New York 1924, Runde 14: Capablanca gewinnt gegen Dr. Lasker!

von Johannes Fischer
18.05.2020 – Capablanca gegen Lasker, das war das Spitzenspiel der 14. Runde des Turniers in New York 1924. Die Partie war spannend, aber noch dramatischer waren die Begleitumstände. Lasker verlor und behauptete hinterher, seine Uhr sei kaputt gewesen. Der Turnierleiter Norbert Lederer meinte hingegen, die Uhr hätte einwandfrei funktioniert, aber Lasker hätte vergessen, die Uhr zu drücken. Es gab Streit. | Foto: Capablanca (links) und Lasker bei einer anderen Begegnung (Foto: media2-web.britannica)

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New York 1924, Runde 14: Capablanca und Lasker geraten in Streit

Lasker und Capablanca sind langjährige Rivalen und das Verhältnis zwischen ihnen ist angespannt, nicht zuletzt durch langwierige Verhandlungen im Vorfeld ihres Weltmeisterschaftskampfes 1921 in Havanna. Dort verlor Lasker klar mit 0-4 bei 10 Unentschieden und musste nach 27 jahren als Weltmeister seinen Titel an Capablanca abgeben.

Bei ihrer Partie in der 14. Runde des Turniers in New York eskalierte der schwelende Konflikt zwischen dem alten und dem neuen Weltmeister weiter. Was war passiert?

Lasker erlitt in dieser prestigeträchtigen und für das Turnier so wichtigen Partie eine bittere Niederlage. Nach der Partie machte er die Uhr dafür verantwortlich:

"Das Publikum wartete gespannt auf die Partie zwischen uns beiden, eine Partie, in der mein Gegner Weiß hatte. Ein Gefühl, das der schöpferische Meister in sich spüren muss, um etwas wirklich Besonderes zu erreichen, versetzte uns in Aufregung. Ein leidenschaftlicher Kampf entwickelte sich. Plötzlich bemerkte ich, dass die Uhr, die meine Bedenkzeit regulierte, nicht richtig lief. [Der Turnierleiter] Mr. Lederer hatte die Kontrolle über und die Verantwortung für diese Uhr. Nach genauerer Inspektion zeigte sich, dass ich durch den Defekt der Uhr 15 Minuten meiner Bedenkzeit verloren hatte. Das war ein ernsthafter Nachteil für mich, der noch vergrößert wurde, weil ich während der Reparatur weitere zwanzig Minuten verlor. ... Als Folge meiner Aufregung über dieses Intermezzo, meiner verlorenen Bedenkzeit und meiner Erschöpfung unterlief mir in einer guten und klaren Stellung ein Fehler und ich verlor die Partie." (vgl. Edward Winter, Capablanca, S. 196)

Doch der Schachhistoriker Miguel Sanchez, ein Experte in Sachen Capablanca, stellt den Vorfall anders dar:

"Lasker zufolge hatte seine Uhr einen Defekt und zeigte bei Lasker einen größeren Zeitverbrauch an, als er wirklich brauchte. Lederer zufolge gab es keine Probleme mit der Uhr, sondern Lasker hatte einfach vergessen, die Uhr zu drücken. Als Lasker nicht zugegen war, hielt Lederer die Uhr an und gab dem Ex-Weltmeister acht zusätzliche Minuten, obwohl Lasker meinte, der Unterschied hätte 15 Minuten betragen. Auf Laskers Beschwerde, dass ihn die Schwierigkeiten mit der Uhr in Zeitnot gebracht hätten, meinte Lederer, der Kubaner sei der einzige gewesen, der in Zeitnot gewesen sei, wie das Partieformular belegen würde. ... Das Turnier wurde mit einer Bedenkzeit von zwei Stunden für 30 Züge gespielt. Lasker hatte übrigens eine ähnliche Beschwerde vorgebracht, als er in der ersten Partie des WM-Kampfs gegen Capablanca einfach vergessen hatte, die Uhr zu drücken." (vgl. Miguel A. Sánchez, José Raúl Capablanca, S. 282-283)

Was genau passiert ist, lässt sich vielleicht nie eindeutig klären, aber die Spannungen zwischen Capablanca und Lasker und auch die Spannungen zwischen Lasker und dem Turnierleiter Norbert Lederer haben sich durch den Vorfall mit der Uhr auf alle Fälle weiter verschärft. So warf Capablanca Lasker vor, Ausreden für seine Niederlagen gegen Capablanca zu suchen:

"Es scheint, als ob Dr. Lasker jedes Mal versucht, ein Alibi zu finden, wenn er eine Partie gegen mich verliert. In Havanna war es eine Hitze, die selbst in diesem Klima noch nie dagewesen war, ganz zu schweigen von dem Essen und der Sonne, obwohl wir abends gespielt haben. In New York ist sein Alibi die Uhr. Hätten wir woanders gespielt, so habe ich keinen Zweifel, dass er das Klima für zu kalt befunden hätte." (Vgl. Edward Winter, Capablanca, S. 197)

Die Partie selbst war kompliziert, aber lange Zeit ungefähr ausgeglichen. Doch dann provozierte Lasker einen Abtausch im Zentrum, der ihn plötzlich in Gefahr brachte. Nach einer Ungenauigkeit Capablancas verpasste Lasker dann die Chance zu Gegenspiel und verlor schnell.

 

Doch trotz dieser Niederlage führt Lasker das Feld mit 9½/13 weiter alleine an und liegt immer noch einen ganzen Punkt vor Capablanca, der sich mit diesem Sieg mit 8½/13 auf den den alleinigen zweiten Platz geschoben hat.

Die Partie zwischen Capablanca und Lasker und ihre Begleitumstände sorgte natürlich für die größte Aufregung während und nach der Runde, aber auch die anderen Partien waren interessant.

So gewann Savielly Tartakower mit moderner Eröffnung und feinem positionellem Spiel gegen Frank Marshall.

 

Auch Efim Bogoljubow gelang gegen Edward Lasker eine hübsche Positionspartie, die er mit einem Qualitätsopfer krönte.

 

Alexander Aljechin stand gegen Geza Maroczy nach starkem Spiel kurz vor einem Sieg, aber gab dann den Vorteil aus der Hand und ließ seinen Gegner ins Dauerschach entschlüpfen.

 

Frederick Yates, der mit Schwarz gegen Dawid Janowsky spielte, kam nach der Eröffnung zu gutem Spiel, aber vergab alle seine Chancen und verlor am Ende noch.

 

Ergebnisse der 14. Runde

S. Tartakower 1-0 F. Marshall
A. Alekhine ½-½ G. Maroczy
D. Janowsky 1-0 F. Yates
Efim Bogoljubow 1-0 Ed. Lasker
J.R. Capablanca 1-0 Em. Lasker

Spielfrei: Richard Reti

Stand nach 14 Runden

Rg. Name 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 Pkt.
1 Emanuel Lasker   ½0 ½  11 ½  ½  ½  11 9.5
2 Jose Raul Capablanca ½1   ½½ ½1 ½  ½  ½  8.5
3 Richard Reti   01 01 ½  ½  8.0
4 Alexander Alekhine ½½ 10   ½  ½  ½  ½  7.5
5 Saviely Tartakower ½  ½    ½½ ½1 ½0 ½  6.5
6 Efim Bogoljubow 00 10 ½    ½1 6.0
7 Geza Maroczy ½0 ½  ½½   ½  6.0
8 Frank James Marshall ½  ½  ½  ½  ½0   ½  11 6.0
9 Frederick Dewhurst Yates ½  ½    11 ½1 4.5
10 Edward Lasker ½  ½  ½  ½1 ½0 ½  00   4.0
11 Dawid Markelowicz Janowski 00 ½  ½  00 ½0   3.5

Partien

 

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Johannes Fischer, Jahrgang 1963, ist FIDE-Meister und hat in Frankfurt am Main Literaturwissenschaft studiert. Er lebt und arbeitet in Nürnberg als Übersetzer, Redakteur und Autor. Er schreibt regelmäßig für KARL und veröffentlicht auf seinem eigenen Blog Schöner Schein "Notizen über Film, Literatur und Schach".

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