New York 1924, Runde 16: Dr. Lasker schlägt Reti!

von Johannes Fischer
20.05.2020 – Ex-Weltmeister Dr. Emanuel Lasker ist wieder in Form. In Runde 14 des Turniers in New York hatte er eine bittere Niederlage gegen Capablanca hinnehmen müssen, in Runde 15 war er spielfrei, doch jetzt, in Runde 16, gewann Lasker mit Schwarz in einer kämpferischen Partie gegen Reti und dessen hypermoderne Eröffnung 1.Sf3. Nach diesem Sieg ist Lasker mit 10½/14 wieder alleiniger Spitzenreiter. Ansonsten war Runde 16 eine Runde der verpassten Chancen.

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Verpasste Chancen

Das Turnier in New York ist das stärkste und wichtigste Schachturnier seit dem Turnier in St. Petersburg vor zehn Jahren und das Turnier in New York ist auch ein Kampf alter und neuer Schachauffassungen. Denn Spieler wie Richard Reti, Alexander Aljechin und Savielly Tartakower, die in New York alle dabei sind, spielen neue Eröffnungen und vertreten in Theorie und Praxis neue Konzepte und neue strategische Ideen, die man in Abgrenzung zu Tarraschs Buch "Die moderne Schachpartie" gerne "hypermodern" nennt.

Der Zug 1.Sf3, mit dem Reti in New York gegen Capablanca und Aljechin gewonnen hat, liefert ein gutes Beispiel für die neuen Auffassungen der Hypermodernen: Weiß besetzt das Zentrum nicht mit Bauern, sondern kontrolliert es mit Figuren und verschiebt die Besetzung des Zentrums mit den Bauern auf später.

Mit 55 Jahren ist Ex-Weltmeister Dr. Emanuel Lasker nach Dawid Janowsky der zweitälteste Teilnehmer in New York und gehört schon deshalb zu den Vertretern "alter" Schachauffassungen, obwohl Lasker am Schachbrett in seiner gesamten Karriere vor allem Praktiker und weniger Theoretiker gewesen ist.

Dennoch war die Begegnung zwischen Reti und Lasker ein Kampf unterschiedlicher Schachauffassungen. Ganz zu schweigen davon, dass sie für den Kampf um den Turniersieg wichtig war. Lasker musste nach seiner Niederlage gegen Capablanca wieder ins Turnier finden, Reti hätte nach einem Sieg gegen Lasker weiter vom Turniersieg träumen können.

Tatsächlich entwickelte sich die Partie zu einem packenden Zweikampf, den Lasker nach einigen Ungenauigkeiten Retis letztendlich verdient gewann.

 

Aber auch die vier anderen Partien des Tages waren interessant, vor allem, weil sie reichlich Anschauungsmaterial dafür lieferten, dass auch die besten Spieler der Welt nicht perfekt sind.

So stand Efim Bogoljubow gegen Frederick Yates nach starkem Mittelspiel deutlich besser, aber verwandelte seine gute Stellung auf der Suche nach einem Gewinn dann in eine Verluststellung, was sein Gegner allerdings nicht ausnutzen konnte, wodurch Bogoljubow am Ende doch noch gewann.

 

Auch Edward Lasker hat im bisherigen Verlauf des Turniers eine ganze Reihe guter Chancen verpasst. Und auch gegen Alexander Aljechin war für Lasker mehr drin. Lasker hatte Schwarz und überspielte Aljechin im Königsinder aus der Eröffnung heraus überzeugend. Doch im entscheidenden Moment verpasste er wie so oft in diesem Turnier den Gewinn und Aljechin konnte ins Remis entschlüpfen.

 

Auch Weltmeister José Raúl Capablanca nutzte nicht alle seine Chancen. Er stand gegen Frank Marshall nach der Eröffnung klar besser, aber fand keine Möglichkeit, um seinen Vorteil auszubauen und so endete auch diese Partie mit Remis.

 

Zu einem gradlinigen und überzeugenden Sieg kam dafür Savielly Tartakower gegen Dawid Janowsky, der in der Eröffnung kein überzeugendes Konzept und schnell schweren Schiffbruch erlitt.

 

Nach 16 von 22 Runden liegt Emanuel Lasker damit wieder alleine an der Spitze der Tabelle. Er kommt auf 10½ Punkte aus 14 Partien und liegt damit einen halben Punkt vor Capablanca, der mit 10 aus 15 auf Platz zwei folgt, aber in der zweiten Hälfte des Turniers noch nicht spielfrei war. Aljechin folgt mit 9 auf 15 auf Platz drei, Reti und Bogoljubow mit 8 aus 14 und 8 aus 15 auf den Plätzen vier und fünf.

Sechs Runden vor Schluss hat Lasker damit die besten Chancen auf den Turniersieg. Wenn Capablanca das Turnier noch gewinnen will, dann muss er im Schlussspurt überzeugen – und Lasker straucheln. 

Ergebnisse der 16. Runde

R. Reti 0-1 Em. Lasker
E. Bogoljubow 1-0 F. Yates
A. Alekhine ½-½ Ed. Lasker
J.R. Capablanca ½-½ F. Marshall
S. Tartakower 1-0 D. Janowsky

Spielfrei: Geza Maroczy

Stand nach 16 Runden

Rg. Name 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 Pkt.
1 Emanuel Lasker   ½0 11 11 ½  ½  ½  ½  11 10.5
2 Jose Raul Capablanca ½1   ½½ ½½ ½1 ½  ½1 10.0
3 Alexander Alekhine ½½   10 ½  ½  ½  11 ½½ 9.0
4 Richard Reti 00 01   01 ½0 ½  8.0
5 Efim Bogoljubow 00 ½  10   01 11 ½1 8.0
6 Saviely Tartakower ½  ½  10   ½1 ½½ ½0 ½1 7.5
7 Frank James Marshall ½  ½½ ½  ½1 ½0   ½  11 7.5
8 Geza Maroczy ½0 ½  ½½   ½1 7.0
9 Frederick Dewhurst Yates ½  00 00 ½    11 ½1 4.5
10 Edward Lasker ½  ½  ½½ ½0 ½1 ½0 00   4.5
11 Dawid Markelowicz Janowski 00 ½0 ½0 00 ½0   3.5

Partien

 

Links



Johannes Fischer, Jahrgang 1963, ist FIDE-Meister und hat in Frankfurt am Main Literaturwissenschaft studiert. Er lebt und arbeitet in Nürnberg als Übersetzer, Redakteur und Autor. Er schreibt regelmäßig für KARL und veröffentlicht auf seinem eigenen Blog Schöner Schein "Notizen über Film, Literatur und Schach".