New York 1924, Runde 5: Capablanca verliert gegen Reti!

von Johannes Fischer
09.05.2020 – José Raúl Capablanca wird gerne "Die Schachmaschine" genannt, so perfekt und makellos scheint sein Spiel zu sein. Tatsächlich hat Capablanca seit acht Jahren, seit seiner Niederlage gegen Oscar Chajes am 21. Januar 1916, keine Partie mehr verloren. Bis er jetzt, in Runde 5 des Turniers in New York, von Richard Reti (Bild) besiegt wurde. | Foto: Ernst & Cesanek (Archiv)

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New York 1924: Reti besiegt Capablanca!

1922 veröffentlichte Reti sein berühmtes Buch Die neuen Ideen im Schachspiel, in dem er die neuen Eröffnungen und die neuen strategischen Ansätze der "Hypermodernen" diskutierte und erklärte, warum er so gerne 1.Sf3 spielt. Das Buch stieß allerdings auf ein geteiltes Echo.

Grünfeld nannte die Eröffnung 1. Sf3 eine "fürchterliche Waffe", Teichmann hielt den Zug für eine "Eröffnung des Stumpfsinns". Nimzowitsch sah darin eine "Zukunftseröffnung", aber für Tarrasch war 1.Sf3 die "Einleitung zu einem tiefsinnigen, aber auch nach meiner Meinung ganz verfehlten System".

Doch trotz aller Kritik seiner Kollegen Reti blieb seinen Überzeugungen treu und griff auch gegen Capablanca zu 1.Sf3. Mit Erfolg. Zwar konnte Capablanca in der Eröffnung ohne große Probleme ausgleichen, aber im Mittelspiel verlor der Weltmeister den Faden und Reti kam zu einem überzeugenden Sieg.

 

Retis Formular dieser sensationellen Partie

Die Niederlage Capablancas nach acht Jahren ohne Verlustpartie ist eine Sensation und als Capablanca aufgab, schienen es Zuschauer und Mitspieler zunächst nicht glauben zu können, dass der Weltmeister tatsächlich verloren hat. Doch in der Tat scheint Capablanca in New York wirklich nicht in Form zu sein. Aus den ersten fünf Partien holte er gerade einmal zwei Punkte (vier Remis und eine Niederlage) und liegt damit noch unter der 50%-Marke, ein für den Weltmeister ungewöhnlich schlechter Start ins Turnier.

Gut in Form scheint hingegen Efim Bogoljubow zu sein. Nach seinem Sieg gegen Reti in Runde 4 gewann er in Runde 5 gegen den allzu ungestüm angreifenden Geza Maroczy.

 

Mit diesem Sieg schloss Bogoljubow zu Tartakower auf, mit dem er jetzt nach fünf Runden mit je 3½/5 gemeinsam in Führung liegt.

Der dritte Sieg der Runde ging an Dawid Janowsky, der mit Schwarz gegen Edward Lasker gewann, dafür aber, wie Aljechin meinte, "zwei Wunder" und die kräftige Mithilfe seines Gegners brauchte.

 

Mit seinem 45. Zug hatte Edward Lasker die zweite Zeitkontrolle geschafft und hätte die Partie hier leicht zu seinen Gunsten entscheiden können. Weiß kann mit 46.fxe5 den Läufer auf e5 nehmen, aber noch einfacher ist 46.De7+ und nach dem Damentausch entscheidet der weiße f-Bauern.

Doch Lasker, der die ganze Partie über besser gestanden hatte, hatte vermutlich vergessen, dass Schwarz auch eine Drohung hat. Er spielte 46.Dg6?? und wurde von 46...Lxf4 bitter überrascht, denn mit diesem Läuferopfer kommt Schwarz zu vernichtendem Angriff und tatsächlich wurde Weiß nach 47.Txf4 Db2+ 48.Ke3 Dxb3+ 49.Kf2 Dc2+ 50.Kg3 Tg1+ 51.Kh3 Th1+ 52.Kg3 Tg1+ 53.Kh3 Txg6 54.fxg6 Dxg6 55.Kh4 Kb7 56.Kh3 De8 57.Kh4 Kc6 58.Tg4 De2 59.Kg3 Dd3+ 60.Kh4 Dc2 61.Se7+ Kd7 62.Sd5 Dh2# Matt gesetzt.

Eine bittere Niederlage. "Wäre ich ein paar Jahre jünger, würde ich mich wahrscheinlich vergiften", meinte Edward Lasker am Abend nach der Partie.

Emanuel Lasker und Savielly Tartakower trennten sich nach 26 Zügen in einer Partie ohne große Aufregungen remis, und auch Frank Marshall und Frederick Yates teilten den Punkt. In dieser Partie wäre allerdings für Yates mehr möglich gewesen, denn schon bald nach der Eröffnung konnte der Engländer einen Bauern gewinnen, für den Marshall nicht den Hauch von Kompensation hatte. Doch im weiteren Verlauf der Partie spielte Yates zu zahm und gab seinen Vorteil schließlich wieder aus der Hand.

 

Ergebnisse der 5. Runde

R. Reti 1-0 J.R. Capablanca
Ed. Lasker 0-1 D. Janowsky
G. Maroczy 0-1 E. Bogoljubow
F. Marshall ½-½ F. Yates
Em. Lasker ½-½ S. Tartakower

Spielfrei: Alexander Aljechin

Stand nach fünf Runden

Rg. Name 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 Pkt.
1 Efim Bogoljubow   0         1   1 ½ 1 3.5
2 Savielly Tartakower 1   ½         1 ½   ½ 3.5
3 Emanuel Lasker   ½   1 1 ½           3.0
4 Alexander Alekhine     0     ½   1     1 2.5
5 Dawid Markelowicz Janowski     0     ½   ½   1   2.0
6 Jose Raul Capablanca     ½ ½ ½   0     ½   2.0
7 Richard Reti 0         1     ½   ½ 2.0
8 Frederick Dewhurst Yates   0   0 ½       ½ 1   2.0
9 Frank James Marshall 0 ½         ½ ½       1.5
10 Edward Lasker ½       0 ½   0     ½ 1.5
11 Geza Maroczy 0 ½   0     ½     ½   1.5

Partien

 

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Johannes Fischer, Jahrgang 1963, ist FIDE-Meister und hat in Frankfurt am Main Literaturwissenschaft studiert. Er lebt und arbeitet in Nürnberg als Übersetzer, Redakteur und Autor. Er schreibt regelmäßig für KARL und veröffentlicht auf seinem eigenen Blog Schöner Schein "Notizen über Film, Literatur und Schach".