01.11.2022 – Es scheint, als wären wir bei dem stärksten aller Schachsternzeichen angekommen. Nicht weniger als drei Weltmeister sind Skorpion - Mikhail Tal, Alexander Aljechin, und Raul Capablanca -, und es gibt noch etliche weitere Topspieler, die sich dazu gesellen - Ding Liren, Alexander Grischuk, Vincent Keymer, Lev Polugaevsky, Salo Flohr und Ernst Grünfeld - um nur ein paar zu nennen. Aber warum sind Skorpione so brutal stark? | Foto: Pixabay
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Der Skorpion und seine Strategie
Zwei Zeichen gibt es im Zodiak, die dem Kriegsgott Mars unterstehen, das sind der Widder und der Skorpion. Der tiefere Unterschied dieser beiden Krieger liegt darin, dass der Widder mit Wonne angreift. Er benötigt keinen besonderen Anlass, er rauft halt gern und jederzeit, ob körperlich, durch verbale Schlagfertigkeit oder wie immer. Der Skorpion hingegen agiert nicht, er re-agiert lieber. Das kleine Tropentier piekt nicht einfach aus Vergnügen oder Bosheit. Es muss sich bedroht fühlen – dann hebt es den Giftstachel …
Alexander Grischuk ist mit Ding Liren ein weiterer Skorpion, der die magische 2800 Rating Wand durchbrechen konnte. | Foto: David Llada
Da gegenüber sitzt unser Schachgegner, zwischen dem 23. Oktober und dem 24. November geboren, (Vielleicht hat er auch nur einen Skorpion-Aszendent, Mars im Skorpion oder einige wichtige Planeten im achten Haus, das diesem Zeichen entspricht.) übrigens spielt er Schwarz. Er wartet scheinbar gelassen auf den ersten Zug.
Weiß zieht also in aller Harmlosigkeit: 1.e2-e4 (oder irgendeine andere Eröffnung, völlig egal) – blickt auf und erkennt in den Augen des Gegners: Mord. Im Hintergrund, wenn er aufmerksam lauscht, hört er die Todesmelodie der Mexikaner, El Dequello, mit der sie den Eingeschlossenen von Fort Alamo signalisierten: Keine Gnade!
„So. Aha. 1. e4. Ich hab schon verstanden. DAS tust du mir also an?!!“, sagen die gefährlichen Augen. „Nun, du hast es nicht anders gewollt. Du wirst schon sehen, was du davon hast …“
Ob sie im Linares International, im Tata-Steel-Turnier oder in karierten Pantoffeln in der häuslichen Wohnküche vor dem Brett sitzt: Für eine Skorpion-Persönlichkeit ist Schach (so wie das Leben an sich) kein Spiel, sondern blutiger Ernst. Es geht um Sieg oder Niederlage, Leben oder Tod. Dazwischen gibt es nichts. Ein echter Skorpion macht keine Gefangenen. Er ist angetreten, den Gegner zu zerbröseln.
Als Erstes also bedroht er ihn mit der Magie seiner Augen.
Weltmeister Mikhail Tal schaute während des Spielens auch häufiger seinem Gegner direkt in dessen Augen. | Foto: Dutch National Archive
Ein Paradebeispiel für den Schachspieler als Skorpion (oder den Skorpion als Schachspieler) war Michail Tal, * 9. November, von 1960 bis 1961 Schachweltmeister. Es hieß von ihm, er besitze einen ‚Hypnotischen Blick‘, mit dem er seine Gegner völlig aus der Fassung brachte. Tal studierte mit den riesigen dunklen Augen eindringlich sein Gegenüber, bis demjenigen schwindelig wurde. Der amerikanische Großmeister Pál Benkő (ein besonders sensibler Krebs-Geborener) verlor im Kandidatenturnier 1959 in Jugoslawien die drei ersten Partien gegen Michail Tal – weil, wie er erklärte, dieser Blick ihn fertig machte - und trat für die vierte Runde schließlich mit einer sehr dunklen Sonnenbrille an, um sich dagegen abzuschützen. Genützt hat das immer noch nichts; Nachdem Benkö ein angebotenes Remis ablehnte, endete alles in Ewigem Schach, was Tal so kommentierte: : „Wenn ich gegen Benkő gewinnen will, gewinne ich; wenn ich gegen ihn remisieren will, remisiere ich …“
Nachdem man in der Lage war, Partien mit Computern zu zergliedern, fand sich, dass etliche von Tals Spielen eigentlich verloren gewesen wären, was niemand bemerkte, weil er seine Gegner einfach überrannte. Er attackierte eindrucksvoll und opferte eigene Figuren, dass das Blut nur so spritzte – Psychologische Kriegsführung.
Schwarz ist die Farbe des Skorpions. Einmal aus astrologischer Sicht – jedoch auch, wenn man es aus der Schach-Perspektive betrachtet. Sicher, Skorpion-Spieler sind auch gefürchtet wegen ihrer mörderischen Angriffe. Und doch, von ihrem Naturell her sind sie weniger Angriffs- als Verteidigungsspieler (siehe Giftstachel), vor allem jedoch gefährlich tiefsinnig.
Der Österreichische Großmeister Ernst Grünfeld beispielsweise, *21. November, (durchbohrende Augen hinter runden Brillengläsern), suchte 1921 nach verschiedenen Niederlagen eine erfolgversprechende schwarzen Spielweise gegen das Damengambit und erfand die ‚Grünfeld-Indische Verteidigung‘, welche in die Turnierpraxis einging.
Der Eröffnungsspezialist Ernst Grünfeld konnte sich mit Schwarz gut verteidigen. | Foto: Ernst Grünfeld in Beverwijk 1961, Dutch National Archive.
Sein Landsmann, Schachmeister und Journalist Hans Müller, beschrieb in einem Artikel im Wiener Journal 1924 sehr hübsch, wie zwei seiner Zeitgenossen, nämlich Grünfeld und Alexander Aljechin, *31. Oktober, Weltmeister 1927–1935 und 1937–1946, (dämonischer Blick aus stechenden wasserblauen Augen) also beide Skorpion, ihre Gegner zu massakrieren pflegten:
Alexander Aljechin wurde am 1. November 1892, oder 31. Oktober geboren. In jedem Fall war er ein waschechter Skorpion und blieb bis zu seinem Tod (1946) Weltmeister. | Foto: Public Domain via Wikimedia Commons
„Bevorzugt Aljechin den Sturm in offener Feldschlacht, so sucht Grünfeld mit Hilfe der nicht minder wirksamen Methode der Unterminierung seinem Gegner näherzutreten, um ihn schließlich durch Sperrung der Luftzufuhr sachgemäß zu erdrosseln.“
José Raúl Capablanca galt lange als unbesiegbar, doch im Weltmeisterschaftskampf 1927 gegen Aljechin verlor er sechs Partien und seinen Titel. | Foto: Public Domain via Wikimedia Commons
Schaut man sich die Statistik und die Schachgeschichte an, dann ist es eine niederschmetternde Tatsache, dass kaum ein anderes Sternzeichen derart erfolgreich das Brett verteidigt oder verteidigt hat wie der Skorpion, angefangen bei Legenden wie dem Kubaner José Capablanca, * 19. November, Weltmeister 1921 – 27, der seine gefährlichen Augen nicht nur auf den Gegner richtete, sondern ab und zu auch auf die schöne Zuschauerin – er wurde gern nach Turnieren von den Damen mit Pralinen gefüttert – bis zum atemberbaubenden Nachwuchsstar Ding Liren, *24. Oktober (geheimnisvoller Blick aus schwarzen Mangelaugen).
Der Weltmeisterschaftskandidat wird sich bald gegen Ian Nepomniachtchi behaupten müssen. Wahrscheinlich aber erst im Jahre 2023. | Foto: Amruta Mokal
Mit welcher Taktik könnte es gelingen, einen Skorpion im Schach zu besiegen? Man müsste selber einer sein …
Ein ChessBase-Leser hat völlig zu Recht angefragt, wieso in dem Text über die Schachtaktik der Skorpione eigentlich Aron Nimzowitsch, *7. November, fehlt. Dabei ist er besonders typisch, ein leidenschaftlicher Verteidiger – die ‚Unsterbliche Zugzwangpartie‘ spielte er schwarz, und er verfügte natürlich ebenfalls über diesen durchbohrenden, einschüchternden Blick …
Dagmar SeifertDagmar Seifert ist eine norddeutsche Journalistin, Autorin und Astrologin. Sie liebt Schach, ist jedoch
keineswegs eine übertrieben gute Spielerin. Immerhin war sie diejenige, die es ChessBase-Mitarbeiter Arne Kähler beigebracht hat – als er sechs Jahre alt war …
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