Wer wird der nächste FIDE-Präsident?

von André Schulz
04.07.2018 – Während der nächsten Schacholympiade wird auf dem FIDE-Kongress ein neues Präsidium gewählt. Inzwischen ist klar, dass es einen neuen FIDE-Präsidenten geben wird. Kirsan Ilyumzhinov hat nach 23 Jahren Amtszeit seine Kandidatur zurückgezogen. Zur Wahl stellen sich Georgios Makropoulos, Nigel Short und Arkady Dvorkovich. Es kann spannend werden.

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Die FIDE-Wahlen kommen immer näher

Alle vier Jahre stehen beim Weltschachbund Wahlen an. Dann wird auf dem FIDE-Kongress, während der Schacholympiadem, das Präsidium neu gewählt. In den letzten Jahren waren diese Wahlen stets von großem Getöse begleitet, am Ende gab es aber immer den gleichen Sieger - Kirsan Ilyumzhinov. Seit 1995 amtiert Ilyumzhinov als FIDE-Präsident. Mit 23 Jahren Amtszeit hat er inzwischen sogar den Schweden Folke Rogard, den zweiten Präsident der FIDE-Geschichte (1949-1970), an Amtsjahren übertroffen. Vor Ilyumzhinov rangiert nur noch der Niederländer Alexander Rueb, der die Geschicke des Weltschachbundes von der Gründung 1924 bis 1949 leitete.

Die FIDE-Präsidenten

1924–1949:  Alexander Rueb
1949–1970:  Folke Rogard
1970–1978:  Max Euwe
1978–1982:  Fridrik Olafsson
1982–1995:  Florencio Campomanes
1995–2018:  Kirsan Ilyumzhinov

Schwierige Zeiten nach Campomanes

Ilyumzhinov hatte seinerzeit ein schwieriges Amt angetreten. Sein Vorgänger, der Philippine Florencio Campomanes, war mitverantwortlich für die Spaltung der Schachweltmeisterschaft. In seiner Heimat wurde Campomanes zudem wegen Veruntreuung von Fördergeldern für die Schacholympiade 1992 verurteilt. Unter seiner Amtszeit war die FIDE am Ende nahezu pleite. 1995 hielt man in der FIDE Campomanes für nicht mehr tragbar, schob ihn auf den Posten eines Ehrenpräsidenten ab und einigte sich auf Kirsan Ilyumzhinov als neuen Leiter des Weltschachbundes.

Damals 1995. In der Mitte: der junge Kirsan Ilyumzhinov und Florencio Campomanes | Foto: chessnews.ru

Der neue Präsident war griff der klammen FIDE als Geschäftsmann und Provinzfürst der autonomen russischen Republik Kalmückien finanziell unter die Arme. Die kalmückische Hauptstadt Elista tauchte nun häufiger als Austragungsort von hochkarätigen Schachevents auf. 1996 wurde hier der fast vergessene Wettkampf Karpov-Kamsky um die FIDE-Weltmeisterschaft gespielt. 1998 war Elista Gastgeber der Schacholympiade. Dafür hatte Ilyumzhinov eigens eine "Chess City" bauen lassen. Elista sollte vom Schach profitieren und Kalmückien mit dem Schach aus seiner Randlage mehr in den Fokus der Weltgeschichte rücken - das war die Idee. Letztlich hat das nicht ganz funktioniert. Der Weg in die Steppe Südrusslands und an das Nordufer des Kaspischen Meeres ist seitdem nicht kürzer geworden.

1998 gab es in Elista auch den Präsident's Cup, ein K.o.-Turnier. 2006 wurde in der kalmückischen Hauptstadt dann der Wiedervereinigungswettkampf der Weltmeister ausgetragen. Kramnik gewann unter reichlich skandalösen Umständen gegen Topalov. Sanfter oder vielleicht auch nicht so sanfter Druck der russischen Regierung war nötig gewesen, um das Match überhaupt zustande zu bringen und dann einigermaßen regulär zu beenden. Während der kalmückische Präsident nach dem Start des Matches bei einem Treffen der Provinzfürsten weilte, tanzten ihm seine Vizepräsidenten auf dem Kopf herum. Der Wettkampf geriet zwischenzeitlich aus dem Ruder und konnte vom eiligst zurück gekehrten FIDE-Präsidenten gerade noch gerettet werden.

Enge Verbindungen zur russischen Regierung

Ilyumzhinov ist seit seiner Studienzeit in Moskau eng mit russischen Regierungskreisen vernetzt. Die Russen nutzten den freundlichen Kalmücken in der Vergangenheit gerne als unauffälligen Gesandten, um Geschäfte einzufädeln oder in schwierigen politischen Situationen den Status quo zu erkunden. Ilyumzhinov war nicht zufällig der letzte Staatsgast bei Saddam Hussein oder Muammar al-Gaddafi und er ist auch ganz bestimmt nicht nach Tripolis geflogen, um mit dem in Schwierigkeiten geratenen libyschen Präsidenten Schach zu spielen, auch wenn das in der internationalen Presse so dargestellt wurde. Umgekehrt öffnete Ilyumzhinov das Amt als Präsident des Weltschachbundes viele Türen für eigene Geschäfte. 2010 gab Ilyumzhinov sein Amt als Präsident der Republik Kalmückien auf und betätigte sich nur noch als Geschäftsmann, mit Anteilen an der Russian Financial Alliance Bank. Nun floss auch weniger Geld in die FIDE und als Ilyumzhinov dann sogar begann Reisekostenabrechnungen einzureichen, wusste man bei der FIDE endgültig, dass die Zeit des großzügigen Mäzenatentums durch den eigenen Präsidenten vorbei war. Ungeachtet dessen blieben aber Ilyumzhinovs gute Kontakte zur russischen Regierung und zur russischen Geschäftswelt bestehen und wenn anderswo kein Geld für die offiziellen FIDE-Turniere, den World-Cup, den Grand Prix, die Weltmeisterschaften, aufzutreiben war, sprangen die Russen ein.

Viele Kandidaten - ein Sieger

Ilyumzhinov musste bei den verschiedenen FIDE-Wahlen mehre prominente Gegenkandidaten überstehen. 2006 kandidierte der belgische Kommunikationsmanager Bessel Kok, 2010 Karpov mit Kasparov im Hintergrund, 2014 stellte sich Kasparov selber zur Wahl.

Kandidat Kasparov, 2014, bei Daniel King in TV ChessBase | Foto: André Schulz

Alle drei Kandidaten scheiterten allerdings deutlich. Die Wahlkämpfe vor den Wahlkonkressen wurden jeweils mit sehr harten Bandagen geführt. Illyumzhinov nutzte dabei die Vorteile als Amtsinhaber und auch die FIDE-Infrastrukur. Außerdem konnte er auf die Unterstützung seines Teams bauen, angeführt von seinem Stellvertreter Georgios Makropoulos. Bei jeder Wahl wurde allerdings der Vorwurf des Stimmenkaufs laut. Manche Mitgliedsländer, in denen das Schach eigentlich überhaupt keine Rolle spielt, haben stimmberechtigte Schachverbände, die nur aus wenigen Mitgliedern bestehen. Im Laufe der Jahre wurde die Zahl solcher Mitgliedsverbände immer größer, doch die Organisationsstruktur der FIDE hat sich nicht wesentlich verändert. Jeder Mitgliedsverband hat bei den Wahlen eine Stimme, unabhängig davon, wie viele aktive Schachspieler es dort gibt, wie viele Turniere organisiert werden oder mit welchem Beitrag der Verband die FIDE unterstützt. So ist Korruption und Stimmenkauf bei den Wahlen Tür und Tor geöffnet. Hier wäre der dringendste Bedarf einer Reform, aber wie soll diese gegen die Stimmen der "kleinen" Verbände jemals durchgeführt werden?

Trotz dieser Probleme hat die Popularität des Schachs in den letzten Jahrzehnten weltweit deutlich zugenommen. Es gibt Weltmeisterschaften für alle Altersklassen, Es gibt den FIDE-Worldcup und die FIDE Grand Prix-Serie. Es gibt regelmäßige Meisterschaften auf allen Kontinenten. Es gibt viele privat durchgeführte Turniere in aller Welt und für alle Spielstärken und besonders die besten Spieler der Welt haben ausgezeichnete Einkunftsmöglichkeiten. Es könnte noch besser sein, sicher, aber waren die Bedingungen zuvor schon jemals so gut? Schach boomt.

Ilyumzhinov angezählt

2015 änderte sich die Situation für die FIDE dann radikal, als das US-Schatzamt neben vielen anderen russischen Offiziellen und Geschäftsleuten auch Kirsan Ilyumzhinov auf seine Sanktionsliste setzte. Ilyumzhinovs Bank soll Geschäfte der syrischen Regierung finanziert haben, lautet der Vorwurf des US-Schatzamtes. Diese Maßnahme hatte auch direkte Auswirkungen auf die Finanzen der FIDE. Die FIDE führt ihre finanziellen Transaktionen über ein Konto bei der Schweizer UBS. Diese drängte nun die FIDE, die Angelegenheit in Ordnung zu bringen, vermutlich weil ihr selber die US-Behörden im Nacken saß. Das FIDE-Präsidium gab den Druck an Ilyumzhinov weiter. Dieser probierte, auch mit mehreren öffentlichen Aktion, seinen Namen von der Sanktionsliste entfernen zu lassen, doch ohne Erfolg. Eine Einreise in die USA war für den FIDE-Präsidenten auch nicht mehr möglich. Die WM 2016 in New York fand ohne Ilyumzhinov statt. Am Ende kam es zum offenen Konflikt zwischen dem Präsidenten und dem übrigen Präsidium, das ihn zum Rücktritt drängte. De facto übernahm Georgios Makropoulos die Führung der FIDE. Die UBS kündigte nach einem Ultimatum der FIDE das Konto und der Weltschachbund war außerstande, eine neue Bank zu finden. Das US-Schatzamt hat offenbar einen sehr langen Arm. Inzwischen liegt das Geld der FIDE bei einem Treuhänder, zumindest so lange, bis Ilyumzhinov endgültig aus dem Amt gedrängt ist, und das wird bald der Fall sein.

Wer wird der neue Präsident: Drei Kandidaten

Nun kommen die Wahlen zum Präsidium immer näher. Der 89. FIDE- Kongress findet am Rande der Schacholympiade vom 26. September bis 6. Oktober in Batumi statt. In der Frage möglicher Kandidaten für das Amt des FIDE-Präsidenten ist in den letzten Wochen reichlich Bewegung gekommen.

Kirsan Ilyumzhinov machte zunächst kein Hehl daraus, dass er sich gerne wieder zur Wahl stellen würde. Am März erklärte auch der Russische Schachverband noch seine Unterstützung für eine neuerliche Kandidatur Ilyumzhinovs zum FIDE-Präsidenten.

Am 8. April forderte das übrige FIDE-Präsidium Ilyumzhinov allerdings zum sofortigen Rücktritt auf.

Zugleich gab Georgios Makropoulos seine Kandidatur als FIDE-Präsident bekannt.

Das FIDE-Präsidium ohne Ilyumzhinov | Foto: FIDE

Inzwischen hat er auch die Namen seiner Mannschaft veröffentlich. Neben einigen bekannte Größen aus dem FIDE-Umkreis war der Name von Malcolm Pein eine kleine Überraschung. Malcolm Pein ist ein bekannter Londoner Schachhändler, Verleger und vor allem der Organisator der sehr erfolgreichen London Chess Classic. Diese sind Teil der Grand Chess Tour. Mit Pein würde auch ein Kontakt zu Rex Sinquefield und Garry Kasparov hergestellt werden.

Beim Turnier in Leuven sprach Macauley Peterson mit Malcolm Pein über seine Mit-Kandidatur.

 

Kandidat:

Georgios Makropoulos (Griechenland)

Ticket:

Stellvertreter: Malcolm Pein (England)
Generalsekretär Sundar Damal Villivalam (Indien)
Vizepräsidenten: Martha Fierro (Equador), Chitalu Chilufya (Sambia)
Schatzmeister: Adrian M Siegel (Schweiz)

Das "Makro-Ticket"

Anfang Mai meldete sich dann Nigel Short zu Wort und gab bekannt, dass er ebenfalls als Präsident der FIDE kandidieren möchte. Short gehörte schon 2010 zu den Unterstützern von Anatoly Karpov und 2014 zum Team von Kasparov. Außerdem ist der eloquente Engländer seit vielen Jahren einer der lautesten FIDE-Kritiker.

Auch mit Nigel Short sprach Macauley Peterson anlässlich des Turniers in Leuven:

 

Kandidat: 

Nigel Short (England)

Ticket:

Stellvertreter: Lukasz Turlej (Polen)
Generalsekretär Ruth Haring (USA)
Vizepräsidenten Olalekan Adeyemi (Nigeria), Paul Spiller (Neuseeland)
Schatzmeister: Panu Laine (Finnland)


Am 15. Juni kündigte schließlich Arkadij Dvorkovich seine Kandidatur an. Georgios Makropoulos vermeldete diese Nachricht auf seinem Twitter Account und schloss daraus auf einen Rückzug von Ilyumzhinov.


Wer ist Glen Stark? Mit dieser Frage beschäftigten sich eine Zeit lang eine  Reihe von Schachjournalisten. Der Name tauchte im "Ticket", in der Mannschaft, von Kirsan Ilyumzhinov auf, aber niemand in der Schachwelt kennt diese Person. Nachforschungen ergaben nichts Konkretes. Kirsan Ilyumzhinov ließ sich anfangs durch die Kandidatur von Arkadij Dvorkovich nicht beirren. Mit Datum vom 21. Juni vermeldete er noch auf seiner offiziellen Webseite, dass 83 der 188 Mitgliedsverbände der FIDE hinter seiner Kandidatur stehen würden, in einer allerdings recht "schwammigen" Formulierung:

"More than 80 national chess federations are ready to support the candidacy of incumbent president of the International Chess Organization, Kirsan Ilyumzhinov, in the forthcoming FIDE elections," said a source familiar with the situation."

Wenn man es genau liest, behaupt Ilyumzhinov also nicht etwa, dass ihn 83 Federationen unterstützen würden, sondern "gut unterrichtete Kreise" glaubten das. Und wenn man noch genauer liest, "stünden diese auch nur bereit", den Amtsinhaber zu unterstützen. Vielleicht machen Sie bei der Wahl dann doch etwas anderes, wer weiß das schon? 

Nachdem aber inzwischen der Russische Verband offiziell seine Unterstützung für Dvorkovich ausgesprochen hat, war auch Kirsan Ilyumzhinov klar, dass seine Ende als FIDE-Präsident gekommen ist. Am Samstag zog er seine Kandidatur zurück.

Kandidat Arkady Dvorkovich

Arkady Dvorkovich ist ein sehr prominenter Kandidat. Er ist der Sohn des langjährigen Schachschiedsrichters Wladimir Dvorkovich, spielt selber kein Turnierschach, ist dem Schach aber eng verbunden.

Dvorkovich (Zweiter von rechts) mit Andrey Filatov und Ilymzhinov 2015 | Foto: Eteri Kublashvili, Vladimir Barsky.

Nach einem Wirtschaftsstudium hat er als ehemaliger persönlicher Wirtschaftsberater des russischen Präsidenten Vladimir Putin und als Stellvertretender Ministerpräsident politische Karriere gemacht. Außerdem hatte er verschiedene Posten in der Leitung des Russischen Schachverbandes inne. Dvorkovich ist ohne Zweifel ein politisches Schwergewicht. Mit seiner Kandidatur war klar, dass Kirsan Ilyumzhinov am Ende doch auch der Rückhalt in der russischen Führung abhanden gekommen ist. Offenbar räumten die Russen dem langjährigen FIDE-Präsidenten keinerlei Chancen auf eine Wiederwahl ein. Da Schach aber auch knapp 30 Jahre nach dem Zerfall der Sowjetunion in Russland immer noch "Chefsache" ist, möchten die Russen mit Hilfe von Dvorkovich wohl weiter an ihrem Einfluss auf die Geschicke im internationalen Schach festhalten.

 

Kandidat:

Arkady Dvorkovich (Russland)

Ticket:

Stellvertreter: Bachar Kouatly (Frankreich)
Generalsekretär Enyonam Sewa Fumey (Togo)
Vizepräsidenten: Mahir Mammadov (Aserbaidschan), Julio Granda (Peru)
Schatzmeister: Zhu Chen (Katar)

Ein schwieriges Geschäft: Schach-Sponsoring

Einige glauben, und dazu gehörten auch immer Kasparov und Short, dass eine seriösere und westlich orientierte Führung im Weltschach auch "seriösere" (westliche) Sponsoren und Förderer anziehen würden. Die Grand Chess Tour soll in einem gewissen Sinne ein Beweis dieser These sein. Doch sie kann nur als Teilbeweis herhalten. Die Turniere in Saint Louis, London und Leuven leben von schachbegeisterten Mäzenen, nicht von Sponsoren, die mit einem "Return of Investment" rechnen. Die attraktive professionelle Präsentation soll Sponsoren anziehen. Das hat zumindest zum Teil geklappt. Mit Canal Plus hat man immerhin einen solchen professionellen Partner gefunden. Ob man damit aber zum Beispiel einen kompletten WM-Zyklus finanzieren kann, muss sich noch zeigen.

 

 

Die FIDE hat die Firma AGON mit der Suche von Sponsoren beauftragt. Der in Russland erfolgreiche amerikanische Unternehmer Andrew Paulson traf vor ein paar Jahren in Moskau mit Kirsan Ilyumzhinov zusammen und überzeugte die FIDE-Führung davon, dass man mit einer professionelleren Organisation der Weltmeisterschaften und Qualifikationsturniere auch Sponsoren anziehen und damit eine Eigenfinanzierung realisieren könne. Einer seiner Verbesserungen war, die großen Turniere in den großen Metropolen durchzuführen. Auch eine bessere Internetpräsentation sollte den hochrangigen FIDE-Turnieren zu mehr Aufmerksamkeit verhelfen. Eine Idee dahinter bestand darin, mit der eigenen monopolisierten Übertragung der Kandidatenturniere und der Weltmeisterschaften Geld zu verdienen. Vor seinem Tod verkaufte Paulson die Firma für einen symbolischen Preis an Ilya Merenzon.

Um das Recht an der Partieübertragung durchzusetzen, strengte AGON Klagen gegen einige Schachwebseiten an, verlor bisher aber alle Prozesse. Zuletzt beim Kandidatenturnier in Berlin war AGON technisch selber nicht in der Lage, die Internetpräsentation dem eigenen Anspruch entsprechend dem Publikum anzubieten. AGON hat Sponsoren, zumeist aus Russland, aber die Organisation der AGON-FIDE-Turniere wirken nicht so, als seien sie organisatorisch schon völlig ausgereizt. Ob das Konzept stimmig ist, auch finanziell, kann nur die FIDE beurteilen.

Schach ist zwar ein Publikumssport, aber das Publikum ist unsichtbar und sitzt um die Welt herum verteilt im Internet. Und es zahlt nichts. Ob man damit Sponsoren dauerhaft begeistern kann, wird die Zeit zeigen. Wenn aber diese Idee nicht funktioniert, dann ist das internationale Turnierschach weiter auf das Mäzenatentum, auch aus Russland angewiesen. Ohne die russische Schachbegeisterung und ohne das russische Geld wären manche Turniere nicht zustande gekommen. Als niemand die Weltmeisterschaft 2014 zwischen Magnus Carlsen und Viswanathan Anand bezahlen wollte, sprang Russland ein und Präsident Putin war als erster Staatspräsident Ehrengast bei einer Abschlusszeremonie einer Schachweltmeisterschaft.

Spekulationen

So richtig begeistert hat sich Georgios Makropoulos nicht zur Kandidatur als FIDE-Präsident drängen lassen. Man konnte den Eindruck gewinnen, der Grieche macht es lieber selbst, bevor jemand anderes kommt, der nichts von dem Amt versteht. Und Kirsan Ilyumzhinov musste aus Sicht des starken Mannes in der FIDE auf jeden Fall gehen, sonst wäre es mit der FIDE finanziell nicht mehr weiter gegangen. So konnten sich manche Beobachter und Kommentatoren gut vorstellen, dass Makropoulos und Dvorkovich demnächst noch zu einer Übereinkunft kommen könnten. Vielleicht ist die Kandidatur des seriösen Dvorkovich anstelle von Ilyumzhinov genau das - ein stilles Remisangebot der Russen: "Bleib doch einfach Vize, lieber Georgios, und mit Arkadij Dvorkovich bekommt die FIDE auch in Zukunft Zugang zu russischem Geld."

Vielleicht ist die Kandidatur von Dvorkovich, und das ist auch sehr gut möglich, aber auch eine völlig ernst gemeinte unabhängige Kampfkandidatur. Sein "Ticket" ist zumindest seriös. Mit GM Bachar Koatly befindet sich darin ein Kandidat für den Stellvertreterposten, der schon lang in der FIDE-Politik zuhause ist. Mit dem Peruaner Julio Granda Zuniga kommt weiterer Schach- und Sachverstand ins Team. Die frühere Weltmeisterin Zhu Chen, inzwischen in Katar verheiratet und zuhause, weist als potenzielle Schatzmeisterin zu den Geldquellen in den Golfstaaten und Mahir Mammadov aus Aserbaidschan ist Direktor beim aserischen Ölkonzern SOCAR, der bereits unzählige Schachevents finanziert hat.

Der Ausgang der FIDE-Wahlen ist diesmal völlig offen. Während man früher sicher davon ausgehen konnte, dass Ilyumzhinov sie gewinnt, wer auch immer sich gegen ihn zur Wahl stellte, ist nun nur sicher, dass der nächste Präsident nicht Kirsan Ilyumzhinov heißt. Aber es ist ja noch etwas Zeit und es kann noch viel passieren.

Nachtrag:

Inzwischen hat die FIDE offiziell die Liste der Kandidaten und ihre "Tickets" bekannt gegeben. Dort sind auch die Verbände aufgelistet, die die jeweiligen Kandidaten "nominiert" haben, später vermutlich also auch mit einer Wahl unterstützen werden. Demnach wurde Makropoulos von 64 Verbänden nominiert, darunter befindet sich auch der Deutsche Schachbund und 17 weitere europäische Verbände. Arkady Dvorkovich wurde von 13 Verbänden nominiert, darunter Russland, Aserbaischan und Frankreich. Nigel Short wurde von sechs Verbänden nominiert, darunter England und die USA.

Fide: Kandidaten für die Präsidumswahl...

 

 

 

 




André Schulz, seit 1991 bei ChessBase, ist seit 1997 der Redakteur der deutschsprachigen ChessBase Schachnachrichten-Seite.
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RevTiberius RevTiberius 05.07.2018 07:49
Leider muss ich mich den anderen Kommentaren anschliessen - ich halte es fuer ausgeschlossen, dass Short eine echte Chance hat. Ich bin kein Fan von Schwarzmalerei, aber leider ist mir voellig unklar, wie das Elend bei der FIDE ein Ende finden soll.
Clemens_Allwermann Clemens_Allwermann 05.07.2018 12:29
Der Wahlkampf wird für Nigel short - er hat kaum eine Chance, wie Kasparov das letzte Mal.
Krennwurzn Krennwurzn 05.07.2018 11:01
Meine Vorhersage: Short ohne Chance und am Ende wechselt Makropoulos ins Dvorkovich-Team. Kurz gesagt es bleibt alles beim Alten ;-)
onlinegeri onlinegeri 04.07.2018 08:32
Meine bescheidene Voraussage: Nigel Short hat keine Chance.
Großer Favorit Makro, aber man muss die weiteren Entwicklungen absehen.
Peter_Silie Peter_Silie 04.07.2018 03:40
Danke für den Artikel und die ausführlichen (Hintergrunds-) Informationen über die kommende FIDE-Wahl und ihre Kandidaten!
Krennwurzn Krennwurzn 04.07.2018 10:22
Gratulation - ein sehr guter Artikel, der die Situation gut erfasst und zusammenfasst!!
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