselhaften Seiten von Fritz” zusammen. Er lebt in Hamburg und spielt Schach beim Schachklub Johanneum Eppendorf.
Discussion and Feedback Join the public discussion or submit your feedback to the editors


Diskutieren

Regeln für Leserkommentare

 
 

Noch kein Benutzer? Registrieren