Zwischen Mensch und Maschine: Blübaum über KI am Big Techday 26

von Stefan Liebig
09.06.2026 – Beim Big Techday 26 von TNG Technology Consulting stand nicht nur Technologie im Fokus – sondern auch ihre Auswirkungen auf das königliche Spiel. Im Zentrum: ein Vortrag von Matthias Blübaum, der die Entwicklung von Schach-Engines von Deep Blue bis AlphaZero einordnet und die entscheidende Frage stellt: Hat künstliche Intelligenz das Schachspiel der Menschen bereits grundlegend verändert? | Fotos: Veranstalter

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Der Big Techday 26, organisiert von TNG Technology Consulting in Unterföhring bei München, brachte Experten aus IT, Wissenschaft und Praxis zusammen. Zwischen Softwarearchitektur, KI-Entwicklung und digitalen Trends fand auch das Schach seinen Platz – und zwar in Form eines praxisnahen Vortrags von Matthias Blübaum. Der zweifache Europameister und Kandidatenturnierteilnehmer richtete den Blick auf eine Entwicklung, die das Spiel seit Jahrzehnten prägt: den Einfluss immer stärker werdender Computerprogramme.

DIE SCHACH-HORIZONT-ERWEITERUNG
In ChessBase gibt es immer wieder Ansätze, die typischen Pläne einer Eröffnungsvariante zu zeigen. Zwar ist Schach im Zeitalter der Engines viel konkreter als früher gedacht. Doch gerade Amateure lieben Eröffnungen mit klaren Plänen, siehe Londoner System. In ChessBase ’26 beschäftigen sich gleich drei Funktionen mit der Darstellung von Plänen. Im neuen Eröffnungsreport wird für jede wichtige Variante untersucht, welche Figurenzüge oder Bauernvorstöße darin wichtig sind. In der Referenzsuche sieht man jetzt auf dem Brett, wo die Figuren üblicherweise hingehen. Und startet man die neue Monte-Carlo-Analyse, zeigt auch hier das Brett die häufigsten Figurenpfade.

Geschichtliche Einordnung

Blübaum spannte dabei einen Bogen von der historischen Zäsur im Jahr 1997, als Garry Kasparov gegen Deep Blue unterlag, bis zur nächsten Revolution durch AlphaZero rund 20 Jahre später. Während klassische Engines lange auf brute-force-Berechnungen setzten, habe der Einsatz neuronaler Netzwerke die Bewertungslogik grundlegend verändert. Moderne Programme „verstehen“ Stellungen heute auf eine Weise, die für viele Spieler intuitiver wirkt – und gleichzeitig neue Fragen aufwirft.

Im Zentrum seines Vortrags stand die Wechselwirkung zwischen Mensch und Maschine. Blübaum verwies darauf, dass KI das Schach nicht nur objektiv stärker gemacht, sondern auch stilistisch beeinflusst habe. Topspieler orientieren sich zunehmend an engine-inspirierten Konzepten: langfristige Kompensation, dynamisches Ungleichgewicht und die Bereitschaft, materielle Nachteile zugunsten von Initiative einzugehen. Besonders AlphaZero habe gezeigt, dass scheinbar „unlogische“ Züge oft tiefere strategische Ideen enthalten.

Interessant, wie Matthias Blübaum Laien die unterschiedlichen Herangehensweisen von Mensch und Computer an einem Matt in 44 erklärt. Tatsächlich sieht er den Menschen in diesem Beispiel im Vorteil. | Screenshot Vortrag

Gleichzeitig warnte Blübaum vor einer einseitigen Abhängigkeit. Die Gefahr bestehe darin, dass Spieler Varianten nur noch reproduzieren, statt sie wirklich zu verstehen. Gerade im Training sei es entscheidend, KI nicht als Orakel zu nutzen, sondern als Analysewerkzeug, das hinterfragt werden müsse. Für ambitionierte Spieler bedeute das: weniger blindes Vertrauen, mehr kritische Auseinandersetzung.

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Auch eine Prognose wagte der Großmeister. Die Entwicklung werde sich weiter beschleunigen, insbesondere durch immer leistungsfähigere neuronale Netze. Dennoch sieht Blübaum keine „Lösung“ des Schachs. Stattdessen erwartet er eine noch stärkere Verschiebung hin zu komplexen, dynamischen Stellungen – und damit zu einem Spiel, das für Menschen gleichzeitig reicher und anspruchsvoller wird.

Auch beim Simultan beeindruckte der deutsche Nationalspieler. | Foto: Veranstalter

Dass diese Einschätzungen ausgerechnet von einem aktiven Weltklassespieler kommen, verleiht dem Vortrag besonderes Gewicht. Blübaum, der 2022 und 2025 Europameister wurde und sich über den zweiten Platz beim FIDE Grand Swiss 2025 für das Kandidatenturnier qualifizierte, kennt die Praxis auf höchstem Niveau. Seine Perspektive verbindet Theorie, Engine-Analyse und Turniererfahrung – und macht deutlich: Die Zukunft des Schachs entsteht im Spannungsfeld zwischen menschlicher Kreativität und maschineller Präzision.

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Stefan Liebig, geboren 1974, ist Journalist und Mitinhaber einer Marketingagentur. Er lebt heute in Barterode bei Göttingen. Im Alter von fünf Jahren machten ihn seltsame Figuren im Regal der Nachbarn neugierig. Seitdem hat ihn das Schachspiel fest in seinen Bann gezogen. Höhenflüge in die NRW-Jugendliga mit seinem Heimatverein SV Bad Laasphe und einige Einsätze in der Zweitligamannschaft von Tempo Göttingen waren Highlights für den ehemaligen Jugendsüdwestfalenmeister.
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