In einigen Sportarten, beispielsweise im Tennis, sind nur zwei Ergebnisse möglich. Unentschieden gibt es nicht. Das heißt, man kann auch verlieren, wenn der Punktestand insgesamt gesehen ausgeglichen war. Im Schach sind hingegen drei Ergebnisse möglich: Sieg, Remis und Niederlage.
In ausgeglichenen Stellungen ist die Remisbreite oft recht hoch. Eine kleine Ungenauigkeit ändert nichts am Ergebnis. Aber in Stellungen, in denen eine Seite deutlich besser steht, ist die Grenze zwischen Sieg und Remis deutlich schmaler. Eine kleine Ungenauigkeit genügt, und schon ist ein halber Punkt verloren.
In ausgeglichenen Stellungen können Sie sich daher etwas entspannen. Aber in fast gewonnenen oder fast verlorenen Stellung sollte man nie nachlassen und weiter mit aller Kraft kämpfen!
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In schlechten Stellungen zu kämpfen, ist ein Kennzeichen eines starken Spielers. Wenn Sie die Lust verlieren, verlieren Sie auch die Partie. Ein Beispiel:
Artemiev-Mamedyarov, Novi Sad 2016, Weiß am Zug:
Schwarz hat einen klaren Plan: Er will seine Zentrumsbauern nach vorne marschieren lassen. Außerdem ist der weiße Läufer auf h4 fast gefangen und die weißen Bauern am Damenflügel sind schwach. Angesichts dieser Probleme verlor der junge russische GM die Hoffnung und bald auch die Partie.
In der Partie geschah 21.Te1?! f5 22.Db1 d3 23.Sd2 Tc2 und Schwarz hatte die Stellung vollständig unter Kontrolle.
Aber in der Diagrammstellung konnte Weiß noch kämpfen. Die wichtigste Frage, die Sie sich immer stellen sollten, lautet: Wo kann ich Gegenspiel bekommen?
Hier ist ein möglicher Gedankengang: Da Weiß eine Figur mehr hat, sollte er angreifen. Und das naheliegendste Angriffsziel ist der schwarze König. Allerdings wird der König sicher vom Turm geschützt. Deshalb sollten wir versuchen, ihn zu tauschen.
Die beste praktische Chance ist also: 21. Te2! f5 22. Tc2! Jetzt hat Schwarz zum ersten Mal die Möglichkeit, einen Fehler zu machen. Nach dem naheliegenden 22...Txc2?! 23.Dxc2 dringt die weiße Dame in das schwarze Lager ein und sorgt für genügend Gegenspiel. Zum Beispiel: 22...e4 24.Sd2 d3 25.Dc8+ Kh7 26.Lg3 mit ausgeglichener Stellung. Deshalb sollte Schwarz 22...Te8! spielen. Nachdem Weiß jedoch die c-Linie erobert hat, sind seine Aussichten deutlich besser als in der Partie. Er kann zwischen 23.Tc4, 23.Tc7 oder 23.Dc4 wählen – in allen Fällen hat er noch gewisse Überlebenschancen.
Hier die vollständige Partie:
Die nächste Stellung zeigt die Folgen einer Eröffnungskatastrophe in einer Partie von Magnus Carlsen, der im Nimzo-Inder eine Variante verwechselt hatte:
Morozevich-Carlsen, Tal Memorial 2012, Schwarz am Zug:
Schwarz ist völlig eingeengt, und jeder Widerstand scheint aussichtslos. Das Einfachste wäre jetzt, innerlich aufzugeben und nach ein paar Zügen den Punkt abzugeben.
Aber so wird man nicht die Nummer 1 der Welt. Darum stellte sich Carlsen die Frage: Wo kann ich Gegenspiel finden? So klein die Chancen auch sein mögen – ein wenig Gegenspiel ist nötig.
Also richtete der zukünftige Weltmeister seine Aufmerksamkeit auf den Königsflügel.
29…h5!
Wenn sich die g-Linie öffnet, kann der Bauer auf g2 anfällig werden. In der Partie folgte:
30.Kb4 h4 31.Te8?! (das hilft Schwarz ein wenig) Txe8 32.Lxe8 Le6 33.Lb5
Es sieht so aus, als laufe alles gut für Morozevich. Wenn Schwarz den Bauern auf b7 deckt, kann der weiße König über c5 eindringen. Doch Carlsen hatte nicht die Absicht, den Bauern zu decken!
33...d4!
Ein weiterer äußerst unangenehmer Zug. Jetzt muss Weiß lange Varianten berechnen und kann leicht einen Fehler machen. In der Partie geschah:
34.gxh4 gxh4 35.exd4 (nach 35.Txb7 Tg8! hat Schwarz sehr reale Gegenschancen) Ld5 36.f3 Tg8
Das Schlimmste ist überstanden. Carlsens Figuren sind nun sehr aktiv, und diese Aktivität reicht aus, um die Partie zu halten.
Hier die vollständige Partie:
Warum ist aktives, energisches Spiel so wirkungsvoll, wenn man eine schlechte Stellung verteidigt? Dafür gibt es zwei Gründe. Erstens führt aktives Spiel oft zu taktischen Verwicklungen. Und in solchen Stellungen machen die meisten Spieler Fehler. Deshalb hat man in einer taktisch geprägten Stellung bessere praktische Chancen.
Zweitens setzt man durch aktives Spiel den Gegner psychologisch unter Druck. Er wird sich wahrscheinlich ärgern, dass er so hart arbeiten muss, um den vollen Punkt zu holen. Außerdem kann es sein, dass er Schwierigkeiten hat, sich schnell an den veränderten Charakter der Partie anzupassen.
Der psychologische Vorteil, den man bekommt, wenn man sich aktiv verteidigt, rechtfertigt manchmal sogar objektiv schlechte oder riskante Entscheidungen. Schauen Sie sich das folgende Diagramm an. Was würden Sie spielen?
Kramnik – Harikrishna, Gashimov Memorial 2017, Weiß am Zug:
Obwohl alle weißen Figuren zentral stehen, hat Schwarz die Oberhand. Sein Springer auf e4 ist fantastisch und der Vorstoß …f7–f5–f4 steht kurz bevor. Stockfish schlägt vor, dass Weiß vorsichtig mit 24.h3 f5 25.Lh2 spielen sollte. Aber ehrlich gesagt – wie soll eine so zurückhaltende Vorgehensweise Schwarz zu Fehlern zwingen oder ihn überhaupt vor Probleme stellen?
Stattdessen spielte Kramnik mutig 24.Td5! f5 25.Txe5!. Durch das Opfer des ganzen Turms hat Weiß den Verlauf der Partie völlig verändert. Jetzt wird der Jäger zum Gejagten! In der Partie folgte:
25…dxe5 26.Lxe5+ Sf6 27.Dxb5 Sce4 28.Ld4 Tfd8
Die objektive Bewertung der Stellung spricht weiterhin für Schwarz. Mein Stockfish zeigt –1,2 an, und ein emotionsloser Computer würde diese Stellung gegen Kramnik sicher gewinnen.
Doch Harikrishna ist – trotz seiner Klasse als Großmeister – immer noch ein Mensch. Und Menschen machen Fehler, besonders unter Druck. Kramnik spielte den ruhigen Zug 29.h3!? und zeigte damit, dass seine Kompensation langfristiger Natur ist. Im weiteren Verlauf gelang es Schwarz nicht, die weißen Freibauern am Damenflügel zu stoppen, und er gab dreizehn Züge später auf.
Hier die vollständige Partie:
Wie lässt sich dieser Artikel also zusammenfassen? Ganz einfach: Geben Sie niemals auf! Kämpfen Sie wie ein Löwe (und arbeiten Sie hart!) bis zum allerletzten Zug – und Sie werden bald feststellen, dass Sie mehr Punkte holen als früher.
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