Bereits im Dezember 1895 wusste die russische Zeitung „Juschny Krai“ ihren Lesern zu berichten, dass im folgenden Jahr in Charkiw (russisch: Charkow) ein Wettkampf zwischen dem ersten Schachweltmeister der Schachgeschichte, Wilhelm Steinitz, und einem der besten russischen Spieler jener Zeit, Emanuel Schiffers“ stattfinden sollte.
Steinitz hatte 1894 den Wettkampf um die Weltmeisterschaft und damit seinen Titel an den deutlich jüngeren Herausforderer Emanuel Lasker zwar verloren, besaß aber das Recht auf einen Revanchewettkampf. Steinitz hatte sich dieses Recht einräumen lassen, als er Laskers Herausforderung für einen Weltmeisterschaftskampf angenommen hatte. Nach einigen Verzögerungen sollte der Revanche-Wettkampf nun im November 1896 in Moskau stattfinden.
Im Sommer des Jahres 1895 hatten sich Steinitz und Schiffers noch beim Turnier in Hastings getroffen und vermutlich hier eine Match verabredet, das Steinitz als Vorbereitung auf seinen WM-Revanchekampf gegen Lasker dienen sollte.

Stehend: Albin, Schlechter, Janowski, Marco, Blackburne, Maróczy, Schiffers, Gunsberg, Burn, Tinsley. Sitzend: Vergani, Steinitz, Chigorin, Lasker, Pillsbury, Tarrasch, Mieses, Teichmann.
Nicht auf dem Bild: von Bardeleben, Mason, Walbrodt, Pollock, Bird
Im Januar 1896 verkündete die Zeitung „Juschny Krai“ die Bedingungen für das Match zwischen Steinitz und Schiffers.
1. Der Wettbewerb findet nach dem Turnier von St. Petersburg* in Charkiw statt.
2. Herr Steinitz legt den Beginn des Wettbewerbs fest.
3. Es werden nur 12 Partien gespielt; Remis werden mit einem halben Punkt gewertet.
4. Gewinner ist, wer die Mehrheit der 12 Partien gewinnt.
9. Die gespielten Partien bleiben Eigentum der Spieler, die über sie einvernehmlich verfügen.
10. Der Gewinner erhält ein Preisgeld von 400 Rubel, der Verlierer 200 Rubel. Bei einem Remis erhält jeder Spieler 300 Rubel. Unabhängig davon erhalten die Spieler 15 Rubel für eine gewonnene Partie, 5 Rubel für eine verlorene und 10 Rubel für ein Remis.
11. Für Reise- und Aufenthaltskosten in Charkiw erhält Herr Steinitz 200 Rubel, Herr Schiffers und Herr Genrikhson (Führer und Dolmetscher für Herrn Steinitz – S.G.) jeweils 150 Rubel.
* Im Dezember 1895 fand in Sankt Petersburg ein Viermeisterturnier mit Emanuel Lasker, Wilhelm Steinitz, Harry Pillsbury und Mikhail Tschigorin statt. Gespielt wurden sechs Umgänge. Lasker gewann überlegen vor Steinitz.
Auch in dieser Meldung wurde noch Charkiw als Austragungsort genannt, doch schließlich fand der Vergleich der beiden Meister nicht dort, sondern in Rostow-am-Don statt.
Die Initiatoren des Wettkampfes waren zwei Honoratioren aus Rostow am Don, D. I. Ilowaiskji und M. M. Scherebtsow. Ihre ursprüngliche Idee bestand darin, das Schach in Südrussland wieder populärer zu machen, und in Charkiw als der größten Stadt der Region, mit einem großen Einzugsgebiet, konnte man die meisten Menschen erreichen.
Dann beschlossen aber die Stadtväter von Rostow am Don, im Jahr 1896 das Jubiläum zum 100sten Gründungstag der Stadt zu feiern. Die Stadtoberen bezogen sich dabei auf ein Dekret von Zar Pawel Petrowitsch I. vom 12. Dezember 1796 zur Neuordnung des Gouvernements Noworossijsk (später Jekaterinoslaw, dann Dnipropetrowsk), einer der Verwaltungseinheiten des Russischen Reiches. Einer der Bezirke dieses Gouvernements war der Bezirk Rostow am Don. Ein Schachwettkampf auf höchstem Niveau galt ihnen als ein passendes Ereignis im Rahmen der Jubiläumsfeier.

Die Honoratioren der Handelskammer, die ihren Sitz im Stadtgarten an der Ecke Sadovaya und Taganrogsky hatte.
Erst später einigte man sich in Rostow dann doch auf das Jahr 1749 als Gründungsjahr der Stadt, da in jenem Jahr unter Kaiserin Elisabeth I. am Don eine Zollstation errichtet wurde, aus der die Stadt hervorging.

Am Ufer des Don.

Vor der Mobilitätswende
Das ursprünglich angedachte Jubiläum war der Hauptgrund für die Verlegung des Wettkampfes von Charkiw nach Rostow am Don. Im Übrigen konnte die Stadt aber auch auf eine aktive Schachgemeinde blicken. Anfang des 19. Jahrhunderts war die „Rostower Gesellschaft der Schachfreunde“ gegründet worden und mit Boris Alexejewitsch Jankowitsch (1863–1918), der aus Charkiw nach Rostow gezogen war, gab es in der Stadt einen Spieler von Meisterstärke. Er war Teilnehmer der 1., 2. und 5. Allrussischen Meisterschaften. 1894 und 1895 hatte Jankowitsch in Rostow auch zwei Matches gegen Schiffers bestritten, aber beide verloren (+9, -6, =2 und +7, -2).
Die Rostower Stadtduma bat also die Organisatoren in Charkiw um Verlegung des Wettkampfes in ihre Stadt. Der Bitte wurde nachgekommen und auch Wilhelm Steinitz und Emanuel Schiffers hatten keine Einwände gegen den neuen Austragungsort.
Am 9. Februar 1896 meldete die Zeitung „Priasovsky Krai“:

"Die berühmten Schachspieler Wilhelm Steinitz und Emanuel Schiffers werden demnächst zu einem Turnier nach Rostow kommen. Das Turnier umfasst zwölf Partien. Der Sieger erhält ein Preisgeld von 400 Rubel, der Verlierer 200 Rubel. Zusätzlich werden für jede gewonnene Partie 20 Rubel und für jede verlorene Partie 10 Rubel gezahlt; endet die Partie remis, erhalten beide Spieler 15 Rubel. Das Turnier findet im Schachklub Rostow statt. Die Organisatoren sind die Herren Ilowaiski, Scherebtsow und Tereschtschenko.“
Die für die gesamte Organisation des Wettkampfes waren 1500 Rubel veranschlagt, die durch Spenden der drei Hauptorganisatoren zusammenkamen. Iwanowitsch Ilowaiski und Michail Michailowitsch Scherebtsow waren selber passionierte Schachfreunde.
Ausgetragen wurde der Wettkampf in den Räumen des Rostower Schachklubs, der seinen Sitz im 2. Stock des G. Melkonov-Ezekov-Hauses hatte, ein markantes großes Gebäude an der Ecke Bolshaya Sadovaya Prospekt/ Bolshoy Prospekt.

Rostow am Don
Der Bolshaya Sadovaya Prospekt war und ist eine der großen Durchfahrtsstraßen mit vielen repräsentativen Gebäuden und Geschäften.


G. Melkonov-Ezekov war ein bekannter Rostower Kaufmann. Sein Haus beherbergte in der Sowjetzeit nach der Revolution das "Radiokomitee Asow-Schwarzes Meer". 1941 wurde das Haus bei einem Brand zerstört und später so ähnlich wieder aufgebaut.
Die Kreuzung heute
Schiffers konnte eine Zeitlang gut gegen Steinitz mithalten. Nachdem der Ex-Weltmeister die ersten beiden Partien gewonnen hatte, entschied Schiffers die Partien drei und vier für sich. Steinitz gewann Partie fünf, doch dann siegte in den Partien sechs und sieben wieder Schiffers und lag nun nach etwa zwei Dritteln des Wettkampfes sogar in Führung.
In den ersten fünf Partien wurde mit 1.e4 e5 eröffnet. Steinitz setzte dann mit der Italienischen Eröffnung fort, während Schiffers die Spanische Eröffnung bevorzugte.
In der sechsten Partie überraschte Schiffers seinen Gegner mit Schwarz mit der Französischen Verteidigung und gewann. Steinitz hatte mit der Tarrasch-Variante reagiert und die Partie wirkte auch heute noch recht modern.
In der siebten Partie wechselte Schiffers von der Spanischen Eröffnung zum Vierspringerspiel und erhielt hier bald ebenfalls Gewinnvorteil.
Schiffers wiederholte in der achten Partie die Französische Verteidigung. Steinitz antwortete diesmal mit 3.Sc3 und brachte nach 3...Sf6 4.e5 Sfd7 die "moderne" Idee 5.Sce2 aufs Brett. Es folgte eine sehr interessante Partie mit wechselnden Vorteilen und ungleichem Material, in der sich Steinitz erst zum Schluss nach langem Kampf durchsetzen konnte. Steinitz glich aus, gewann dann auch mit Schwarz die neunte Partie und nach dem einzigen Remis in Partie 10 auch die elfte Partie zum Matchgewinn.
Beim Nachspielen muss der Partien muss man sich vor Augen führen, dass die Meister jener Zeit sich noch im eröffnungstheoretischen Blindflug befanden und viele Ideen selber entwickelt haben. In diesem Sinne wirken manche Konzepte etwas merkwürdig, andere hingegen ausgesprochen modern.
Nach dem Revanche-Wettkampf gegen Lasker soll Steinitz mental schwer angeschlagen gewesen sein. Hier und auch bei seinen Turnieren zuvor ist davon allerdings überhaupt nichts zu spüren.
Emanuel Schiffers: Ein deutscher Schachspieler in St. Petersburg (Teil I)...
Emanuel Schiffers: Ein deutscher Schachspieler in St. Petersburg (Teil II)...