New York 1924, Runde 22: Triumph für Dr. Lasker

von Johannes Fischer
26.05.2020 – Ex-Weltmeister Dr. Emanuel Lasker stand vor der 22. und letzten Runde des Turniers in New York 1924 bereits als Turniersieger fest, Weltmeister José Raúl Capablanca war sicher Zweiter. Aber dennoch wurde in der Schlussrunde verbissen gekämpft und vier der fünf Partien endeten mit einer Entscheidung – und die fiel in allen vier Partien zugunsten von Weiß aus. | Foto: Freiheitsstatue in New York (Quelle: Library of Congress)

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New York 1924: Dr. Emanuel Lasker verblüfft und triumphiert

Emanuel Lasker besiegte Frank Marshall mit einer seiner Lieblingsvarianten: der Abtauschvariante im Spanier. Marshall konterte mit einem frühen Bauernopfer, das aber nicht den gewünschten Erfolg brachte.

 

Mit diesem Sieg beendet Lasker das Turnier mit 16 Punkten aus 20 Partien (+13, =6, -1), ein eindrucksvolles Ergebnis. Besonders beeindruckend war dabei der Schlussspurt des 55-jährigen Ex-Weltmeisters. Nach seiner Niederlage gegen Capablanca in Runde 14 war Lasker in Runde 15 spielfrei, aber holte dann 6½ Punkte aus den letzten 7 Partien.

Capablanca stand gegen Bogoljubow nach missglückter Eröffnung lange Zeit schlechter, aber verteidigte sich umsichtig und konnte im Endspiel am Ende sogar noch gewinnen.

 

Richard Reti, dem das Losglück in der ersten Hälfte des Turniers viele Weißpartien beschert hatte, startete gut ins Turnier, aber erlitt dann in der zweiten Turnierhälfte, in der er entsprechend mit Schwarz spielen musste, einen Einbruch. Doch in der letzten Runde hatte Reti mit Weiß noch einmal Gelegenheit, "seine" Eröffnung 1.Sf3 zu testen. Mit Erfolg: Er kam zu einem schnellen, einfachen und klaren Sieg gegen Dawid Janowsky.

 

Geza Maroczy kam gegen Frederick Yates zu einem überzeugenden Angriffssieg, nachdem sich Yates in einem Spanier mit Schwarz zu viele Freiheiten erlaubt hatte.

 

Aljechin und Tartakower trennten sich in einer Partie ohne größere Aufregung nach 32 Zügen mit Remis – das einzige Unentschieden der Runde.

 

Ergebnisse der 22. Runde

J.R. Capablanca 1-0 E. Bogoljubow
Em. Lasker 1-0 F. Marshall
A. Alekhine ½-½ S. Tartakower
G. Maroczy 1-0 F. Yates
R. Reti 1-0 D. Janowsky

Spielfrei: Edward Lasker

Endstand nach 22 Runden

Rg. Name 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 Pkt.
1 Emanuel Lasker   ½0 ½1 11 11 11 ½1 ½1 ½1 11 16.0
2 Jose Raul Capablanca ½1   ½½ ½½ 01 ½1 11 11 ½1 ½1 14.5
3 Alexander Alekhine ½½   ½½ 10 ½½ ½½ 11 ½½ 11 12.0
4 Frank James Marshall ½0 ½½ ½½   ½1 01 ½0 ½1 11 11.0
5 Richard Reti 00 10 01 ½0   ½½ 01 11 10 10 11 10.5
6 Geza Maroczy 00 ½0 ½½   01 ½½ 11 ½1 10 10.0
7 Efim Bogoljubow 00 00 ½½ 10 10 10   01 11 ½1 01 9.5
8 Saviely Tartakower ½0 00 ½½ ½1 00 ½½ 10   10 ½0 ½1 8.0
9 Frederick Dewhurst Yates ½0 00 ½0 01 00 00 01   11 ½1 7.0
10 Edward Lasker ½0 ½0 ½½ 01 ½0 ½0 ½1 00   6.5
11 Dawid Markelowicz Janowski 00 ½0 00 00 00 01 10 ½0 ½0   5.0

Schönheitspreise

Der erste Schönheitspreis, einen von W. M. Vance aus Princeton gestifteten Silberpokal sowie 75 Dollar in Gold, die Albert H. Loeb aus Chicago ausgelobt hatte, ging an Richard Reti für seine Partie gegen Bogoljubow.

 

Der zweite Schönheitspreis (50$, gestiftet von Abb Landis aus Nashville, Tennessee) ging an Frank Marshall für seinen Angriffssieg gegen Bogoljubow.

 

Und den dritten Schönheitspreis ($25, gestiftet von Edward L. Torsch aus Baltimore in Maryland) erhielt Capablanca für seine Partie gegen Dr. Lasker.

 

Lasker triumphiert, Capablanca ist kleinlich

Das Turnier in New York war eines der stärksten – wenn nicht das stärkste – Turnier der bisherigen Schachgeschichte. Mit Ausnahme von Akiba Rubinstein und Aron Nimzowitsch war die gesamte Weltspitze in New York am Start. Der überzeugende Sieg von Emanuel Lasker, den viele nach seiner vernichtenden Niederlage im Weltmeisterschaftskampf gegen Capablanca in Havanna 1921 schon abgeschrieben hatten, ist deshalb eine Sensation. Umso mehr, wenn man bedenkt, dass der 55 Jahre alte Lasker der zweitälteste Teilnehmer in New York war.

Lasker war 27 Jahre lang Weltmeister und hat im Laufe seiner Schachkarriere zahlreiche Erfolge errungen, aber sein Sieg in New York gehört sicher zu den größten Triumphen seiner langen Laufbahn.

Lasker hat in New York nur gegen Capablanca verloren, doch am Ende hatte er ganze anderthalb Punkte mehr aufzuweisen als der amtierende Weltmeister, der mit 14½/22 mit Platz zwei vorlieb nehmen musste. Leider ließ Capablanca in einer Nachbetrachtung des Turniers Größe vermissen und wertete den Turniersieg Laskers ab. In einem Kommentar über Laskers Spiel in New York führte Capablanca dessen Erfolg auf das schwache Spiel der anderen Teilnehmer zurück, und meinte, dass auch nach dem Turnier in New York niemand ernsthaft bezweifeln könnte, dass er, Capablanca, weiterhin der beste Schachspieler der Welt ist.

Ich glaube nicht, dass Dr. Lasker selbst irgendeinen Zweifel an meiner Überlegenheit ihm gegenüber unterhält. Abgesehen von einer gewissen Zahl von Parteigängern, die fanatisch an ihren Ansichten festhalten, kann niemand nach der Sache in Havanna und dem jetzigen Turnier irgendeinen Zweifel hegen. [In New York] war ich in so schlechter Form, dass ich mich frage, wie es überhaupt geschehen konnte, dass ich auf dem zweiten Platz gelandet bin. Doch während man so tut, als ob er Wunder gewirkt hätte (eine Sicht, die ich nicht teile), habe ich ihn in unserer direkten Begegnung geschlagen. Offen gesagt bin ich sicher, dass es Dr. Lasker in einem zweiten Match nicht besser ergehen würde als in Havanna.

Tatsächlich bin ich der ehrlichen Meinung, dass er in Havanna besser gespielt hat als im New Yorker Turnier, und dass sein Turniersieg vor allem darauf zurückzuführen ist, dass es den jüngeren Meistern nicht gelungen ist, entsprechend ihrer angeblichen Spielstärke aufzutreten. Ich möchte hiermit nicht seine Leistung schmälern, die, wenn man bedenkt, dass sie nach einer über dreißig Jahre dauernden internationalen Turnierkarriere erreicht wurde, wirklich außerordentlich ist. Ich möchte jedoch versuchen, die Dinge in ihrem richtigen Licht erscheinen zu lassen. Sein Spiel war gut, aber nicht von der weltbesten Art. Seine Entschlossenheit muss jedoch umso mehr bewundert werden. Ich bin nur halb so lange dabei wie er, doch ich könnte so viel Energie weder in ein einfaches Turnier noch, wie ich glaube, in einen Wettkampf legen, es sei denn, mein Weltmeistertitel wäre in Gefahr. (Quelle: R. Forster, M. Negele, R. Tischbierek, Emanuel Lasker, Volume II: Choices and Chances: Chess and Other Games of the Mind, S. 330)

Lasker reagierte umgehend:

Ich glaube, dass der Weltmeister mir in bestimmten Bereichen überlegen ist. In anderen Bereichen entdecke ich eine Schwachstelle in seinem schachlichen Arsenal und halte mich ihm für überlegen. In der Gesamtsumme – und verzeihen Sie meine Eitelkeit – bezweifle ich seine Überlegenheit tatsächlich. (Quelle: R. Forster, M. Negele, R. Tischbierek, Emanuel Lasker, Volume II: Choices and Chances: Chess and Other Games of the Mind, S. 330)

Die schachliche Rivalität zwischen Lasker und Capablanca hat das Turnier in New York spannend und faszinierend gemacht. Doch der verbale Schlagabtausch zwischen Lasker und Capablanca und der ärgerliche Streitfall um die angeblich defekte Uhr, die Lasker für seine Niederlage gegen Capablanca in Runde 14 mitverantwortlich gemacht hat, vergiften die Erinnerung an ein großartiges Turnier, das noch lange im Gedächtnis der Schachwelt bleiben wird.

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Johannes Fischer, Jahrgang 1963, ist FIDE-Meister und hat in Frankfurt am Main Literaturwissenschaft studiert. Er lebt und arbeitet in Nürnberg als Übersetzer, Redakteur und Autor. Er schreibt regelmäßig für KARL und veröffentlicht auf seinem eigenen Blog Schöner Schein "Notizen über Film, Literatur und Schach".

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