Die vierte Runde des Kandidatenturniers in Zypern brachte im Topspiel des Tages ein eindeutiges Ergebnis: Javokhir Sindarov besiegte Fabiano Caruana im entscheidenden Duell der beiden Führenden. Mit diesem Sieg sicherte sich Sindarov bereits imposante 3,5 Punkte und einen vollen Punkt Vorsprung. Caruana belegt nun den alleinigen zweiten Platz.
Für den usbekischen Großmeister, den jüngsten Teilnehmer – er ist vier Monate jünger als Praggnanandhaa Rameshbabu –, war es ein Traumstart. Obwohl noch zehn Runden ausstehen, hat er sich bereits eine hervorragende Ausgangsposition geschaffen, um realistische Chancen auf den ersten Platz und damit das Recht, Gukesh Dommaraju herauszufordern, zu haben.
Sindarovs jüngster Aufstieg ist bemerkenswert: Im Januar 2025 lag seine Elo-Zahl noch unter 2700, mittlerweile belegt er mit 2759,2 den sechsten Platz der Live-Weltrangliste. Erwähnenswert ist dabei, dass er drei seiner vier Partien mit Weiß gespielt hat. Die aufeinanderfolgenden Siege gegen Pragg und Caruana – zwei der Turnierfavoriten – unterstreichen die Bedeutung seines Erfolgs.

Der Mann des Tages – Javokhir Sindarov | Foto: FIDE / Michal Walusza
Trotz der Niederlage bleibt Caruana (2,5/4) alleiniger Zweiter und ist neben Sindarov der einzige Spieler mit einer positiven Bilanz nach vier Runden. Einen halben Punkt hinter Caruana liegen drei Spieler: Praggnanandhaa, Anish Giri und Matthias Bluebaum (je 2/4). Pragg und Giri haben jeweils einen Sieg und eine Niederlage auf dem Konto, während Bluebaum – bei seiner ersten Teilnahme am Kandidatenturnier – neben Sindarov als einziger Spieler ungeschlagen ist, ebenfalls dreimal mit Weiß spielte und alle seine vier Partien bisher remis gespielt hat.
Das zweite entscheidende Ergebnis des Tages erzielte Anish Giri, der Andrey Esipenko mit den schwarzen Steinen besiegte. Die beiden übrigen Partien, Wei Yi gegen Hikaru Nakamura und Bluebaum gegen Praggnanandhaa, endeten jeweils remis.
Ergebnisse Runde 4:

Eine schöne Bilanz aus Sicht von Matthias Blübaum –
gestern kam noch ein Remis hinzu.
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Blübaum und Praggnanandhaa trafen bislang noch nicht oft aufeinander. Beim Grand Swiss gewann der Deutsche undqualifizierte sich damit als Zweiter hinter Giri für dieses Kandidatenturnier. | Foto: Michal Walusza
Wie in der Runde zuvor gegen Andrey Esipenko kam es auch in Runde 4 wieder zur Diskussion um den Isolani auf d5. In der heutigen, semislawisch eröffneten Partie entschied sich Matthias Blübaum wieder dafür, dem Schwarzen zu überlassen, wie sich die Dinge entwickeln sollen.
Entgegen der vorherigen Runden hatte Praggnanandhaa Rameshbabu keine frühe Eröffnungsüberraschung vorbereitet und ging eher in eine Theoriediskussion. Etwas später stieß Blübaum dann mit dem f-Bauern vor, um den Läufer auf e5 zu installieren. Zuvor hatte der Inder bereits auf e4 seinen Springer auf einem Idealfeld postiert. Im Gegensatz zu dem Springer konnte der Läufer aber mit dem f-Bauern wieder vertrieben werden. Die Stellung bewegte sich im ausgeglichenen Bereich und es sollte um die Frage gehen, ob das weiße Läuferpaar vorteilhaft eingesetzt werden kann oder nicht.

Wei Yi und Nakamura trafen erstaunlich selten aufeinander –
und spielten bislang in klassischen Partien immer Remis.
Nakamura war derweil erneut in die längste Partie der Runde verwickelt, diesmal jedoch auf Sieg aus. Er errang in einem Doppelturm-Endspiel gegen Wei Yi einen Mehrbauern, konnte diesen aber nicht verwerten. In seiner Partieanalyse bezeichnete Nakamura 48…Tb2 als seinen letzten Fehler, da dieser zu einem Turmtausch führte.
Nakamura merkte an, dass 48…f5 ihm erlaubt hätte, die Fähigkeit seines Gegners, die Stellung mit einem Bauern weniger zu verteidigen, weiter zu testen.

Auf der Suche nach dem Sieg – Hikaru Nakamura | Foto: FIDE / Yoav Nis

Sindarovs Sieg gestern war erst die zweite klassische Partie zwischen den Beiden.
Die beiden entscheidenden Partien wurden maßgeblich von der Eröffnungsvorbereitung beeinflusst. Im Spitzenspiel konnte Sindarov eine Variante spielen, die er speziell für diese Partie geprüft hatte – mit 10. a4 aus einem angenommenen Damengambit.
Caruana geriet schnell in Zeitnot und hatte nach 18 Zügen bereits eine Stunde Rückstand. Sindarov, der die entstehenden Strukturen und Pläne genau kannte, erhöhte stetig den Druck, während Caruana gezwungen war, bei fast jedem Zug Zeit zu investieren. Ein paar Ungenauigkeiten brachten Schwarz in eine strukturell unterlegene Stellung und unter erheblichen Zeitdruck.
Im 27. Zug gelang Sindarov ein starker Bauernvorstoß, der ihm bald einen Bauern mehr und eine dominante Stellung einbrachte.
Caruana spielte noch einige Züge weiter, um die Zeitkontrolle zu erreichen, gab aber schließlich doch schon im 36. Zug auf. Zu diesem Zeitpunkt hatte er nur noch 48 Sekunden Zeit – gegenüber Sindarovs 42 Minuten.

Javokhir Sindarov besiegte den Topfavoriten Fabiano Caruana. | Foto: FIDE / Yoav Nis

Andrey Esipenko scheint zu Anish Giris Lieblingsgegnern zu gehören!
In der Partie Esipenko gegen Giri wählte der russische Großmeister eine Nebenvariante des Najdorf-Sizilianers, vermutlich aufgrund seiner gründlichen Vorbereitung. Giri demonstrierte jedoch sein umfassendes theoretisches Wissen, indem er die gewagt erscheinende Variante souverän spielte.
Esipenko opferte mit 16.b4 korrekterweise einen Bauern, um Aktivität am Damenflügel zu erzeugen, doch ein ungenauer Zug zwei Züge später ermöglichte es Giri, die Initiative zu ergreifen.
Der Zug 18…La4, mit dem Schwarz durch den Angriff auf den Turm ein Tempo gewann, verschaffte ihm einen klaren Vorteil.
Von da an war Giris Umgang mit der Initiative geradezu bewundernswert, denn er nutzte seinen Vorteil zu einem denkwürdigen Sieg nach 34 Zügen.

Tief konzentriert – Anish Giri | Foto: FIDE / Michal Walusza