Hans Niemann, der Gegner von Vincent Keymer in Runde 6, genießt den Ruf, sehr an sich und seine Fähigkeiten zu glauben. Vielleicht war das mit ein Grund, warum er in der Partie gegen Keymer in einer ausgeglichenen Variante des Italieners einem Remis durch Zugwiederholung auswich und stattdessen auf Gewinn spielte. Allerdings ohne einen wirklich überzeugenden Plan. Hier der Text – die Verweise auf die Partien bitte ignorieren, die füge ich hinterher ein.
Und so verbesserte Keymer seine Stellung Schritt für Schritt, bis er schließlich einen Bauern gewann. Auf der Suche nach Gegenspiel opferte Niemann dann noch einen zweiten Bauern, aber die Niederlage konnte er damit nicht abwenden.
Es fehlte nicht viel, und Matthias Blübaum hätte ebenfalls gewonnen. Er spielte mit Weiß gegen Arjun Erigaisi, der sich in der Eröffnung für den Königsinder entschied und damit signalisierte, dass er auf Gewinn spielen wollte.
In einem taktischen Handgemenge kam Blübaum dann durch eine Reihe präziser Züge in Vorteil, aber bei der Verwertung dieses Vorteils fehlte ihm diese taktische Präzision, und er ließ Erigaisi ins Remis entschlüpfen.
Doch der vielleicht größte Glückspilz der Runde war nicht Erigaisi, sondern Nodirbek Abdusattorov. Nachdem er gegen Weltmeister Gukesh einige bange Momente überstanden hatte, stand eine ausgeglichene Stellung auf dem Brett. Doch dann geschah etwas Unglaubliches: Gukesh, der noch ausreichend Zeit auf der Uhr hatte, stellte einzügig einen ganzen Turm ein:
Hier spielte Gukesh 36...Tg5?? und gab nach 37.Dxf6+ sofort auf.
Mit diesem Sieg übernahm Abdusattorov die alleinige Tabellenführung, denn auch Javokhir Sindarov konnte eine Gewinnstellung gegen Aravindh Chithambaram nicht gewinnen.
Hier hätte Weiß einfach den Turm nehmen sollen, denn nach 41.Dg6 kann Schwarz die weiße Drohung, Dauerschach zu geben mit 41...Dc8+ 42.Kh4 Dc4+ 43.Kxh5 Dxd5+ 44.Kh4 Dg8 abwehren. Aber in der Partie spielte Schwarz mit nur noch Sekunden auf der Uhr 40...a2? und musste nach 41.Dg6 ins Remis einwilligen - Schwarz kann nicht verhindern, dass Weiß Dauerschach gibt.
Nach sechs von 13 Runden liegt Abdusattorov so mit 4,5 aus 6 allein an der Spitze. Mit einem halben Punkt Rückstand folgt Sindarov mit 4 aus 6, die Plätze drei bis fünf teilen sich Keymer, Niemann und Vladimir Fedoseev.