Vorträge in der Bundesschachkunsthalle

21.12.2006 – Zwischen dem 25.Januar und dem 5. Dezember 2006 wurde in der Bonner Kunsthalle eine ausgesprochen interessante Vortragsreihe angeboten. Viele renommierte Experten, Autoren, Künstler, Musiker, Mathematiker und Wissenschaftler diskutierten über das Phänomen des Schachspiels und referierten über die verschieden Aspekte des Schachspiels - jeder aus seinem Blickwinkel. Die Veranstaltungsreihe mit dem Titel "Hinter den Spiegeln" war Marcel Duchamp gewidmet, der vom Künstler zum Schachspieler wurde, wobei er selber überzeugt war, die Kunst dabei nie verlassen zu haben. Über den Wettkampf zwischen den Vortragstagen wurde bereits berichtet, hier folgt nun ein Beitrag zu den Vorträgen selbst. Bundeskunsthalle.... Programm der Vortragsreihe...Mehr...

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Die Vorträge in der Bundesschachkunsthalle
Von André Schulz

Das gewaltige Interesse von Publikum und Medien an dem Mensch-Maschine-Wettkampf sowie dessen spannender Verlauf, drängte das überaus interessante Rahmenprogramm, dass der Leiter des Forums der Bundeskunsthalle Stephan Andreae mit seinen Mitarbeitern zusammen gestellt hatte, unverdientermaßen etwas in den Hintergrund.


Die Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland in Bonn


Andrang bei Kramnik gegen Deep Fritz


Stephan Andreae mit seinem Team

Das Match war eigentlich nur ein Punkt einer ganzen Veranstaltungsreihe, die dem Künstler und Schachspieler Marcel Duchamp gewidmet war und die in Anspielung an Lewis Carrolls Märchen- und Schachfantasie unter den Titel "Hinter den Spiegeln" gestellt wurde.

Der Wettkampf selbst zwischen dem Schachweltmeister Vladimir Kramnik und der "Denk"-Maschine Deep Fritz konnte nur in einem solchen kunstvollen Rahmen, wie ihn die Bundeskunsthalle zur Verfügung stellte, in der Form zur Wirkung gekommen, wie es schließlich Realität wurde. Ein Schachwettkampf wurde auf eine Bühne gestellt, und dort als "bewegte Plastik", wie Stephan Andreae betonte, im Sinne Duchamps zur Kunst erhoben.


Schach wird Kunst

"Jeder Schachspieler ist ein Künstler", hatte Duchamp immer betont. Er selbst hatte seine Karriere als Künstler eingestellt, um Schachspieler zu werden. Im Laufe seiner Schachkarriere spielte er dabei gegen solche starken Spieler wie gegen Hans Müller, Edgar Colle, Vera Menchik, Saviely Tartakower, Eugene Snosko-Borowsky, George Koltanowsky, Geza Maroczy, Hans Kmoch, Frank Marshall und Andor Lilienthal. Duchamp pflegte einen kombinatorischen Stil, was manchmal, aber nicht immer zum Erfolg führte.

Der ehemalige Pasolini-Schauspieler ("Das 1.Evangelium nach Matthäus") Prof. Enrique Irazoqui, übrigens beim ersten Wettkampf zwischen Karmnik und Deep Fritz in Bahrain dabei, hatte als junger Mann in den Sechziger Jahren Gelegenheit, gegen Duchamp zu spielen. Er erinnert sich: "In Cadaqués spielte Duchamp nachmittags Schach im Cafe Melitón. Heute erinnert dort eine Tafel an den großen Künstler, oberhalb des Stuhles angebracht, auf dem Duchamp immer zu sitzen pflegte. Eines Abends kam Dalí, um sich den 'Meister' im Melitón anzusehen. Er zog dabei die übliche Show, d.h. trug ein Omlett auf dem Kopf als Hut, etc.. Angesichts des Clowns zog der 'Meister' es allerdings vor, seine Partie zu unterbrechen und sofort in aller Eile zu verschwinden. Dalí hat sich ziemlich aufgeregt."

Die Vorträge zwischen den Wettkampftagen waren so interessant, dass sie auch als eigene Schachveranstaltung - ohne jeden Wettkampf- eine große Aufmerksamkeit verdient gehabt hätten. Zur Eröffnung wurde nach dem ersten Wettkampftag eine Podiumsdiskussion angeboten, bei der verschiedene Redner ihren ganz persönlichen Zugang zum Schach skizzierten. Die Gäste warn Spezialisten aus den unterschiedlichsten Gebieten und hatten ihren Weg zum Schach jeweils über ihr Gebiet gefunden.

Der Moderator Karsten Schwanke (ZDF) leitete die Diskussion, die zwischen dem Künstler Ugo Dossi, dem Mathematiker Prof. Christian Hesse, dem Kunsthistoriker Prof. Hans Holländer, dem Kulturwissenschaftler Prof. Ernst Strouhal und dem ChessBase-Mitbegründer und Wissenschaftsjournalisten Frederic Friedel, der für den erkrankten Wirtschaftswissenschaftler Prof. Robert von Weizsäcker eingesprungen war, geführt wurde.


Prof. Hesse, Dossi, Schwanke, Prof. Holländer, Prof. Strouhal, Friedel






Unter den Zuschauern: Susanna Poldauf (Lasker-Gesellschaft), oben rechts: Dr. Thomas Thomsen (Chess Collectors)


Dr. William Wirth, der kürzlich das Jubiläum der Credit Suisse organisierte

Ugo Dossi beschäftigt sich in seinen Arbeiten seit Jahren mit dem Thema Schach und versucht mit künstlerischen Mitteln, das eigentlich unsichtbare Spiel und die Bewegung und Kräfte der beteiligten Figuren sichtbar zu machen.


Ugo Dossi und Vladimir Kramnik


"Trajectories of a chess game“ von Ugo Dossi

Seine Werke sind derzeit noch in Bonn im Rheinischen Landesmuseum unter dem Titel Schach & Schönheit (16.11.2006 – 21.01.2007) zu sehen.

Prof. Christian Hesses Zugang zur Schachwelt lässt sich am besten an seinem gerade erschienen Buch Expeditionen in die Schachwelten (Christian Hesse: Expeditionen in die Schachwelten. Chessgate Verlag, 417 Seiten, gebunden, 1. Auflage 2006. ISBN: 3-935748-14-0) ermessen. Natürlich wird ein Mathematiker zuvorderst über die dem Schach innewohnenden mathematischen Elemente in das Spiel eindringen.

Der Kunsthistoriker Prof. Hans Holländer hat sich durch eine Reihe von Schachausstellungen (Schadows Schachclub, Schachpartie durch Zeiten und Welten) und Ausstellungskataloge einen hervorragenden Namen in der Schachwelt gemacht. Mit ihm wird Schach zur Kunst -und Gesellschaftsgeschichte.

Einen ähnlichen Ansatz hat der Wiener Kulturwissenschaftler Prof. Ernst Strouhal, der in der Schachwelt durch eine Reihe von Schachbüchern zu Ausstellungen (Luftmenschen, zusammen mit Michael Ehn; acht mal acht: Die Kunst des Schachspiels) und vor allem mit seinen Arbeiten über die Kempelen-Automaten bekannt geworden ist. In Bonn stellte er einige Nachbauten vor.

Frederic Friedel schließlich fand seinen Weg zum Schach als Wissenschaftsjournalist und Assistent von Hoimer von Dittfurth. Eines der Themen der späten Siebziger und frühen Achtziger Jahre waren immer besser werdende Schachcomputer. Das Computerschach nahm Friedel gefangen. Mitte der Achtziger Jahre gründete er zusammen mit Matthias Wüllenweber die Firma ChessBase.

Von diesen Experten ist keiner ein wirklich guter Schachspieler - der eingeladene Robert von Weizsäcker hätte als Fernschachgroßmeister die Spielerseite am besten vertreten können -, aber alle sind vom Schach fasziniert beleuchteten es aus ihren jeweiligen Blickwinkeln.

Nach dem zweiten Spieltag wurde am folgenden Dienstag (28.11.2006) ein Doppelvortrag gehalten, den Dr. Susanna Poldauf und Prof. Ernst Strouhal bestritten. Zunächst sprach Susanna Poldauf über den inoffiziellen Schachweltmeister und Opernkomponisten François-André Danican, genannt. Philidor.

Anknüpfend an die gerade zu Ende gegangene Ausstellung "Schach und Musik" in den Räumen der Emanuel Lasker Gesellschaft in Berlin, gab Susanna Poldauf zunächst einen Überblick über die verschiedenen Forschungsansätze zu diesem Thema.


Dr. Susanna Poldauf

Die Musikwissenschaftlerin stellte eine Reihe von Schach spielenden Musikern vor, darunter Sergej Prokofiew, Robert Schumann, Arnold Schönberg (der Erfinder des "Koalitionsschach"), Marc Taimanow oder John Cage, der mit Marcel Duchamp, dem die Vortragsreihe gewidmet war, Schach- und Musik-Experimente durchführte. Ein Weiters Thema des Vortrages war die Vertonung  Schachpartien bzw. Schachthematiken in der Neuen Musik bzw. im Ballett. Bezüge zwischen den gesetzten der Musik und denen des Schachs sehen auch die Problemkomponisten die ihre Vorgehensweise mit der von Musikern vergleichen - prominentes Beispiel Vladimir Nabokov, der das Komponieren von Schachproblemen auf "quasimusikalische " Art betrieb.

Der eigentliche Schwerpunkt des Vortrages war jedoch das Verhältnis von Schach und Musik bei Philidor. Auf den ersten Blick erscheinen beide Gebiete als sich parallel entwickelnde Welten, referierte die Autorin einer Philidor-Biografie, Felder, die sich scheinbar nicht berührten oder die Philidor bewusst nicht miteinander vermischte, die sie sich in seiner Entwicklung nahezu gleichzeitig und mit gleicher Intensität ausbildeten.



Dennoch gibt es bei genauerem Hinsehen ein paar Berührungspunkte, meinte die Autorin, wie z.B. die komponierten Idealpartien in seinem Schachbuch "L'Analyze des Échecs, die Verbindung zwischen Simultanspiel und dem Komponieren für mehr als zwei Stimmen gleichzeitig in seinen Opern (Ensembles) sowie eine mögliche Verbindung zwischen der Kompositionstechnik des Generalbasses in der damaligen Musik und der Aufwertung der Bauernführung in Philidors Schachtheorie.

Begleitet wurde der Vortrag von dem aus Argentinien stammenden Schach spielenden Musiker Juan María Solare am Flügel mit Kompositionen von Sergej Prokofiew, John Cage, Philidor und einer Eigenkomposition. Die Theaterwissenschaftlerin Dr. Susanna Poldauf war Regieassistentin für Musiktheater in Stralsund, Berlin und Basel. Juan María Solare, argentinischer Komponist und Pianist, studierte bei Johannes Fritsch, Mauricio Kagel, Hans Ulrich Humpert und Helmut Lachenmann.

Der zweite Teil des Abends wurde von Prof. Ernst Strouhal, Brigitte Felderer und Jakob Scheid bestritten


Prof. Ernst Strouhal

Unter dem Titel "Speaking without lips – thinking without brain", sprachen sie über die Automaten des Ingenieurs Wolfgang von Kempelen (1734 – 1804) und zeigten einige Nachkonstruktionen zeigten, darunter den mechanischen Arm des berühmten Schachtürken. Weniger bekannt ist, dass Kempelen sich auch mit mechanischer Stimmerzeugung beschäftigte und einen Vorläufer des Telefons konstruiert hatte. Auch davon war ein Nachbau zu sehen. Die Vortragenden lehren an der Hochschule für angewandte Kunst in Wien.


Der Nachbaus des Kempelschen Sprechapparats


Es spricht


Artur Jussupow kann den Arm bedienen, hat großartige Schachkenntnisse, wäre aber dennoch wegen seiner Größe nicht geeignet, den Job im Türken zu übernehmen.


Artur Jussupow übt am Arm


Fortgeschrittene Mechanik

Nach dem dritten Spieltag des Matches zwischen Mensch und Maschine (Donnerstag, 30.11.2006) wurde ein weiterer Doppelvortrag realisiert.


Mathias Bröckers

Der Verschwörungsspezialist Mathias Bröckers sprach über Paranoia und Verschwörungstheorien bei Spielergenies, wobei im Mittelpunkt seines Interesses der frühere Schachweltmeister Bobby Fischer stand. Aber auch andere Spieler hätten sich als Thema angeboten, wie jeder weiß, der die aktuelle Schachberichterstattung liest. 

Danach legte ChessBase-Chefentwickler und Geschäftsführer Matthias Wüllenweber dar, wie Computer mit fast den gleichen Algorithmen die optimalen Züge einer Schachpartien, aber auch eine "optimale" Melodie errechnen können. Umgesetzt wurde dies in einem Musiklernprogramm.

Das Programm Ludwig wird in Kürze erscheinen: "Spiel mir den Tod vom Lied"

Zwei Tage später kam Prof. Hans Holländer zum Zuge, der sich mit Schachspiel als Modell in Literatur und Wissenschaft beschäftigte.

Danach sei das Schachspiel ist ein vielseitig interpretierbares System von Zeichen und wurde deshalb schon immer als Bild, Gleichnis, Metapher und Modell für viele Bereiche des menschlichen Lebens betrachtet. Holländer stellte Beispiele vor, wie das Schach zu Kunst, philosophischen Begriffen und Naturgesetzen in Beziehung gesetzt wurde.

Schließlich kam ein Stück des "Tauchtontheaters" STARTS & STOPS zur Aufführung. Titel: Unter Taucher König Ass: Unter den Wasserspiegeln oder die Schönheit des tiefen Tauchens.

Geschrieben hat es Wolfgang Krause Zwieback, der von Gundolf Nandico auf dem Alphorn begleitet wurde. Wolfgang Krause Zwieback sieht sich als Dadas Enke und hat hier "einen erneuten, vermutlich fehlschlagenden Versuch unternommen, Struktur in die Welt zu bringen."

Den Abschluss der Reihe übernahm Professor Herbert Molderings. Der wahrscheinlich interessanteste Analytiker des Werkes von Marcel Duchamp beschreibt Duchamps Kunst in seinem Buch über den Künstler und Schachspieler als "pataphysisches" Experiment.

Im zweiten Teil des Abendsanalysierte Dr. Helmut Pfleger die bis dato gespielten fünf Partien Kramniks gegen Deep Fritz, ...


Dr. Helmut Pfleger und Juan María Solare

...während Juan María Solare die Partien auf dem Klavier nach der Partitur des Schachwalzers von Wilhelm Zobl (1982) vertonte.

Duchamp hätte das alles sehr gefallen...
 


 



Fotos:
André Schulz (Podiumsdiskussion)
simple images Wien (Poldauf, Strouhal)
Harry Schaack (Strouhal)
HAEL YXXS (Zwieback)
 

 

 

 

 

 

 



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