Tata Steel Chess Wijk aan Zee: Guter Start mit viel Kohle

von André Schulz
26.01.2026 – Das Turnier in Wijk aan Zee bietet eine Fülle von Schach, Geschichten, Eindrücken und interessanten Personen. Der folgende Bericht wirft einen Blick hinter die Kulissen mit Hintergrundinformationen und Interviews. So kann man zum Beispiel den Mann kennenlernen, der hinter dem fantastischen Live-Erlebnis auf der Tata Steel Chess Webseite steckt. | Fotos: Nils Rhode, Interviews: André Schulz und Arne Kähler

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Auch ein großer Kohlehaufen konnte den Start des diesjährigen Tata Steel Schachturniers nicht aufhalten. Als die Organisatoren, die Helfer und später die Spieler, Amateure und Profis, am Sonntag zur ersten Runde des diesjährigen Tata Steel Turniers an der Halle „De Moriaan“ erschienen, fanden sie den Weg in die Halle versperrt. „Aktivisten“ einer Protestgruppe, die sich „Extinction Rebellion“ (Rebellion gegen das Aussterben) nennt, hatten den Weg zum Turniergebäude mit einem großen Kohlehaufen versperrt. Eine Gruppe von Menschen auf der gegenüberliegenden Seite erklärte mit Gesängen und Parolen im Zuge einer Demonstration, aus welchem Grund die Behinderung des Starts des Traditions-Schachturniers sinnvoll und notwendig war. Der Protest richtete sich gegen den Sponsor des Turniers, Tata Steel, genauer: gegen die Existenz der Stahlfabrik ganz in der Nähe. Deren Emissionen verunreinigen seit der Gründung der Fabrik 1916 die Luft und sorgen bei der Bevölkerung vermehrt für Krankheiten – ein nachvollziehbarer Grund für einen Protest.

Die Schachspieler sind mit ihrem Tun hier zwar nicht unmittelbar am Emissionsprozess beteiligt, jedenfalls nicht in größerem Ausmaß, aber sie hängen mit drin, meinen die Demonstranten, denn sie helfen mit dem Turnier dem Sponsor beim „sport-washing“, auch wenn sich die Schachfreunde dessen nicht bewusst sind und das auch nicht ihr Interesse ist – es ist doch gut, wenn man für alles eine griffige Bezeichnung wie z.B. „sport-washing“ hat.

Die Kohle wurde schließlich weggeräumt und auch die „Aktivisten“, die sich am Eingang festgekettet hatten. Die Aktion erregte die gewünschte Aufmerksamkeit, und so war der Zweck erfüllt. Es ist ja auch besser, als wenn in einem Museum ein schönes Bild für die Erhaltung der Arten mit Farbe beschmiert werden muss.

Mit anderthalb Stunden Verspätung konnte das Turnier doch beginnen, auch wenn die große Anzahl von Schachfreunden in der Halle nun unmittelbar begann, Sauerstoff in Stickstoff zu verwandeln – aber das hätten sie ohnehin gemacht.

Ungeachtet des Protestes vor dem Schachturnier will der Sponsor mit seiner finanziellen Unterstützung weitermachen, berichtete Turnierdirektor Jeroen van den Berg im Interview. Ins Leben gerufen wurde das Turnier seinerzeit tatsächlich von Mitarbeitern des Stahlwerkes, gute Schachspieler, die spontan ein Turnier organisierten. Daraus wurde 1938 ein offizielles Schachturnier. Die Hoogovens-Gesellschaft, Miteigentümer der Stahlfabrik, unterstützte die Initiative, und im Laufe der Zeit wurde das Turnier immer größer und immer prominenter. Die Stahlfabrik wechselte den Besitzer, aber das Sponsoring für das Turnier blieb. Mit dem aktuellen Besitzer, dem indischen Tata-Konzern, hat das Turnier noch einmal einen Aufschwung genommen. Tata unterstützt in Indien inzwischen sogar noch ein zweites Turnier. Das macht für die Firma viel Sinn, denn Schach ist nach den Erfolgen von Anand unglaublich populär in Indien, und eine Reihe von jungen indischen Großmeistern spielt in der Weltspitze oben mit. Und mit Gukesh ist ein Inder Weltmeister. Schach ist quasi Nationalsport.

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Vor Tata stand zeitweise das Sponsoring für das Turnier auf der Kippe, aber das ist jetzt kein Thema mehr, meint Jeroen van den Berg. Er glaubt nach verschiedenen Gesprächen, dass Tata mindestens die Zahl von 100 Turnieren erreichen will.

Interview mit Jeroen van den Berg

Während der Zeit des Turniers steht der ganze Ort Wijk aan Zee im Zeichen des Schachs. Es ist nicht ganz einfach, zum Turnier zu kommen. Die Schachfreunde aus Amsterdam haben mit dem Bahn-Sprinter bis Beverwijk und dann per Bus weiter noch eine einigermaßen kurze Anreise – es dauert aber auch eine Stunde. Von auswärts kann man per Flugzeug anreisen, bis Amsterdam, und dann weiter wie beschrieben. Wer Abenteuer liebt, kommt ganz mit der Bahn. In den Niederlanden orientiert sich das örtliche Unternehmen am eigenen Fahrplan. Wenn es nicht gerade viel geschneit hat oder bei heftigen Stürmen, funktioniert das recht zuverlässig. Hier gibt es nicht viel zu erleben. Aber wenn man zuvor die Deutsche Bahn bemüht, wird es spannend: Die Bahn kommt, oder kommt später, oder kommt dann doch nicht. Aus dem Westen kommend kann man auch mit dem eigenen Auto vorfahren. In den Niederlanden funktioniert auch das gut. In Deutschland, nun ja …

Wer es bis zum Ortsschild von Wijk aan Zee geschafft hat, wird mit Hinweisschildern und Lampions begrüßt. Überall im Ort stehen Schachfiguren oder Bretter in den Fenstern. Die wenigen Restaurants sind jeden Abend ausgebucht. Als Top-Tipp gilt das Tarantella, eine quasi sizilianische Exklave an der niederländischen Nordseeküste. Vielleicht wurde einst ein sizilianischer Seemann hier schiffbrüchig und ist geblieben. Wer das Restaurant betritt, sieht sofort, dass er niederländischen Boden verlassen hat. Natürlich ist das Restaurant familiengeführt.

Eingang zur Halle

Eine besondere Organisationsleistung besteht darin, aus der nüchternen Sporthalle De Moriaan einen großen Schachturniersaal zu formen. Ein Teil der Halle wird mit Raumelementen abgegrenzt und für die Partien der Topspieler reserviert. Am anderen Ende der Halle gibt es eine Ausgabe für Essen und Trinken. Die Umkleideräume werden zu Besprechungsräumen, zu Räumen für die Schiedsrichter und die vielen Helfer, zum Medizinraum, zu Ausstellungsräumen oder zu Räumen für die Presse.

Die Live-Kommentierung wurde in die Kneipe nebenan verlegt, De Zon.

Hier sitzen Simon Williams und Jovanka Houska vor einem recht großen Auditorium und erklären die Partien für die Zuschauer, vor allem für jene im Internet. Aber auch die Plätze vor der Bühne sind gut gefüllt.

Interview mit Jovanka Houska

Mit der Webpräsentation liegt das Tata Steel Turnier weit vorne. Für die Technik ist Menno Pals mit seiner Firma Menno Sport verantwortlich. Er ist ein Technik-Zauberer mit vielen innovativen Ideen, wie Minikameras, unterschiedlichen Kameraperspektiven oder ganz neu: Bildschirmen mit den Brettstellungen an den Tischen. Lennart Ootes unterstützt ihn mit vielen Content-Elementen, z.B. Statistiken.

Interview mit Menno Pals

Interview mit Lennart Ootes

Nicht unerheblich ist auch die Übertragungstechnik mit den DGT-Brettern. DGT-Chef Hans Pees berichtet von einigen Neuerungen, die es demnächst geben soll.

In den besten Zeiten des Turniers gab es drei Einladungsturniere, derzeit sind es zwei, mit je 14 Spielern und Spielerinnen. Das Masters ist mit Weltklasse-Großmeistern gespickt. Es ist das jüngste Masters aller Zeiten. Tatsächlich werden die Spieler der absoluten Weltspitze immer jünger. Der Topstar ist natürlich der indische Weltmeister Gukesh. Aber er ist nicht die Nummer eins in der Setzliste nach Elo. Das ist der junge deutsche Großmeister Vincent Keymer.

Er ist einer von zwei deutschen Spielern im Masters. Der zweifache Europameister (das hat sonst noch niemand geschafft) und WM-Kandidat Matthias Blübaum ist der zweite Deutsche im Feld.

Neben Gukesh nehmen mit Erigaisi, Praggnanandhaa und Aravindh vier weitere Inder am Masters teil. Ebenfalls aus Asien stammen die Usbeken Nodirbek Abdusattorov und Javokhir Sindarov. Der Schwerpunkt des Spitzenschachs verlagert sich allmählich mehr und mehr nach Zentralasien – Indien, Usbekistan, Kasachstan, aber auch der Iran und die Türkei haben mehr und mehr starke Spieler.

Mit Yagiz Kaan Erdogmus spielt der derzeit beste 15-Jährige im Masters mit. Er kommt aus der Türkei. Dai Thai Van Nguyen ist jetzt der beste Tscheche. Hans Niemann repräsentiert den US-Verband. Anish Giri und Jorden van Foreest vertreten die Farben des Gastgebers im Masters, und schließlich spielt noch Vladimir Fedoseev mit, jetzt im slowenischen Verband zuhause. Seine Heimat Russland hat er nach dem russischen Angriff auf die Ukraine verlassen.

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Im Challengers ist Faustino Oro der Star.

Wer ist der Star im Challengers?

Der 12-jährige Argentinier lebt nun in Spanien und wirkt schon unglaublich professionell und erwachsen. Man erwartet, dass er Abhimanyu Mishra als jüngsten Großmeister aller Zeiten ablösen wird. Oro ist auf einem guten Weg. Wenn nicht, spielt das auch keine Rolle, denn er wird ganz bestimmt seinen Weg bis in die Weltspitze gehen. Sein Plan ist, das Challengers zu gewinnen und im nächsten Jahr im Masters mitzuspielen.

Oro startete mit drei Siegen und zwei Remis und gehörte damit zum Führungstrio nach fünf Runden, zusammen mit Aydin Suleymanli und Andy Woodward. Gegen die Chinesin Lu Miaoyi zeigte der junge Weltklasse-Aspirant, was er kann, wobei die auch erst 15-jährige Chinesin durch eine Erkältung gehandicapt war.

Auf der anderen Seite des Erfolgs standen einige Zeit Erwin L’Ami und Eline Roebers. Erwin L’Ami begann mit drei Niederlagen, bevor er den Veteranen Vasyl Ivanchuk besiegen konnte.

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Eline Roebers musste vier Niederlagen verkraften, gewann dann gegen Velimir Ivic eine schöne Angriffspartie, verlor aber die folgenden Partien.

Im Masters lagen nach fünf Runden Hans Niemann und die beiden Usbeken mit 3,5 Punkten vorne. Vincent Keymer gewann zum Auftakt gegen Anish Giri, verlor dann aber gegen Fedoseev und gegen Blübaum.

Nach einem Remis gegen Erdogmus holte Keymer gegen Aravindh seinen zweiten Sieg, glich seinen Score aus und legte mit einem Sieg über den Mitspitzenreiter Hans Niemann nach. In Runde sieben gab Keymer seinen nun positiven Score nach einer Niederlage gegen Abdusattorov wieder her. Es folgte ein Remis gegen Javokhir Sindarov. Mit 50 % ist Keymer sicher nicht zufrieden.

Blübaum ist einer von drei Spielern unter 2700 im Feld, hält bislang aber sehr gut mit. Nach Remisen gegen Aravindh und Niemann besiegte er Keymer. Dann verlor er jedoch gegen Sindarov. In den Runden fünf bis acht spielte Blübaum alle Partien remis. Die deutsche Nummer zwei ist schwer zu besiegen. Nach acht Runden liegt Blübaum wie Keymer bei 4 Punkten, mit einer Eloleistung von 2727.

Alleiniger Spitzenreiter ist Nodirbek Abdusattorov mit 5,5 Punkten, obwohl der Usbeke sich in Runde acht eine Niederlage gegen Giri leisten musste.

Thai Dai Van Nguyen und ein gut gelaunter Abdusattorov am Computer von Miechel Abeln

Ein sehr gutes Turnier spielt Erdogmus. Nach vier Remis und einer Niederlage gegen Sindarov holte der junge Türke Siege gegen Van Foreest und Erigaisi und liegt mit seiner Eloleistung fast bei 2780.

   

Die vier Inder überzeugen hier eher nicht. Weltmeister Gukesh hatte nach solidem Beginn in Runde sechs ein Blackout gegen Abdusattorov und ist Sechster bis Zehnter, mit 4 Punkten. 

Trotzdem ist Gukesh der Spieler mit den meisten Fans.

Erigaisi, Praggnanandhaa und Aravindh haben noch weniger Punkte. Vielleicht ist es einfach zu kalt an der niederländischen Nordseeküste.  

Im Challengers musste der bis dahin erfolgsverwöhnte Oro in den letzten drei Runden zwei Niederlagen hinnehmen und ist vom Turniersieg jetzt doch ein Stück entfernt. In Führung liegt nach acht Runden Marcandria Maurizzi, der die letzten drei Runden gewann, zusammen mit dem 16-jährigen Andy Woodward, beide mit 6,5 Punkten. 

ChessBase schickt nach einer längeren Pause wieder ein Team nach Wijk, um mit einigen kurzen Videos und Interviews etwas Atmosphäre einzufangen.

André Schulz, Arne Kähler, Jeroen van den Belt, Ben Bartels, Nils Rhode. Es fehlt Pascal Lautenschläger, der schon abgereist war.

Zu Anfang der Runde dürfen die Journalisten mit Fotoakkreditierung auf der „Bühne“ ihre Schnappschüsse machen. Für die Spieler ist das etwas lästig, jeden Tag in einer Art Schaufenster zu sitzen und sich ablichten lassen zu müssen, aber sie ertragen es mit stoischer Geduld. Es hängt aber auch immer etwas mit der Turniersituation zusammen. Die Spieler mit gut gefülltem Punktekonto genießen die Aufmerksamkeit durchaus. Die punktlosen Spieler würden am liebsten unsichtbar sein. Die Aktivitäten im Pressezentrum nehmen im Laufe der Runde mehr und mehr an Fahrt auf. Erst herrscht noch Ruhe, dann rauschen die Spieler schließlich nach und nach herein. Fiona Steil-Antoni bittet die Gewinner der Runde für den Veranstalter zum Interview, dann geben diese je nach Laune und Müdigkeit auch dem Presse-Fußvolk Interviews.

Interview mit Fiona Steil-Antoni

Am Eingang des Pressezentrums befindet sich die Garderobe, auch für die Spieler. Man kann also alle abfangen und um eine Stellungnahme bitten. Die Verlierer der Runde schaffen es am Ende des Tages aber irgendwie, ihre Mäntel und Jacken abzuholen, ohne von Journalisten gesehen und angesprochen zu werden. Sie haben Tarnjacken oder machen sich sonst wie unsichtbar. Vermutlich schaffen sie es auch, das Haus durch einen Geheimgang zu verlassen, um nicht von den Autogrammjägern angesprochen zu werden.

Das kennen wir Schachspieler alle: Wer will denn schon über seine Niederlage sprechen...

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André Schulz, seit 1991 bei ChessBase, ist seit 1997 der Redakteur der deutschsprachigen ChessBase Schachnachrichten-Seite.
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