Die erste offizielle Schacholympiade fand 1927 in London statt. 16 Mannschaften nahmen teil, Ungarn gewann vor Dänemark und Großbritannien, Deutschland landete auf Platz sechs. Drei Jahre später holte Deutschland bei der Olympiade in Hamburg mit einem dritten Platz die erste Medaille – Bronze.
Neun Jahre später gewann Deutschland die erste und bis heute einzige Goldmedaille in fast 100 Jahren Schacholympiade, allerdings bei einem Turnier, das vom Beginn des Zweiten Weltkriegs überschattet wurde. Die Olympiade fing am 24. August 1939 in Buenos Aires an, doch am 1. September überfiel Deutschland Polen und der Zweite Weltkrieg begann. Die Schacholympiade wurde dennoch fortgesetzt und endete am 19. September.
Allerdings hatten die Ereignisse in Europa Auswirkungen auf die Olympiade in Südamerika. England zog seine Mannschaft vor Beginn der Finalrunde zurück. Deutschland und Polen sowie Deutschland und Frankreich traten nicht gegeneinander an und auch weitere Begegnungen fanden aus politischen Gründen nicht statt. Insgesamt wurden sechs Mannschaftskämpfe kampflos mit 2:2 gewertet. Am Ende gewann Deutschland mit einem halben Punkt Vorsprung vor Polen die Goldmedaille.
Nach dem Zweiten Weltkrieg und der deutschen Teilung in Ost und West hatten zwei deutsche Mannschaften bei Schacholympiaden Medaillenchancen. Im offenen Wettbewerb gewann die Bundesrepublik zweimal Bronze, die DDR blieb jedoch ohne Mannschaftsmedaille. Nach der Wiedervereinigung dauerte es dann bis zum neuen Jahrtausend, bis Deutschland wieder auf dem Podium stand: 2000 holte die deutsche Mannschaft in Istanbul Silber, die bislang letzte deutsche Mannschaftsmedaille bei einer Schacholympiade.
|
Jahr |
Ort |
Mannschaft |
Medaille |
|---|---|---|---|
|
1930 |
Hamburg |
Deutschland |
Bronze |
|
1939 |
Buenos Aires |
Deutschland |
Gold |
|
1950 |
Dubrovnik |
BRD |
Bronze |
|
1964 |
Tel Aviv |
BRD |
Bronze |
|
2000 |
Istanbul |
Deutschland |
Silber |
Deutschlands Bronzemedaille bei der inoffiziellen Schacholympiade 1936 in München wurde in dieser Auflistung nicht berücksichtigt.
Zu den fünf Mannschaftsmedaillen kommen allerdings noch 28 Einzelmedaillen. Hier eine Übersicht der deutschen Medaillengewinner im offenen Turnier bei offiziellen Schacholympiaden:
|
Jahr |
Ort |
Spieler |
Team |
Brett/Wertung |
Medaille |
Ergebnis |
|---|---|---|---|---|---|---|
|
1931 |
Prag |
Efim Bogoljubow |
Deutschland |
Brett 1 |
Silber |
12,5/17 |
|
1931 |
Prag |
Kurt Richter |
Deutschland |
Brett 4 |
Bronze |
10,5/15 |
|
1939 |
Buenos Aires |
Ludwig Engels |
Deutschland |
Brett 3 |
Gold |
9,5/11 |
|
1950 |
Dubrovnik |
Wolfgang Unzicker |
BRD |
Brett 1 |
Gold |
11/14 |
|
1950 |
Dubrovnik |
Lothar Schmid |
BRD |
Brett 2 |
Silber |
9/12 |
|
1950 |
Dubrovnik |
Gerhard Pfeiffer |
BRD |
Brett 3 |
Bronze |
7/11 |
|
1950 |
Dubrovnik |
Hans-Hilmar Staudte |
BRD |
1. Reserve |
Bronze |
7,5/12 |
|
1952 |
Helsinki |
Lothar Schmid |
BRD |
Brett 2 |
Silber |
9/12 |
|
1952 |
Helsinki |
Wilfried Lange |
BRD |
1. Reserve |
Bronze |
5/10 |
|
1952 |
Helsinki |
Ludwig Rellstab |
BRD |
2. Reserve |
Gold |
6,5/9 |
|
1964 |
Tel Aviv |
Wolfgang Uhlmann |
DDR |
Brett 1 |
Gold |
15/18 |
|
1964 |
Tel Aviv |
Helmut Pfleger |
BRD |
Brett 4 |
Gold |
12,5/15 |
|
1964 |
Tel Aviv |
Günther Möhring |
DDR |
2. Reserve |
Gold |
11/13 |
|
1966 |
Havanna |
Wolfgang Uhlmann |
DDR |
Brett 1 |
Bronze |
13/18 |
|
1968 |
Lugano |
Lothar Schmid |
BRD |
Brett 2 |
Silber |
9/12 |
|
1968 |
Lugano |
Heinz Liebert |
DDR |
1. Reserve |
Bronze |
9/12 |
|
1970 |
Siegen |
Lothar Schmid |
BRD |
Brett 2 |
Silber |
9/12 |
|
1972 |
Skopje |
Robert Hübner |
BRD |
Brett 1 |
Gold |
15/18 |
|
1972 |
Skopje |
Jürgen Dueball |
BRD |
2. Reserve |
Bronze |
9/13 |
|
1974 |
Nizza |
Helmut Pfleger |
BRD |
Brett 3 |
Bronze |
6,5/9 |
|
1990 |
Novi Sad |
Robert Hübner |
BRD |
Brett 1 |
Gold |
7/10 |
|
1990 |
Novi Sad |
Eric Lobron |
BRD |
Brett 3 |
Bronze |
9/12 |
|
2000 |
Istanbul |
Rustem Dautov |
Deutschland |
beste Performance |
Bronze |
2788 |
|
2000 |
Istanbul |
Rustem Dautov |
Deutschland |
Brett 3 |
Bronze |
8,5/11 |
|
2008 |
Dresden |
Daniel Fridman |
Deutschland |
Brett 4 |
Bronze |
7/10 |
|
2012 |
Istanbul |
Daniel Fridman |
Deutschland |
Brett 4 |
Bronze |
7/10 |
|
2018 |
Batumi |
Daniel Fridman |
Deutschland |
Brett 4 |
Gold |
7,5/9 |
|
2024 |
Budapest |
Frederik Svane |
Deutschland |
Reserve |
Gold |
8/9 |
Quelle: Deutscher Schachbund
Schaut man sich diese Tabelle an, so fallen ein paar Spieler durch besondere Leistungen auf: Lothar Schmid gewann vier Einzelmedaillen, mehr als jeder andere deutsche Spieler, Daniel Fridman drei. Robert Hübner holte zweimal Gold am ersten Brett, 1972 und 1990.
Einen besonderen Platz in der Statistik nimmt Rustem Dautov ein, der 2000 in Istanbul bei ein und derselben Olympiade gleich zwei Einzelmedaillen gewann. Mit 8,5 Punkten aus 11 Partien und 77,3 Prozent belegte er Platz drei in der Wertung am dritten Brett und gewann Bronze. Damals wurde jedoch zusätzlich eine zweite Einzelwertung für die beste Ratingperformance des gesamten Turniers geführt. Dautov kam auf eine Performance von 2788, die drittbeste aller Teilnehmer hinter Alexander Morozevich und Veselin Topalov, und erhielt dafür eine zweite Bronzemedaille.
Seit der Schacholympiade 2008 in Dresden werden die Brettmedaillen allerdings nicht mehr nach dem prozentualen Ergebnis, sondern nach der Ratingperformance vergeben. Eine zusätzliche Medaillenwertung für die beste Performance des gesamten Turniers gibt es seitdem nicht mehr. So gewann Daniel Fridman 2008 in Dresden mit einer Performance von 2741 Bronze am vierten Brett, 2012 in Istanbul erneut Bronze und 2018 in Batumi mit einer Performance von 2814 Gold.
Bei der Olympiade 2024 in Budapest erzielte Frederik Svane am Reservebrett 8 Punkte aus 9 Partien und gewann mit einer Performance von 2809 Gold.

Frederik Svane im ChessBase-Interview 2025
Doch in der deutschen Olympiageschichte ragen drei Spieler durch ihre Ergebnisse und ihre Konstanz besonders heraus: Wolfgang Unzicker, Dr. Robert Hübner und Wolfgang Uhlmann.
Wolfgang Unzicker (26. Juni 1925 – 20. April 2006): Zuverlässig und stark

Wolfgang Unzicker beim Turnier in Bamberg 1968 | Foto: Roger Rössing, Deutsche Fotothek.
Wolfgang Unzicker, lange Jahre Westdeutschlands Nummer 1, war auch einer der erfolgreichsten Olympiaspieler Deutschlands. Zwischen 1950 und 1982 nahm er an 13 Schacholympiaden teil, häufiger als jeder andere deutsche Spieler. Dabei spielte er 206 Partien, die meisten davon am Spitzenbrett, und holte insgesamt 124 Punkte. Mit 69 Siegen, 110 Remis und 27 Niederlagen kommt er auf eine Erfolgsquote von 60,2 Prozent.
Schon Unzickers Olympiadebüt 1950 in Dubrovnik, bei der ersten Olympiade nach dem Zweiten Weltkrieg, verlief erfolgreich: Er holte mit 11 Punkten aus 14 Partien Gold für die beste Leistung am Spitzenbrett. Deutschland landete in Dubrovnik auf Platz drei und gewann Bronze, ein Kunststück, das die deutsche Mannschaft 14 Jahre später in Tel Aviv wiederholen konnte – und auch hier saß Unzicker am Spitzenbrett.
Von allen deutschen Spielern, die je an Olympiaden teilgenommen haben, hat Unzicker die meisten Einsätze, die meisten Partien und die meisten Punkte vorzuweisen. Eine bessere Erfolgsquote hat allerdings ein anderer Spieler.
Dr. Robert Hübner (6. November 1948 – 4. Januar 2025): Der prozentual erfolgreichste Spieler

Dr. Robert Hübner 1971 | Foto: Bert Verhoeff, Anefo
Dr. Robert Hübner hat nicht ganz so viele Olympiapartien gespielt wie Unzicker, aber bei seinen elf Olympiaden erzielte er 80,5 Punkte aus 122 Partien und kommt so auf eine Erfolgsquote von rund 66 Prozent – und wie Unzicker spielte Hübner die Mehrzahl seiner Partien am Spitzenbrett.
Außerdem gewann Hübner drei Olympiamedaillen: Mit der Mannschaft holte er im Jahr 2000 Silber, dazu kamen zwei individuelle Goldmedaillen. 1972 in Skopje erzielte er 15 Punkte aus 18 Partien am Spitzenbrett, 1990 in Novi Sad kam er auf 7 aus 10 und eine Elo-Performance von 2734, die beste aller Teilnehmer.
Wolfgang Uhlmann (29. März 1935 – 24. August 2020): Beinahe-Rekordhalter

Wolfgang Uhlmann 1970 | Foto: Rob Mieremet, Anefo
Wolfgang Uhlmann, lange Jahre die Nummer 1 der DDR, war bei elf Schacholympiaden dabei und kommt auf eine Bilanz von 110,5 Punkten aus 175 Partien. Das entspricht einer Quote von 63,1 Prozent. Damit liegt er bei der Zahl der erzielten Punkte vor Hübner, aber hinter Unzicker.
Sein bestes Olympiaergebnis erzielte Uhlmann 1964 in Tel Aviv: Er holte 15 Punkte aus 18 Partien. Mit 83,3 Prozent erzielte er das beste Ergebnis aller Spieler am ersten Brett und gewann Gold. Bemerkenswert daran: Die DDR hatte das A-Finale verpasst und belegte in der Gesamtwertung nur Platz 15. OlimpBase führt Uhlmann dennoch auf Platz 1 der Einzelwertung am ersten Brett.
Zwei Jahre später in Havanna gewann Uhlmann eine weitere Einzelmedaille. Mit 13 Punkten aus 18 Partien und 72,2 Prozent holte er Bronze am ersten Brett.
Uhlmanns Olympiabilanz hätte noch eindrucksvoller ausfallen können, wenn die Sportpolitik der DDR es nicht verhindert hätte. Nach der Olympiade 1972 schickte die DDR 16 Jahre lang keine Mannschaft mehr zu Schacholympiaden, da Schach nicht zu den Sportarten gehörte, mit denen man prestigeträchtige olympische Medaillen gewinnen konnte.
Erst 1988, bei der Olympiade in Thessaloniki, war die DDR wieder dabei – und Uhlmann ebenfalls. Zwei Jahre später spielte er in Novi Sad seine letzte Schacholympiade, an Brett drei der Mannschaft der DDR. Dass eine Mannschaft der DDR in Novi Sad überhaupt antrat, ist allerdings ein historisches Kuriosum, denn als die Olympiade am 16. November begann, gab es die DDR nicht mehr – sie war mit der deutschen Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990 Geschichte geworden. Dennoch traten in Novi Sad noch einmal zwei getrennte deutsche Mannschaften an. Die Teams waren bereits vor der Wiedervereinigung gemeldet worden und durften in ihrer ursprünglichen Zusammensetzung antreten.
Ohne die 16-jährige Zwangspause hätte Uhlmann Unzickers Rekord von 13 Olympiateilnahmen wahrscheinlich übertroffen.
Die nächste Medaille?
In Samarkand haben Keymer, Blübaum, Frederik Svane, Rasmus Svane und Donchenko Gelegenheit, die deutsche Medaillenbilanz bei Schacholympiaden zu verbessern. Die Rekorde von Unzicker, Hübner und Uhlmann werden allerdings noch eine Weile bestehen.